Meiner Mutter war immer wichtig, dass ich lese. So sehr, dass sogar mein Vater sich überwunden hat und mir als kleinem Jungen vorlas. Ich würde sagen: Mission geglückt. Heute lese ich nicht nur gerne, ich schreibe sogar, auch hier für mich und für euch.
Eine Faszination könnte jedoch fast noch größer sein: die für bewegte Bilder.
Das habe ich meinem Vater zu verdanken. Denn er war es, der die bewegten Bilder in mein Leben brachte. Er war Schichtarbeiter und an vielen Tagen zu Hause, wenn ich aus der Grundschule kam, die nur einige hundert Meter entfernt war. Dann lief das Mittagsprogramm. Star Trek, M*A*S*H, das A-Team, sie und viele mehr waren da, bevor Talk- und später Gerichtsshows die Sender zu diesen Zeiten übernahmen. Der Fernseher ist das Radio meines Vaters.
Es ist für mich unzählbar, wie oft wir das Vier-für-drei-Angebot in der Videothek mitgenommen haben. Manchmal gab es keine Filme mehr, die wir nicht kannten. Später schrieb ich Reviews für ein Onlinemagazin, heute bin ich mit einer Kinoflatrate ausgerüstet und genieße es, jederzeit die große Leinwand zu sehen.
Das Kino hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Während ich als Kind noch im Nachbarort in das Mini & Maxi gegangen bin, geht es heute in die Multiplex-Säle und manchmal in diese Luxuskinos, die es seit einigen Jahren gibt. Insgesamt sind die Säle leerer. Unser Konsumverhalten hat sich verändert. Und in der Folge der Film selbst.
Nur noch selten schauen wir wirklich den Film. Immer häufiger läuft er zwar auf dem großen Bildschirm, doch unsere Aufmerksamkeit liegt auf dem kleinen in unserer Hand. Social Media bindet uns, auch während des Films. Meinungen sehen und die eigene Meinung kund tun - wichtiger Prozess in der Meinungsgesellschaft. Das lenkt ab und sorgt dafür, dass Filme dümmer werden und die Figuren aussprechen, was gesehen wird, damit niemand den Anschluss verliert.
Zwei Trends verstehe ich jedoch nicht. Der eine ist das Abfilmen von Szenen aus dem Kinosaal und das Posten dieser Schnipsel auf Social Media. Das fällt mir in letzter Zeit häufig auf. Wer will denn bitte auf TikTok gespoilert werden, bevor selbst eine Chance bestand ins Kino zu kommen?
Der andere Trend fiel mir auf, als ich meine Kritik zu Supergirl1 schrieb, und beschäftigte mich so sehr, dass er zu diesem Essay wurde.

Wer meine Kritik gelesen hat, weiß, dass ich den Film gut fand. Persönlich sogar besser als den letzten Superman-Film. Die Figur ist für mich interessanter und der Film deutlich weniger überladen. Zwar hat er Schwächen, die ich klar benenne. Doch für einen Superheldenfilm hat mich die Geschichte von Kara Zor-El hervorragend unterhalten.
Schon bevor ich den Film sah, nahm ich zwei Diskussionen wahr. Bei der einen ging es darum, dass Hauptdarstellerin Milly Alcock nicht All-American Girl oder sollte ich sagen, nicht sexualisierbar genug ist? Denn eine Gruppe versuchte im Vorfeld, Schauspielerin Sydney Sweeney für den Film zu pitchen, eine Schauspielerin, die als Sexsymbol gilt und damit genau das bedient, was sich ein Teil des männlichen Publikums offenbar von Supergirl erhofft hatte. Dabei ist Alcocks Supergirl-Darstellung gerade deshalb so großartig, weil sie ohne Sexualisierung auskommt - und ohne den typischen Love-Interest, der weibliche Heldinnen trotz Hauptrolle oft auf eine Nebenhandlung reduziert. Mann erhofft sich wohl, dass es bei der Sweeney-Variante keine Shorts unter dem Rock gegeben hätte.
Eine weitere Diskussion, die auf den ersten Blick aussieht, als könnten nur Nerds sie lostreten, ging darum, dass Supergirl Ohrringe trägt und wie es denn angehen kann, da ihre Haut doch undurchdringbar ist. Dabei geben die Filme bereits die Erklärung, dass Kryptonier auf Planeten mit roter Sonne keine Superkräfte haben. Erst wenn sie die Ohrringe herausnehmen würde, würde die Wunde sich schließen. Warum funktioniert diese oberflächliche Diskussion, obwohl sie bereits auf den zweiten Blick inhaltlich widersinnig ist? Und warum haben wir letztes Jahr keinen viralen Trend gehabt, der fragt, warum Supermans Anzug unbeschädigt bleibt, obwohl doch nur sein Körper unverwundbar ist?
Doch sind das nur Symptome eines tiefer liegenden Problems. Während ich wenige Tage nach dem Erscheinen des Films meine Kritik schrieb, sah ich etwas, das sich heute Reviewbombing nennt. Denn mit zum Start 22 % 1-Sterne-Bewertungen auf der Film-Plattform IMDb hatte der Film einen ungewöhnlich hohen Anteil an stark negativen Bewertungen. Dieser Teil ist zwar in der Zeit danach gesunken und pendelt sich jetzt bei etwa 14% ein, doch ist dieser immer noch überdurchschnittlich. Um das Extrem der Abweichung zu zeigen, müssen wir jetzt ein wenig in Zahlen einsteigen.
Ein Durchschnittsfilm bekommt auf der IMDb ein Rating von etwa 6,3 von 10 Sternen. Ein anschauliches Beispiel, das knapp darunter liegt, aber immerhin 203.000 Bewertungen hat, ist Inferno mit Tom Hanks. Der dritte Teil der Reihe um die Figur Robert Langdon ist weit weg von einem Meisterwerk, aber auch von einem schlechten Film.
In der Grafik sehen wir, dass der Film zwar ein paar Ausreißer hat, aber weitestgehend dem Muster der Standardnormalverteilung, auch bekannt als Gaußsche Normalverteilung2, entspricht. Je nachdem, wie gut oder schlecht ein Film ist, verschiebt sich die Kurve um den Wertungspunkt, auf den sich die Masse einigt, und die anderen Werte gehen immer drumherum. Deswegen sind Ausreißer wie bei Supergirl signifikant.

Diese Verteilung findet immer statt, bis zu dem Punkt, an dem irgendetwas das System stört.
Und meiner Hypothese nach ist der Störfaktor im System, dass wir hier einen Superheldenfilm mit einer Frau in der Hauptrolle sehen. Doch wie kann das belegt werden? Vor einigen Jahren entstand eine Reihe von Filmen, bei denen männliche Besetzungen durch weibliche ersetzt wurden. Das geschah nicht als Kopie, sondern als eigenständige Neuerzählung. Ein prominenter Vertreter ist der Film Ghostbusters, bei dem zwei Dinge ins Spiel kommen. Das Original hat absoluten Legendenstatus und liegt lange genug zurück, um über dreißig Jahre später die Geschichte mit Frauen in den Hauptrollen neu zu erzählen.
Bereits im Vorfeld gab es negative Kampagnen zu dem Film. Das Branchenmagazin Screencrush3 berichtete seinerzeit über den Kinotrailer, dass er der unbeliebteste Kinotrailer auf YouTube mit den meisten Dislikes ist, und das Tage nach Erscheinen. Als Vergleich zieht der Autor Mike Sampson den Fantastic Four-Trailer vom Vorjahr heran. Dessen Trailer ist zum Zeitpunkt bereits ein Jahr auf YouTube verfügbar, der Film mit realen 4,3 von 10 Sternen4 nachgewiesen schlecht. Trotzdem hatte er zum Zeitpunkt des Artikels nur 20.175 Dislikes, während Ghostbusters schon auf 507.610 kam. Aus den Kommentaren unter dem Trailer leitet sich ab, dass hier Frauenhass Motor ist, der von einer Gruppe zu einer koordinierten Attacke gebracht wurde. User feierten sich für das Pushen der Dislikes in den Kommentarspalten. Sony Pictures, Verleih und Produzent des Films, musste zahlreiche frauenverachtende Kommentare löschen.
Diese Attacke setzte sich in den Bewertungen nach Kinostart fort. Noch heute wird in klein, unter den Wertungen, von der IMDb der sogenannte ungewichtete Mittelwert ausgewiesen. Der liegt bei Ghostbusters bei 5,2 Sternen. Allein, dass die Filmdatenbank eine Gewichtung in ihre Wertungsberechnung legen musste, um solche Aktionen auszugleichen, zeigt: Hier könnte es ein strukturelles Problem geben - denn bei Supergirl sehen wir dasselbe Muster, wenn auch nicht in diesem extremen Ausmaß. Der Anteil der 1-Sterne-Bewertungen sank in den ersten Tagen von 22 % auf 14%, bleibt aber weit über dem, was ein Film üblicherweise als Bewertungsfeedback erzeugt.
Meinem Essay kommt gelegen, dass sich zwei Forscher genau das vor einigen Jahren systematisch angesehen haben. Unter dem sperrigen Titel „Status und Konsens: Heterogenität in Publikumsbewertungen weiblicher versus männlicher Hauptrollen in Filmen”5 haben sie Bewertungen auf der IMDb von 4.012 Kinofilmen aus den Jahren 1992 bis 2018 betrachtet. Diese Daten sind frei verfügbar und nach Geschlecht der Benutzer getrennt aufgeschlüsselt.
Bei ihrer Analyse haben sie festgestellt, dass auch ohne gezielte Aktionen Filme mit weiblichen Hauptrollen eine leicht schlechtere Durchschnittsbewertung bekommen. Das spannende Phänomen entfaltet sich jedoch erst, wenn wir auf eine Ebene tiefer gehen. Dann sehen wir, dass Männer Filme mit Frauen in der Hauptrolle nicht nur schlechter, sondern auch deutlich uneiniger, also abweichend von der Normalverteilung, bewerten. Frauen hingegen machen keinen signifikanten Unterschied bei Filmen zwischen Männern und Frauen, auch wenn in den letzten Jahren eine Tendenz zum Positiven bei weiblich geführten Filmen gesehen werden kann, jedoch weniger kontrovers und weniger stark ausgeprägt.
Die Forscher fragten sich, ob es möglich wäre, dass die Filme mit Frauen in der Hauptrolle zufällig deutlich schlechter sind. Um diese Frage zu beantworten, haben sie mit KI (LLM-Modellen) Filmszenarien generiert und 804 Teilnehmern eines Online-Experimentes vorgelegt. Alle Szenarien wurden identisch gelassen und lediglich die Hauptfigur mal männlich, mal weiblich „besetzt“. Dabei konnten sie genau diesen Effekt, den sie bereits bei den IMDb-Bewertungen sehen konnten, untermauern.
Als Begründung stellten die Forscher drei Erklärungsansätze auf, machen dabei jedoch die Einschränkung, dass es sich um sogenannte post-hoc-Theoriebildungen handelt. Sie hatten also zuerst die Muster und versuchten dann die Erklärung zu finden. Sie selbst fordern weitere Forschungen, um die Mechanismen sauber zu trennen. Ich versuche sie hier in meinen Worten für euch zu erklären:
Erstens: Was der Bauer nicht kennt…
Du kennst das: Du stehst vor einem Regal im Supermarkt, vor dir eine unsinnig große Auswahl an Olivenölflaschen. Du kennst keine der Marken und bist auch nicht tief in der Materie. Irgendwo in deinem Hinterkopf hast du aber ein paar Mal aufgeschnappt, gutes Olivenöl kommt aus der Toskana. Vielleicht, weil du ständig welches siehst, zum Beispiel beim Italiener. Vielleicht ist das aus Griechenland auch gut oder vielleicht sogar besser, aber aus Faulheit sagt dir dein Gehirn: Nimm das aus der Toskana.
Bei den Filmen ist es auch so. Wir sind männliche Hauptrollen gewohnt, deswegen halten wir männliche Hauptrollen für etwas besser.
Zweitens: Wer sich überhaupt traut, hinzugehen
Aus erstens folgt hier direkt zweitens. Denn wir kennen hauptsächlich die Toskana, also männliche Hauptrollen, weil sie im Mainstream am häufigsten stattfinden. In der Probe der Studie war nicht einmal ein Viertel der Filme mit weiblichen Hauptrollen besetzt, weil nicht mehr da sind. Ein großer Teil des Publikums geht lieber zu den Mainstream-Filmen, möchte das Bekannte sehen und bewertet sie entsprechend. Menschen, die sich bewusst für die Abweichung entscheiden, bringen einen anderen Geschmack, andere Erwartungen und damit andere Blickwinkel mit ins Kino. Das Publikum sortiert sich vor der ersten Minute selbst. Ein Teil bleibt lieber weg und will den üblichen Standard und ein Teil kommt bewusst. Kein Wunder, dass Bewertungen heterogener werden. Und dies könnte erklären, warum eher kleine Filme und Labels auf Frauen in der Hauptrolle setzen, sie ziehen von vornherein ein offeneres Publikum an.
Drittens: Die Sache mit der Männlichkeit, die ständig bewiesen werden muss
Hier wird es richtig interessant, weil es nicht um die Filme geht, sondern um ein Statusproblem, das seit Jahren in Studien und im echten Leben auftaucht: Männlichkeit wird, anders als Weiblichkeit, von Soziologen seit Jahren als ein Zustand, der verdient werden muss, beschrieben. „Sei ein Mann“ und „So etwas machen Männer nicht“ führen nahezu immer zu etwas Erlerntem, was Mann tut, und nicht zu etwas, das Mann hat. Rückt jetzt eine Frau in eine Rolle, die traditionell als männlich markiert war, nehmen wir das Geisterjagen oder im roten Cape Bösewichte verprügeln, dann empfinden das manche nicht als filmkritikrelevantes Detail, sondern als persönlichen Statusverlust.
Die Bewertung des Films wird also von der bloßen Filmkritik zur Verteidigung des eigenen Selbstbilds. An dieser Stelle entwickeln sich dann, abhängig davon wie groß der Film ist, diese Wellen, die wie koordinierte Attacken aussehen. Da sich aber nicht jeder Mann gleich stark in seiner Männlichkeit bedroht sieht, fällt das Bewertungsmuster trotzdem uneinheitlich aus.
Es sind wenige, die ausrasten, und der Rest, der schulterzuckend vorbeigeht. Das Mittel der Bewertungen wird schlechter, aber vor allem fällt die Einigkeit auseinander.
Und ich? Ich bin ein Mann und schreibe auf dieser Plattform Kritiken. Ich habe Supergirl gut gefunden. Und ich glaube, das habe ich ehrlich gemeint. Trotzdem frage ich mich, ob ich unbewusst wohlwollender war, weil ich das Muster kannte. Ich weiß es nicht. Und dieses Nichtwissen ist vermutlich der Punkt, an dem ich anfangen muss.
Die Studie zeigt: Der Anteil weiblicher Hauptrollen ist von 23 % auf 32 % gestiegen. Die Tendenz ist steigend. Doch kein Trend ohne Ausnahme: derzeit zeichnet sich ab, dass Supergirl kein wirtschaftlicher Erfolg wird. Als sie 1984 das letzte Mal scheiterte, verschwand sie für über 40 Jahre von der Leinwand.
Superman hingegen durfte alles, wirtschaftlich scheitern, dreimal in den letzten 20 Jahren neu starten und dabei bessere Wertungen einfahren, einfach nur, weil er ein Mann ist.
Restacks sind Substacks’ Version von Mundpropaganda.
Wenn bei dir etwas hängengeblieben ist, mach es wie in den Magazinen früher:
reiß es raus, teile es weiter.
Open Access Studie: “Status and consensus: Heterogeneity in
audience evaluations of female- versus male-
lead film” von Bryan K. Stroube und David M. Waguespack




Coole Anlayse!
Und natürlich hat Supermans Anzug keinerlei Schäden, weil sein bioelektrisches Feld auch die Klamotten schützt. Ist doch logisch :)
Btw: der Anzug geht bei Superman vs Ali, Warworld Saga oder For Tomorrow durchaus kaputt. Meist aber wegen roter Sonne. Am häufigsten leidet der Umhang, der ist weit genug weg vom Körper :)