
Trennungen sind meiner Erfahrung nach nie einfach, für keine Seite. Dabei sollten wir doch Übung haben. So oft lassen wir Menschen oder Dinge im Leben hinter uns. Wir schmeißen die meisten Dinge sogar weg, weil sie für uns den Wert verloren haben. Der Joghurtbecher, in dem jetzt kein Joghurt mehr ist, bei dem der Deckel sich nicht wieder verschließen lässt, wandert in den Recycling-Müll. Er hat seine Aufgabe erfüllt und kann gehen.
Von anderen Gegenständen trennen wir uns nur sehr ungern, auch wenn sie ihren ursprünglichen Zweck in der Welt erfüllt haben. Das T-Shirt, das du auf dem Konzert, das du mit deiner besten Freundin besucht hast, gekauft hast. Es hat zwar schon viele Löcher, der Aufdruck ist verblasst, doch die Erinnerung gibt dir jedes Mal ein warmes Gefühl, wenn du es anziehst.
Viele bezeichnen unsere aktuelle Phase der Gesellschaft als Wegwerfgesellschaft. Wir schmeißen weg und kaufen neu. Trotzdem haben wir Menschen Tendenzen, an Dingen festzuhalten, wie an diesem T‑Shirt.

Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft gehen zum Glück mit Menschen anders um als mit Gegenständen. Wir werfen sie nicht einfach weg. Das ist sehr gut. Denn so wie es viele Dinge nicht verdient hätten, hat es erst recht kein lebendes Wesen verdient, weggeworfen zu werden.
Trotzdem trennen wir uns oft von Menschen. Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Freunde ich im Leben bereits jetzt verloren habe, dann stimmt mich das traurig. Sie sind nicht gestorben, nur falls ich dich aufgrund der Begrifflichkeit verloren zu dem Gedanken verleitet habe. Die Trennung von ihnen erfolgte in der Regel passiv und daher vermutlich einvernehmlich.
Ohne großen Knall, ohne zu wissen, wieso. So wie die meisten Trennungen, die wir im Leben vollführen.
Nur unseren romantischen Partnern gestehen wir, zumindest öfter, einen klaren Schnitt zu. Manchmal verbergen wir das Warum, weil es uns selbst zu sehr schmerzt oder weil wir unser Gegenüber nicht im letzten Akt der Beziehung verletzen wollen.
Trennungen von Partnern sind so mannigfaltig wie die Gründe dafür. Und manchmal gibt es eben keinen klaren Grund. Auseinandergelebt. Sie fühlen es einfach nicht mehr. Es ist, als ob der gemeinsame Weg sich an einer Gabelung getrennt hätte. Doch so lange sind sie händchenhaltend in Verbindung geblieben, dass sie es lange Zeit nicht bemerkten, und jetzt, da die Arme so gestreckt sind, sind sie zu weit gegangen, um noch einmal umzukehren.
Dieser Trennungsgrund ist, so meine ich, der häufigste, wenn es um Freunde und Bekannte geht. Nur selten sind wir dazu gezwungen ihn auszusprechen. Die Beziehung schläft ein. Wir sehen uns nicht mehr. Wir telefonieren nicht mehr. Wir schreiben nicht mehr. Wir hören nicht mehr über andere Freunde voneinander.
In einer der wichtigsten, weil von Umbruch geprägten Phasen meines Lebens, hatte ich einen Freund, den ich fast jeden Tag gesehen habe. Wir haben uns unterstützt, geholfen. Ich mochte seine Partnerin. Wir bekamen einen weiteren gemeinsamen Freund, mit dem ich unglaublich viel länger auch noch in Verbindung stand. Wir waren sehr eng. Noch heute, nach vielen Jahren, fällt es mir schwer, zu sagen, warum diese Freundschaft auseinandergefallen ist. Er und ich fingen an mehr zu arbeiten, in verschiedenen Bereichen. Ein gemeinsamer Ort, an dem wir uns oft sahen, fiel weg. Und irgendwann war mir klar geworden: Wir hatten uns voneinander getrennt, der gemeinsame Weg war schon länger vorüber. Vor einiger Zeit habe ich überrascht festgestellt, dass unser gemeinsamer Freund immer noch Kontakt zu ihm hat. Es hat sich also nicht unser Trio aufgelöst, sondern nur ich bin da herausgefallen. Die Beziehung der beiden hatte ebenfalls eine Veränderung durchlaufen: Die Frequenz des Kontaktes hatte sich verändert, die Abstände wurden größer.
Der größte Freunde-Umbruch, der glaube ich, jedem im Leben passiert, ist die Zeit direkt nach der klassischen Schulbildung, wenn es ins Studium oder die Ausbildung geht. Hier zeigt sich das erste Mal, dass wir bestimmte Wegbegleiter nur in einem bestimmten Setting oder einer bestimmten Phase unseres Lebens haben. Noch nie habe ich so viele Freunde, mit denen ich mich oft gesehen habe, in so kurzer Zeit verloren, wie nach der Schulzeit.
Es hat nach der Schule gedauert, bis ich mich auf neue Leute einlassen konnte. Ich habe mittlerweile verstanden, dass wir nur einen kleinen Kreis echter Freunde in unserem Leben haben und es okay ist, wenn dieser sich durch die Zeiten hindurch verändert, ein Gedanke, dem ich in „Abwesende Freunde" mehr Raum gegeben habe. Es ist auch okay, dass diese Menschen aus unserem Leben ausschleichen und wir uns eben nicht hart trennen. Das lässt einem die Hintertür offen, für den Fall, dass die Freundschaft wieder aufflammt, weil die Schnittmenge wieder größer geworden ist, und schmälert nicht die Zeit, die hinter einem liegt. Du bist eben an einer anderen Haltestelle ausgestiegen. Das bedeutet nicht, dass du die Person nicht im nächsten Pendlerzug des Lebens wiedersehen kannst.
Vielleicht fällt es uns gerade deswegen so schwer, mit Freunden Schluss zu machen. Wir sind gewohnt, dass Freundschaften in ihrer Intensität hoch- und herunterfahren oder gar ganz verblassen. In der Regel führen wir nicht so viele romantische Beziehungen, dass wir geübt sind, uns so zu trennen, dass es sauber passiert. Ich könnte mich fragen, warum das mit Freunden überhaupt notwendig sein sollte. Ihnen in einem großen Moment des Abtrennens der Verbindung zu erklären, dass es vorbei ist und vielleicht sogar warum?

In meinem bisherigen Leben hatte ich zwei solche Situationen, in denen ich mich aktiv und laut von jemandem aus meinem Freundeskreis verabschiedet habe. Selbst, wenn die andere Seite das vielleicht anders bewerten möchte, es war für mich nie leicht und ging mit einigen Tränen meinerseits einher.
Die erste Trennung erfolgte im direkten Gespräch. Ein Freund aus Kindheitstagen driftete immer weiter ab. Neben Alkohol in Massen war er auch anderen Drogen zugetan und dabei nicht nur Gras, sondern auch Kokain und vielem mehr. Ich hatte bereits einige Zeit beobachtet, dass er sich veränderte. Er brauchte jetzt sein Bier, um runterzukommen. Ich sah ihn fast nie mehr ohne Alkohol in irgendeiner Form. Party machen ging auch nicht mehr ohne irgendwelche Drogen oder Tabletten. Ich spürte, wir bewegten uns in verschiedenen Kreisen, was normalerweise zu einer passiven Trennungssituation führen würde, doch aufgrund der Randbedingungen mit den Rauschmitteln wollte ich es nicht dazu kommen lassen.
In mir der anmaßende Glaube, wenn ich ihm als Freund klipp und klar sage, es wäre vorbei, und zwar deswegen und vor allem, weil ich mich um ihn sorgte, um seine Gesundheit, würde er merken, auf welchem Pfad er war. Ich nahm mich zu wichtig, es herrschte lange Jahre böses Blut, überschneidende Freundeskreise hatten ihre Probleme und wenn wir uns auf Feiern begegneten, gingen wir uns aus dem Weg.
Es dauerte einige Jahre, da flammte wieder eine Freundschaft auf, sein Konsum ging auf ein moderates Maß zurück und wir beide erinnerten uns an die gute gemeinsame Zeit und erlebten neue gute Momente. Leider nahm ich mich erneut zu wichtig und sagte ihm, dass ich es für keine schlaue Idee halten würde, wenn er mit seiner Ex-Partnerin wieder zusammenkäme. Ich erinnerte ihn daran, wie schlecht es ihm nach jeder der drei Trennungen davor ging und wie tief das Loch war, in das er fiel.
Rückblickend keine gute Idee, da unsere Freundschaft scheinbar nicht die Basis des Vertrauens hatte, denn daraufhin bepöbelte er mich, was für ein Hund ich sei und nur neidisch auf sein Glück. Wenn ich jemals das Glück finden würde, würde er es sich zur Aufgabe machen, es zu zerstören.
Ganz schön theatralisch machte er dieses Mal mit mir Schluss. Doch seine Worte haben gesessen und mich nachhaltig verletzt. Vielleicht steckte ich selbst in einer On-off-Beziehung, nur mit ihm, die mir nicht gut tat. Wir haben seitdem keinen Kontakt mehr gehabt. Er ist, soweit ich weiß, nicht mehr mit der erwähnten Partnerin zusammen. Wie oft er es noch war, weiß ich nicht.

Bei der zweiten Person befand ich mich schon weit in meinem Erwachsenenleben. Wir hatten eine gute Freundschaft. Regelmäßig sahen wir uns zum Essen. Hatten genug unterschiedliche Lebenswirklichkeiten, um uns zu ergänzen, waren aber nicht weit genug voneinander entfernt, um uns gut zu verstehen. Die Freundschaft mit ihm blühte um die Ecke auf und brauchte einen langen Anlauf, bis wir uns außerhalb der Gruppe trafen, in der wir uns kennengelernt hatten. Wir verbrachten aus meiner Sicht viele schöne Zeiten zusammen. Mit der Geburt seines Sohnes, die ich gemeinsam mit ihm feierte, begann sich jedoch sein Weltbild zu verschieben.
Zu dieser Zeit war ich bereits nicht mehr oft in den sozialen Medien unterwegs, doch bei meinen Ausflügen fiel mir immer öfter auf, dass er aus meiner Sicht komische Inhalte teilte. Nicht offen rechtsradikal, aber schon klar tendenziös. Als sich die Inhalte immer weiter in eine ausländerfeindliche Richtung bewegten, stellte ich fest, dass die meisten Inhalte von AfD‑nahen Usern, die für mich wie Fake aussahen und nicht wie echte Menschen, gepostet wurden.
In unserem letzten langen Gespräch, in dem ich ihn zur Rede stellte, war es ihm sichtlich unangenehm. Er wäre kein Nazi, er hätte ja nichts gegen Ausländer, es wären zu viele hier. Darauf angesprochen, dass es bei ihm im Ort schon ein Problem gäbe, überhaupt einen Menschen mit Migrationshintergrund zu treffen, äußerte er, es wäre nun mal das, was er fühlt. Und damit war ich chancenlos.
Wenn mit Gefühlen anstelle von Fakten diskutiert wird, kann ich nicht mehr gewinnen. Die ganze Situation wirkt auf mich heute noch obskur, da wir uns immer in einem Lokal trafen, das dafür bekannt war, weltoffen, politisch links zu sein und auch sehr laut „Refugees Welcome“ rief. Die ganze Situation wirkte so deplatziert, dass ich es auf mich wirken lassen musste, ehe ich ihm die Trennung mit Grund nach einem weiteren Gespräch offenbarte. Auch an diesen Freund denke ich heute noch immer wieder.

Warum soll ich mich dem Ganzen aussetzen? Warum die klaren Worte finden? Ist es für einen selbst? War ich wirklich egoistisch, als ich mich von Person eins trennte? Das muss wohl jeder selbst für sich bewerten. Trotzdem halte ich es für sinnvoll, dass Freundschaften nicht nur verglimmen, sondern dass in der Trennung auch eine Wertschätzung liegen kann. Die vergangene Zeit mit dir war mir wichtig und ich sage dir, was sich verändert hat.
Verändert habe ich keinen von beiden. Geblieben ist nur die Gewissheit, dass ich es ihnen gesagt habe.
Und dass mich das mehr gekostet hat als jedes Verglimmen.
Manche Trennungen verdienen mehr als Schweigen.
Wenn dich dieser Text an eine eigene erinnert hat, gib ihm einen Restack.
Das ist die leise, aber sichtbare Version von “das kenne ich auch”.
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Freiwillig, einmalig, ohne Verpflichtung.
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Sehr gut und reflektiert geschrieben. Natürlich kenne ich das auch, aber ich möchte lieber von einer positiven Freundschaft sprechen. Ich pflege eine Freundschaft mit 4 anderen Frauen, wir sind seit der Grundschule befreundet, bis zur Ausbildung waren wir fast jeden Tag zusammen. Danach verstreute es sich. 2 gingen studieren, eine machte ihre Ausbildung 2 Std entfernt. Heute sind wir in ganz Deutschland verteilt, aber dieses Gefühl der Nähe und Zuneigung ist immer noch wie früher. Ich liebe sie, wir sind von den Charakteren, komplett verschieden, aber die Liebe ist da. Auch wenn man nur 2-4 mal im Jahr telefoniert oder sich einmal im Jahr trifft. Wenn was ist sind wir immer für einander da🥰🥰🥰
Manchmal muss man sich von Menschen trennen, die nicht gut für einen selbst sind.
Vielleicht möchte man nicht auf den Weg geraten, auf dem sich der andere schon befindet. Dazu gehört wieder viel Kraft und Klarheit darüber, wie man selbst sein will, was man selbst für sich akzeptieren möchte. Dafür braucht man Rückgrat.