Und dann erreichen sie, was sie wollten
Ein wütender Text über Angst und die Frage, was uns zusammenhält
Weißt du , eigentlich sollte hier heute ein anderer Text stehen, aber ich bin einfach unfassbar wütend. Ich habe oft gedacht, dass ich es jetzt schaffe, Dinge, die ich nicht ändern kann, gelassener hinzunehmen. Doch ich kann es einfach nicht. Die Welt, wie sie aktuell funktioniert. Sie reibt mich auf.
Und deswegen muss ich hier einen Text schreiben, der etwas anders ist als sonst. Ich versuche, meine Wut, wie es meine Art ist, zu kontrollieren. Dabei helfen mir Zahlen. Dafür wird dieser Text zu diesem schweren Thema kurz.
Der jüngste Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day in Berlin betrifft mich nicht direkt. Ich bin weder in Berlin, noch kenne ich jemanden, der betroffen war, noch bin ich selbst Teil der LGBTQ+-Community. Und trotzdem betrifft er mich. Denn wenn Menschen auf diese Weise sterben, ist das kein Unfall, kein technischer Defekt. Da hat sich ein Mensch entschieden, anderen Menschen das Leben zu nehmen, und bis auf die Eingrenzung der Gruppe war ihm egal, wen er da trifft. Das ist furchtbar und es gibt nichts, was diesen Verlust ersetzen kann. Auch dass er bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde, bringt keine Wiedergutmachung. Ein Mensch ist gestorben und viele weitere sind verletzt, mehrere schwer. Verletzungen heilen, Narben bleiben, Tote kehren nie zurück.
Wir können ihn nicht mehr fragen, was ihn an der Existenz dieser Menschengruppe so gekränkt hat. Während die polizeilichen Ermittlungen beginnen, läuft die Maschinerie in den sozialen und den traditionellen Medien an. Der Bild-Kommentar fragt „was uns unsere Freiheit wert ist”.1 Die Journalistin Laura Fröhlich stellt hier auf Substack eine bessere Frage:
Was hält eine offene Gesellschaft eigentlich zusammen?2
Sie schreibt in ihrem Text von Vertrauen. Den stillen Vertrag, den Menschen in einer Gesellschaft eingehen, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen. Mit diesen Gedanken müssen wir uns noch einmal in Erinnerung rufen, was das oberste Ziel von Terrorismus ist.
Einem Fünfjährigen würde ich Terrorismus in etwa so erklären: Terrorismus ist, wenn jemand ganz vielen Menschen Angst machen will, damit sich alle fürchten, so wie ein Monster, das laut brüllt, damit sich niemand mehr traut, etwas dagegen zu sagen.
Und mein erwachsenes Ich weiß, dass dieses Ziel dadurch erreicht wird, dass Terrororganisationen möglichst unvorhersehbar Menschen hinterhältig ermorden oder verletzen. Sie stören den stillen Vertrag, den Vertrauensvorschuss, den wir uns geben.
Das Bundeskriminalamt zählt zwischen 2011 und 2025 sechzehn vollendete islamistisch motivierte Anschläge in Deutschland.3 Der Anschlag in Berlin ist der erste in diesem Jahr. Dem stehen rund fünfundzwanzig Anschlagsvorhaben gegenüber, die die Sicherheitsbehörden nach eigenen Angaben verhindert haben.4
Das sind unbestritten zu viele Taten. Doch was diese Statistik ebenso zeigt, ist, dass unsere Polizei mit den Mitteln bereits Erfolge erzielen kann.
Denn dieser Mann war den Behörden bekannt. Im Mai hatte ihn ein Gericht verurteilt, weil er sich dem IS anschließen wollte; der Haftbefehl wurde aufgehoben5. Trotzdem tritt einen Tag später bereits die Polizeigewerkschaft auf den Plan und fordert weitreichende Einschränkungen unserer Freiheit, die auch durch den Datenschutz gewährleistet wird.6 Im selben Artikel meldet sich der CDU-Politiker Günter Krings zu Wort. Er stellt einen Vorbehalt voran: Sollten sich die Anzeichen bestätigen, unterstreiche der Anschlag „die hohe Gefährlichkeit des islamistischen Terrors in Deutschland". Und liefert den Forderungskatalog gleich mit. Dabei braucht es keine neuen Werkzeuge für eine Polizei, die die Gefährlichen bereits kennt, sondern konsequentes Handeln mit denen, die wir haben.
Ich wiederhole: Jedes. Opfer. Ist. Eines. Zu. Viel.
Und trotzdem lohnt der Blick auf ein Risiko, das wir jeden Tag eingehen, ohne darüber zu sprechen. Im Jahr 2025 sind im Straßenverkehr 170 Menschen getötet und 17.900 Menschen verletzt worden bei Unfällen, an denen mindestens eine alkoholisierte Person beteiligt war. Die Zahl der Verkehrstoten insgesamt in Deutschland ist so hoch, dass ich es mal so ausdrücken möchte: acht Menschen pro Tag.7
Das sind Menschen, die genauso wie die Opfer des Anschlages in Berlin eine Lücke im Leben von Eltern, Geschwistern, Liebenden und Freunden hinterlassen. Die morgens die Tür hinter sich zugezogen haben, ohne zu wissen, dass sie sie niemals wieder öffnen werden.
Niemand, der ins Auto steigt, tut es in der Absicht zu töten. Das ist der Unterschied zu Berlin, und er ist erheblich. Aber acht Tote am Tag lösen keine Pressekonferenz aus, keine Gewerkschaftsforderung, keinen Gesetzentwurf binnen vierundzwanzig Stunden. Wir haben uns entschieden, dieses Risiko zu tragen, weil wir das Auto nicht aufgeben wollen.
Die Frage in der Bild trägt die Forderung nach mehr Maßnahmen und Möglichkeiten der Polizei implizit in sich. Forderungen der Polizei, aber auch die von Politikern, die fertige Gesetzespakete an unabgeschlossene Ermittlungen hängen, sind Wasser auf die Mühlen der Angst.
Was hält eine offene Gesellschaft eigentlich zusammen?
Für mich ist es der gemeinsame Glaube, nicht an einen gemeinsamen Gott, sondern an eine gemeinsame Welt, in der wir in allen Farben leben.

Wenn wir jedoch unsere eigene Freiheit im Übermaß beschneiden. Wenn wir anfangen Menschen anderer Herkunft oder anderer Religion pauschal zu misstrauen. Dann bekommen die Täter, seien es organisierte oder einzelne, genau das, was sie wollen. Sie säen Angst und Zweifel und wir beginnen selbst, unsere Gesellschaft zu zersetzen.
Das dürfen wir nicht zulassen.
Wir sollten das Gegenteil tun und den Christopher Street Day noch lauter feiern, an seine Geschichte erinnern, an die Geschichte der Stonewall-Aufstände und daran, dass die Gewalt gegen diese Community immer noch kein Ende genommen hat.
Wenn du nach diesem Text etwas tun möchtest:
LSVD+ unterstützt Betroffene queerfeindlicher Gewalt, auch über den Anschlag in Berlin hinaus, und trägt mit seiner langjährigen Arbeit zur Aufklärung bei.
https://www.lsvd.de/de/
Islamistische Anschläge in Deutschland auf Mediendienst Integration
Tagesspiegel “Attacke am Rande des CSD” am Tag der Verlinkung ohne Paywall



Die ganze Welt ist gerade kein guter Ort.
Da ist Resilienz gefragt.
Mir persönlich hilft da ein Austausch mit guten Freunden.
Das ist ja immer die Frage nach solch einer Tat. Auch nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, der sich in diesem Winter zum 10. Mal jährt und nach dem alle plötzlich große Weihnachts-Fans waren und sich IHR Weihnachten nicht nehmen lassen wollen. Aber das gehört jetzt hier nicht hin.
Die LGBTQIA+-Community ist widerstandsfähig und zeigt sich auch jetzt stark. Da mach ich mir keine Sorgen. Und die Polizei wird sich zu den Sicherheitskonzepten Gedanken machen (müssen).
Zu Stabenswelt "Ciao"-Rede: ich bin kein Jurist, vielleicht ist da jemand schlauer, aber der Täter war ja deutscher Staatsbüger. Ob jemand in das Land seiner Eltern abgeschoben werden kann, obwohl er die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, weiß ich nicht.
Ich finde auf jeden Fall, dass du es sehr gut geschafft hast, deine Wut sachlich zu verschriftlichen, Kay. Das macht den Text besonders wertvoll.