An manchen Tagen sitze ich da und frage mich: Wo sind denn alle?

Es gibt einige Dinge auf der Welt, die ich nicht verstehe. Ghosting ist eines davon. Eigentlich bekannt aus der Dating-Welt. Der spontane, vollständige Kontaktabbruch. Dabei geht mir eine Frage durch den Kopf: Wurde Goethe vielleicht schon geghostet?
Ich sehe ihn vor mir, wie er einer jungen Frau immer und immer wieder Briefe schrieb, sie möge doch von sich hören lassen. Leidend in der Welt wie der junge Werther, sich verzehrend nach ihrer Nähe. Ab dem wievielten Brief, der unbeantwortet blieb, galt der Dichterfürst wohl als geghostet?
Aus der Dating-Welt kommen viele Wortneuschöpfungen oder vielmehr Wortumdeutungen für die Entwicklungen zwischenmenschlicher Beziehungen bei mir an. Ein weiteres dieser Worte ist das sogenannte „Benching“.
Du wirst zum Auswechselspieler gemacht. Doch im Gegensatz zum Fußball kommst du auf verschiedene Arten auf die Bank. Entweder weil die Person etwas Besseres gefunden hat und dich noch warmhalten möchte, falls du wieder ins Spiel kommst, oder weil sie möglichst lange unverbindlich bleiben will und die finale Aufstellung bis jetzt nicht steht.
Es ist am Ende egal, wie wir es nennen, beide Begriffe bezeichnen Verhalten, das wir nicht nur beim Dating, sondern scheinbar auch in normalen Freundschaften beobachten können. Es wirkt, als wäre dies ein Zeichen der zunehmenden Unverbindlichkeit der Gesellschaft der letzten Jahre. Wir wollen oder wir können uns oft nicht für oder gegen etwas entscheiden. Oft nicht einmal, wenn wir keine Alternativen zum Angebot haben.
Das fühlte sich in der Schulzeit leichter an. Klar gab es dort schon Cliquen, besonders später in der Oberstufe, doch habe ich mich meiner Erinnerung nach entweder in einer großen oder in mehreren befunden. Alles hat sich so natürlich ergeben. Große Verabredungen, Tage im Voraus, die dann kurzfristig abgesagt wurden, gab es noch nicht. Ständig haben wir uns nach der Schule gesehen, entweder weil jemand spontan kam oder sich alle irgendwo getroffen haben. Dabei war in meinem Kreis oft das Haus meiner Eltern das Zentrum, wo wir uns sahen.
Je älter ich wurde, umso mehr veränderte sich jedoch die Dynamik in diesen Freundschaften. Plötzlich gab es die, die zu Treffen einluden, und die, die eingeladen wurden. Nur wenige waren einfach dazwischen. Dabei sind die Fragenden nicht unbedingt die unbeliebten Kids gewesen. Vielleicht waren sie die Offensiveren, die Organisatoren.
Dann gab es noch die, die nie fragten und ständig keine Zeit hatten. Sie wurden durchgehend von Leuten gefragt und kamen aufgrund ihrer Situation nicht auf die Idee, selbst jemanden zu fragen. Sie hatten schlicht keine Zeit, denn bereits so waren zu viele Treffen zu koordinieren. Nur selten gab es etwas, das irgendwie dazwischen war. Zum Beispiel ich, der in der Oberstufe Cocktailpartys veranstaltete, auf denen wir uns zum Beispiel wie in den 1920ern kleideten. Noch heute bin ich meinen Eltern für diese Möglichkeit dankbar. Selbst an Wochenenden, an denen meine Eltern weg waren, musste ich nicht heimlich feiern. Sogar als wir einmal beim Aufräumen übersehen hatten, dass sich einer meiner Gäste in den Vorgarten erbrochen hatte, blieben meine Eltern entspannt..
Mit wechselnden Freundeskreisen und Erfahrungen habe ich über die Jahre auch festgestellt, dass diese Rollen wechseln können. War ich in der Jugend der, der oft das Zentrum des Geschehens war und der gefragt wurde, bin ich heute eher der, der fragt. Sicherlich auch, aufgrund einer langen Phase meines Jobs, in der ich viel gearbeitet und mich leider mit wenig Freunden getroffen habe. Das tut mir heute noch leid, da ich damals überzeugt war, diese Treffen würden mir zu viel Energie kosten. Heute weiß ich es besser: Diese Treffen laden, in richtigen Maßen genutzt, meinen Akku wieder auf.
Insofern kenne ich das freundschaftliche Verabreden von beiden Seiten. Trotzdem fällt es mir immer noch schwer zu fragen. Wer bekommt schon gerne einen Korb? Körbe tun nicht nur in der Dating-Welt weh, sondern auch von Freunden, die einfach nicht können, aber keinen Alternativvorschlag aufgeben. Was wäre so schwer daran, an ein „Da kann ich nicht“ ein „aber wie wär’s am Soundsovielten“ dranzuhängen? Vermutlich nichts. Doch die andere Seite denkt nicht darüber nach und meint es auch fast nie böse.
Trotzdem führt es dazu, dass ich mich hinterfrage und denke, ob der andere überhaupt Zeit mit mir verbringen will. Eine unschöne Kette, bei der ich lange benötigte, um mich aus solchen Denkmustern herauszukämpfen. Diese Muster werden zudem von unserer Gesellschaft befeuert. Immerhin teilen wir Menschen in der Regel nicht mit, wenn wir nicht mit ihnen befreundet sein oder uns nicht mit ihnen treffen wollen. Wir lassen es oft auslaufen und hoffen, dass es versandet. Ghosten also irgendwie auch schon wieder…
Zusätzlich gibt es diesen Typ Freund, der in der heutigen Zeit zu verpeilt oder kein guter Kommunikator ist. Ich habe offen gesagt noch nicht so richtig herausgefunden, woran es wirklich liegt. Lange hatte ich das Gefühl, ich kommuniziere in einem leeren Raum. Bei einem Freund hatte ich sogar einmal kurz überlegt, ob ich einen Mikroblog schreibe, der nur einen Follower hat. Das geht so einige Wochen, und plötzlich wirst du zum Essen oder zu anderen Aktivitäten eingeladen. In der Regel direkt verbunden mit der Entschuldigung, es war eben viel los in letzter Zeit. In letzter Zeit heißt eigentlich immer.
Das Verrückte an diesen Freundschaften, ich kenne mich aus, denn ich habe wirklich ungesund viele davon, ist, dass es mit fast allen im persönlichen Kontakt so ist, als wäre die Pause nie da gewesen. Wie Freunde von früher, die ich wieder treffe und bei denen es nach Jahren noch klickt, nur mit dem kleinen Unterschied, dass jedes Mal Tage bis Wochen vergehen, bis wir uns wieder sehen oder hören. Dabei war ins Leere kommunizieren früher gar nicht so ungewöhnlich.
Wie muss es sich angefühlt haben, als der Dirigent Gustav Mahler die Kontinente gewechselt hat und mehrere Wochen weg war? Briefe konnte er während der Zeit auf dem Schiff nicht schicken. Als er ankam, war die einzige Möglichkeit, Briefe auf dem gleichen Weg zurückzusenden, auf dem er gekommen war: per Schiff. Was wieder mehrere Wochen dauerte. Selbst wenn er in dem Moment seiner Ankunft in New York einen Brief auf das zurückreisende Schiff warf und es auch direkt losfuhr, mit der Information, dass er gut angekommen ist, hätte dieser Brief von dem Moment seiner Abreise in Deutschland zwei bis vier Wochen zu seinem Empfänger gebraucht, je nachdem, welche Schiffe zur Verfügung standen. Sehr moderne brauchten um 1907 nur noch gut eine Woche, doch wem standen die ernsthaft zur Verfügung?
Damals war es für Mahlers Freunde normal, lange nichts von ihm zu hören. Es wurde persönlicher Kontakt aufgenommen, und wenn das nicht funktionierte, wurden bis dahin lange Briefwechsel mit großen Pausen geführt. Alternativ wurde gewartet, bis er zurück in Deutschland war.
An Situationen wie diesen können wir ablesen, wie schnelllebig unsere Welt geworden ist. Hören wir nur ein paar Tage nichts von einem Freund, fragen wir uns, wo er steckt. Einige Menschen werden schon nervös, wenn eine Chatnachricht einige Stunden unbeantwortet bleibt. Reisen wir in ferne Länder, sind alle über die Statusanzeige mit dabei.
Unweigerlich komme ich über die ganzen Status, die wir in WhatsApp und Co. betrachten, zu unserem inflationären Gebrauch des Wortes „Freund“. Wir haben dafür gesorgt, dass jemand weit über 500 Freunde haben kann. Danke Facebook und allen Socials, die folgten, an dieser Stelle. Das soziale Berufsnetzwerk LinkedIn versucht, es realistischer zu bezeichnen, indem es nur noch von einem Netzwerk und Kontakten statt von Freunden spricht. Beziehungstheoretisch betrachtet beschreibt das Wort „Kontakt“ auch viel treffender, was ein Facebookfreund für einen ist. Jemand, den ich kenne, aber nicht sehr eng. Vielleicht habe ich die Person auch nur einmal kurz irgendwo im Vorbeigehen gesehen. Bei LinkedIn wirkt es auf mich nicht viel anders, dort habe ich nahezu täglich Kontaktanfragen von Menschen, von denen ich noch nie etwas gehört habe.
Dabei erwarte ich gar keine andauernde Kommunikation, keinen starken Austausch, egal auf welche Art, oder häufige Treffen von meinen Kontakten oder Bekannten. Dafür habe ich enge Freunde.
Moment, enge Freunde?
Wie viele Freunde braucht der Mensch überhaupt? Wie viele können wir sinnvoll pflegen? Natürlich haben Wissenschaftler wie Dunbar1 sich dazu über die Jahre Gedanken gemacht und geforscht. Das Ergebnis, etwa 15 Menschen, können wir ernsthaft als Freunde bezeichnen. Also fernab von Facebook oder anderen Kontakten: Menschen, die in unserem Leben präsent und relevant sind. Laut Studien sind davon etwa fünf unsere engsten Vertrauten. Mit ihnen haben wir meist mindestens einmal die Woche Kontakt.
Das klingt für mich beim ersten Lesen überraschend wenig. Und damit meine ich die Häufigkeit des Kontaktes. Hättest du nicht auch gedacht, dass wir insgesamt mit den engsten Menschen öfter in Kontakt sind? Nehmen wir mal den Kontakt über Gruppen aus der Gleichung heraus. Wie oft kommunizierst du wirklich direkt mit Menschen, die dir wichtig sind?
Rechne ich das zeitlich realistisch hoch, stelle ich fest: Ich kann mehr als 15 Menschen gar nicht sinnvoll als Freunde bespielen. Im Rahmen der Studien wurde ermittelt, dass die Größe unseres Freundeskreises über unsere Lebensspanne stabil bleibt, die Menschen in diesen Kreisen jedoch wechseln. Im Zug meines Lebens setzen sich immer neue Menschen in das gleiche Abteil, in dem ich selbst sitze, dafür steigen andere aus. Das kann, ohne es böse zu meinen, auch für einen Teil gelten, bei dem die Freundschaft wechselnd intensiv ist. Ich stelle mir das in etwa so vor, dass einige der maximal 15 Menschen, vielleicht zwei bis drei, ständig im Fluss sind, mit einem erweiterten Freundeskreis aus näheren Bekannten, die einen in verschiedenen Phasen mal mehr, mal weniger intensiv begleiten.
Aus meiner Sicht und Erfahrung muss sich dieses Modell im Prinzip schon fast zwangsläufig so ergeben und erklärt auch einfach wunderbar das Phänomen der abwesenden Freunde, sogar ganz ohne manipulative oder toxische „Offenhaltungstaktiken“ wie Benching oder Ghosting.
Am Ende sind wir wie die Planeten unseres Sonnensystems. Wir kreisen auf Bahnen um unser Zentrum und sind uns dabei mal näher, mal ferner, und bis wir uns wiedersehen, vergeht unterschiedlich viel Zeit.
Wenn ich also das nächste Mal länger nichts von einem Freund höre und er aus meinem Leben abwesend ist, denkt er sich vermutlich nichts Böses und ist nur intensiv mit anderen Beziehungen beschäftigt. Das macht unsere gemeinsame Geschichte nicht schlechter, weniger wertvoll oder beendet. Denke ich an eine Person, melde ich mich bei ihr. Dann bin ich eben derjenige, der sich immer meldet. Na und? Wenn wir die gemeinsame Zeit genießen, wo ist das Problem?
Ich versuche zukünftig, weniger darüber nachzudenken, wer die Beziehung vorantreibt, und weniger Schuldgefühle zu haben, warum wir uns so lange nicht gemeldet haben. In einer Freundschaft hatte ich mal das Gefühl, ich hätte den Punkt verpasst, an dem ich die Beziehung wieder aufleben lassen kann. Ich eröffnete mit dieser Sorge meine Nachricht. Die wundervolle Antwort?
Einen Punkt verpasst man nicht, den hat man nur selbst im Kopf.
Es liegt in unserer Natur, die Zeiten ohne Kontakt zu überbrücken. Warum soll, was vor über hundert Jahren galt, nicht auch heute funktionieren?
Ich melde mich und wir beginnen eine neue Phase als glückliche Planeten, die wieder einen kurzen Abschnitt des Lebens gemeinsam begehen.
Hier ein toller Artikel von Quarks in dem auch die Dunbar-Zahl erklärt wird: Darum haben nicht alle Menschen Platz in deinem Leben



hey, vielen Dank, lieber Kai schon wieder ein wunderschöner Text. Besonders gut gefällt mir. Der Vergleich mit dem Sonnensystem
Und ja das mit den Social Media ist auch so ein Punkt die Status Updates, die ich sage das hier ganz bewusst eingebildeten Freundschaften, die man da pflegt denn meistens sind es keine Freundschaften
Für Freundschaft braucht es schon ein bisschen mehr als digitalen Kontakt. Sicherlich man kann Kontakte aufbauen und aus dem einen oder anderen mögen sich dann auch Freundschaften entwickeln. Aber ja, wie gesagt aus meinem Verständnis heraus ist das bedeutet und Bedarf analoger Zeit und Wärme
aber aus meiner Erfahrung heraus ist es tatsächlich auch so. Freundschaft vergeht nicht. Also selbst wenn man über Jahre hinweg sich nicht sieht, nicht von sich hört und sich dann trifft, fühlt es sich immer an wie ab dem Moment, wo man sich als Freunde bezeichnet hat
Und aus der jetzigen Sicht mag das alles sehr beschwerlich und langsam klingen, aber es ist dennoch wunderschön. Ein Freund ist ein Freund und bleibt ein Freund.
Mir gefällt der Vergleich mit dem Zugabteil. Ich teile auch die Erfahrung, dass es sich mit Freunden, die man lange nicht getroffen hat, so wie immer anfühlt, wenn man sich wieder sieht. 😃