Kennt ihr diese sonderbaren Menschen, die eine Lieblings-U-Bahn-Linie haben? Ich bin einer von ihnen. Bei mir ist es die U1. Die blaue Linie verbindet mich seit Kindertagen mit der bunten Stadtwelt. Früher brachte sie mich von einem der Vororte Hamburgs in die Stadt, heute geht es in die andere Richtung zu meinen Eltern. Mittlerweile genieße ich solche Bahnfahrten wieder, denn vor einiger Zeit habe ich es mir zum Ziel gesetzt, meine Umwelt wieder mehr wahrzunehmen. Den Entschluss fasste ich jedoch nicht mit dem Gedanken, wieder mehr über alltägliche Situationen zu schreiben, sondern einfach mehr im Hier und Jetzt zu sein. Seitdem fasziniert mich, wie sich die Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr über die Jahrzehnte verändert hat. Die Generation meiner Eltern hat sich noch mit großflächigen Papierzeitungen von ihrer Umwelt abgekapselt. Ich muss ein wenig schmunzeln, dass die Menschen, die heute über die umherwandernden Smartphones meckern, die sind, die sich hinter weiß-schwarzen Wänden aus Buchstaben und Papier versteckten. Immerhin erreichen wir dasselbe mit viel kleinerem Raumanspruch, mit Kopfhörern oder eben dem gesenkten Blick auf das Smartphone.
Neben den Durchsagen über geänderte Streckenführungen, Informationen über das Bettelverbot oder die Ansage der nächsten Haltestelle ist es ruhig geworden in Hamburgs Bahnwaggons. Die Qualität unserer Kopfhörer ist mittlerweile so gut, dass wir nur noch etwas hören, wenn der Sitznachbar seine TikToks einfach direkt über Lautsprecher abfeuert. Und so wurde es still, nachdem ich den älteren Waggon betrat und die Geräuschkulisse des Menschenaustausches verebbte. Es fuhren um diese Zeit nur wenige Menschen, sodass noch einige Plätze frei waren und ich mich direkt in einen Vierer auf der linken Seite setzen konnte. Während das blaue Licht der Smartphones hinter mir einige Sitze erhellte, war in den Blöcken vor mir weniger los. Im linken Block saß eine junge Frau mit dem Rücken zu mir. Auf der anderen Seite saß ein Pärchen, in dessen Blicken ich die verliebte Stille junger Liebe entdeckte. Während sich die Türen geräuschvoll, untermalt vom Piepwarnton, schlossen, richtete ich meinen Blick in die Welt außerhalb des Zuges.

Bis ein Geräusch die Stille durchbrach.
Jemand weinte.
Schweigen, kann mehr als nur unangenehm auszuhalten sein. Wir sprechen zum Beispiel von peinlicher Stille. Doch das Gefühl, wenn eine fremde Person in unserem direkten Umfeld weint, dafür haben wir kein eigenes Wort.
Unbeholfen sitze ich auf meinem Platz und der Cocktail aus unbehaglichen Gefühlen breitet sich in mir und im Raum des Waggons aus. Ich benötige einen Moment, bis ich feststelle, es ist die mit dem Rücken zu mir sitzende Frau im nächsten Block, die die Quelle der Tränen ist.
Die zwei Minuten zwischen den Stationen dehnen sich zur Unendlichkeit aus. Das monotone Geräusch der Zugfahrt signalisiert mir, dass es keine Option ist, den Zug jetzt zu verlassen. Ich blicke in die unendlich wirkende Dunkelheit des Bahntunnels und finde nur mein eigenes, angestrengt aussehendes Gesicht in der Spiegelung der Scheibe. In mir tobt ein Kampf um die Frage, was mir unangenehmer ist:
Mich einen Block nach vorn zu setzen, sie zu fragen, was los ist, und Trost zu spenden, oder zu hoffen, dass ich aus alter Gewohnheit irgendwo Kopfhörer habe und mich, wie der Rest der Welt, aus der Affäre ziehen kann.
Es wäre mir vermutlich unangenehm, wenn ich in der gleichen Situation in der Öffentlichkeit wäre. Besonders wenn jemand auf mich zukäme. Doch es würde mir auch guttun, Trost bei einer fremden Person zu finden. Darunter liegt eine viel wichtigere Frage. Wenn ich jetzt nicht gehe, warum sollte ich gehen, wenn es wirklich zählt? Wenn jemand in großer Not ist?
Auf einmal wird mir klar, dass ich keine andere Wahl habe: Ich muss jetzt aufstehen. Wie ein Skispringer lege ich meine Hände auf die Sitzfläche neben mir, als müsste ich unterbewusst Schwung holen, um eine unsichtbare Barriere der Scham zu überwinden, damit ich im Block vor mir auch wirklich ankomme. Und gerade als ich im Begriff bin, mich zu erheben, bemerke ich, wie die Frau aus dem anderen Block sich von ihrem Freund wegbewegt und sich gegenüber der weinenden Frau hinsetzt.
Sie war schneller als ich.
Ich spüre, wie mein Gesicht heiß und damit vermutlich auch rot wird. Es ist mir unangenehm, gezögert zu haben, das ist gut, denn das bedeutet: Nächstes Mal werde ich schneller aufstehen. Mein Körper wird sich an dieses Gefühl erinnern.
Ich sehe, wie die weinende Frau leicht ihren Kopf hebt, während die andere ihre Hand zu ihr ausstreckt und einfach fragt: Was ist passiert?
Drei Worte, die eine Tür öffnen. Sie bedrängen nicht, sie lassen Raum.
Es dauert ein paar Sekunden, bis ich den verwirrten Ausdruck der Frau wahrnehme, die eben noch im anderen Block saß. Ihr Gesicht wirkt jetzt wie ein Mensch gewordener Ladebalken. Bis wir beide verstehen, dass das Geräusch, das sich unter die Tränen mischt, Lachen ist, und sich ihr Gesicht erhellt.
Die junge Frau erzählt in ungeschliffenem Deutsch, dass sie gerade per WhatsApp erfahren hat, dass ihr Ehemann Fronturlaub von seiner Einheit genehmigt bekommen hat. Seit ihrer Flucht in das fremde Deutschland verteidigt ihr Mann ihr Heimatland, das von Russland als Aggressor vor den Augen der Weltöffentlichkeit angegriffen wurde. Über zwei Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen, konnten sich nicht berühren. Immer wieder bricht ihr beim Erzählen aufgrund dieser Mischung aus Ergriffenheit und Freude die Stimme weg.
Das Gemurmel hinter mir zeigt, dass auch die Menschen in meinem Rücken mitbekommen haben, dass hier etwas passiert. Die unangenehme Spannung in der Luft verwandelt sich in ein Band aus Menschlichkeit, geteilter Freude und Mitgefühl. Eine Handvoll Fremde werden Augenzeugen dieses emotionalen Momentes.
Das, was wir gerade erlebt haben, passiert an keinem außergewöhnlichen Ort. Kein Konzert, kein Stadion, keine Lesebühne – Orte, die wir sonst mit positiven Erlebnissen füllen. Ein älterer Waggon auf der U1. Irgendwo in den zwei Minuten, die zwischen den Stationen eine Welt bedeuten können, haben wir hingeschaut, wollten Trost spenden und konnten etwas Gutes sehen.
Die Welt ist nicht Schrödingers Katze: Wenn ihr das Gute sehen wollt, dann wird es in der Schachtel sein.
Anmerkungen des Autors:
Diesen Text habe ich für die Lesebühne von Textfabrique51 geschrieben, die im Rahmen der Altonale 2026 in der Motte veranstaltet wurde. Er wurde aus allen Einsendungen als einer von zehn Texten für diesen Abend ausgewählt.
Die Geschichte habe ich zu diesem Zweck erfunden. Inspiriert hat mich die Geschichte des Soldaten, der bei seiner Familie in Ganderkesee tatsächlich Urlaub machen konnte. Hier findest du den Bericht.



Ich habe Pipi in den Augen 🥹 P.S. Die U1 war früher auch immer meine Strecke (und Lieblings-U-Bahn-Linie 🤓)
Danke fürs teilen ❤️