Wie so viele Bücher war Tokyo ein Spontankauf. Diesmal in einer kleinen Buchhandlung in Remscheid. Ich hatte bereits einige Bücher aus Japan gelesen und fühlte mich von der etwas anderen Sprache dort angezogen. Andere, ungewohnte Namen und Ortsbezeichnungen bereiten mir auch in den lateinischen Buchstaben immer wieder Probleme. Es ist eben die fehlende Übung. Gleiches passiert mit mir bei französischen Namen und Straßen.
Inhaltlich habe ich auch schon Reinfälle erlebt, so waren diese Rätsel-Bücher wie Hen Na E - Seltsame Bilder vom Youtuber Uketsu leider überhaupt nichts für mich. Trotzdem noch genug Lust auf übersetzte japanische Literatur, um in den nächsten Zug nach Tokyo zu steigen und diesen verhältnismäßig alten Roman zu lesen. Immerhin erscheint er erstmals in Deutschland, 33 Jahre nachdem er den Grundstein für die Karriere von Tokuro Nukui gelegt hat.
Tokio im Sommer 1991: Die Stadt liegt unter drückender Hitze, als kurz hintereinander zwei kleine Mädchen spurlos verschwinden. Eine von ihnen wird bald darauf tot in einem Flussbett gefunden, vom zweiten Kind fehlt zunächst jede Spur. Kommissar Saeki vom Dezernat für Tötungsdelikte übernimmt die Ermittlungen und versucht herauszufinden, ob die beiden Fälle zusammenhängen. Parallel dazu sucht ein trauernder Vater Halt in den Ritualen einer obskuren religiösen Gemeinschaft. Als ein weiteres Kind verschwindet, führt eine neue Spur Saeki tiefer in die sozialen und psychischen Abgründe der Stadt. Am Ende dieser Spur wartet ein Täter, der sein nächstes Opfer bereits ausgewählt hat.
Die Erzählung ist dicht, das Tempo langsam. Der Roman lässt sich viel Zeit, um sich wie eine Welle aufzubauen. Ich habe leider sehr lange gebraucht, um in einen Lesefluss zu kommen, da der Roman sehr konsequent zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her wechselt. Momentan kann ich mir nicht so viel Lesezeit wie üblich einräumen, sodass mich diese Wechsel, besonders im ersten Drittel, Überwindung gekostet haben, da Tokuro Nukui sich ausreichend Zeit nimmt, um alles einzuführen. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob er für einen Thriller besonders langsam erzählt hat oder es meiner besonderen Situation geschuldet ist, jedoch kommt bei mir erst im letzten Drittel echtes Pageturner-Feeling auf. Bei einigen Erklärungen ging es sogar so weit, dass ich fast schon echte Wut gegen einige der Protagonisten empfand.
Der Hintergrund ist leicht erklärt und etwas, das Bücher wie dieses so wertvoll macht: Wir bekommen tiefe Einblicke in die kulturellen Besonderheiten und die Gesellschaft Japans. So ist der Polizei-Apparat streng aufgeteilt, zwischen Karrierebeamten und Nichtkarrierebeamten. Ich weiß nicht, ob dies 30 Jahre später immer noch der Fall ist, doch dies, gepaart mit den uns bereits bekannten Zwängen, in jeder Situation das Gesicht zu wahren, hat mich gegen sich aufgebracht. Denn diese Zwänge, durch feinpolitische und familiäre Verpflichtungen, zwingen Personen zu bestimmtem Handeln. Und die Sprache, für die Heike Paschke ganz offensichtlich eine gute Übersetzung gefunden hat, lässt mich diese Zwänge als Leser fühlen und miterleben. Genauso wie die Trauer, die der andere Protagonist erlebt, für die er sein Heil in den neu aufkeimenden Religionen in Japan sucht.
Die Geschichte selbst, erfüllt die Kriterien eines modernen Thrillers, so dicht und unerwartet ist sie erzählt. Ich bin in meiner Einschätzung gefangen zwischen Liebe zum Detail und Langatmigkeit. Vielleicht gepaart mit dem deutschen Unverständnis für das Gesellschaftssystem Japans und deren Folgen, kommt es zu einem schwachen ersten Drittel. Nach der Hälfte rechnete ich eigentlich damit, hier ein unterdurchschnittliches Buch zu präsentieren. Das Erlebnis wird jedoch durch das hervorragende Ende stark geändert und ich verlasse die Geschichte mit einer gewissen Achtung vor dem Autor.




Meiner Erfahrung nach legt das Storytelling in der japanischen Literatur einen etwas anderen Fokus als in westlicher Literatur. Das kann dazu führen, dass das Pacing deutlich langsamer empfunden wird. Ich kann mir vorstellen, dass das bei einem Thriller, von dem man normalerweise ein sehr hohes Tempo erwartet, sehr gewöhnungsbedürftig ist.