Ich schreibe diesen Text einen Spieltag vor Saisonende. Wenn der Text erschienen ist, dann liegt das Endspiel in Wolfsburg hinter uns. Der Verein kann abgestiegen sein oder in der Relegation um den Klassenerhalt weiterkämpfen dürfen. Den Text schreibe ich jetzt, weil der Ausgang der Saison für ihn nicht egaler sein könnte.
Doch, ein Schritt nach dem anderen.

Fußball ist in Deutschland ein Sport für viele, doch bei weitem nicht für alle. Kaum etwas erhält so viel Aufmerksamkeit von den Medien und ist dabei so unwichtig und wichtig zur selben Zeit. Fußball kann Menschen verbinden, das habe ich früh geahnt, doch erst spät verstanden. Denn anders als viele andere Fans, die ich im Stadion treffe, bin ich erst spät zum Fußball gekommen, aber dafür gleich zum richtigen Verein.
Ich stamme aus keiner sportlichen Familie, nicht einmal sehr sportinteressiert waren meine Eltern. Bundesliga? Fand in unserem Haushalt nicht statt, allenfalls die Nationalmannschaft wurde verfolgt. Als vielleicht Achtjähriger waren wir bei der Tante meiner Mutter. Wir waren nicht oft dort. Warum, habe ich nie gefragt. Ich weiß nur noch, dass es einen großen Schäferhund gab, der sehr zutraulich war und mich als Kind faszinierte. Mit dem Onkel meiner Mutter bekam ich das erste Mal etwas von der Fußball-Bundesliga mit. Er unterbrach Kaffee und Kuchen, um die Fußballergebnisse auf Sat.1 zu verfolgen. Mich beeindruckte, welchen Stellenwert Fußball für ihn hatte. Essen oder auch nur Kaffee und Kuchen für irgendetwas zu unterbrechen, das kam meinem kindlichen Ich unfassbar besonders und wichtig vor. Ich durfte ihn zum Fernseher begleiten. Und auch wenn mich seine Begeisterung zu diesem Zeitpunkt noch nicht ansteckte, blieb etwas hängen. Er war meiner Erinnerung nach Fan vom Hamburger SV.
Was wäre wohl geworden, wenn er mich für Fußball sozialisiert hätte?
Auch wenn ich kein Fan wurde, dem Fußball konnte ich mich auch die nächsten Jahre nicht entziehen. In der Grundschule hatte ich eine kurze Borussia Dortmund Phase. Ich kann mich erinnern, erste ganze Spiele bei einem Freund aus der Grundschule gesehen zu haben. Er wohnte nur zwei Straßen weiter, sein Zimmer war schwarz-gelb tapeziert. Und auch ich, vielleicht aus Sympathie zu ihm, trug eine ganze Zeit den neongelben Fanschal und besaß ein nachgemachtes Trikot mit Sammer auf dem Rücken als Andenken aus einem Italienurlaub.
Ob es der selbe Urlaub war, in dem wir auf einer Leinwand mit anderen Campern aus Deutschland Spiele der Nationalmannschaft schauten, kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich am Strand in eine Scherbe trat und meinen Fuß hochhalten musste, während wir aufgeregt das Spiel verfolgten. Ich weiß nicht mehr, gegen wen wir spielten oder ob wir gewannen. Woran ich mich erinnere, ist ein blondes Mädchen aus Schuby und dass Fußball fremde Menschen verband, die nicht mehr gemein hatten als ihr Heimat- und ihr Urlaubsland.
Ende der 1990er Jahre stieg ich in ein Videospiel ein, das damals noch FIFA hieß und für mich nur zwei Dinge bedeutete. Coole Musik, denn auf dem ersten FIFA-Spiel, das ich spielte, war Blurs Song2 einer der Songs, die ich immer wieder hörte, und gemeinschaftliches Zocken, damals noch gemeinsam, zu mehreren auf einem Fernseher. Ich schaute zwar keinen Fußball und hatte wenig Ahnung, doch die Mannschaften waren echt, die Kommentatoren sagten ihre Namen, sie wurden uns angezeigt. Der erste St.-Pauli-Pflock wurde eingeschlagen – liegt der Ball im Millerntor Stadion im Netz, erklingt Song2 in meinen Ohren und die Ekstase des Tores vermischt sich mit der schönen Erinnerung an viele Stunden gemeinsames FIFA-Zocken mit Freunden.
Mein Fußballleben fand fast ausschließlich auf der Spielekonsole statt. Erst mit Ende meiner Ausbildung 2008 änderte sich das. Direkt nach meiner Ausbildung kam ich in eine neue Abteilung. Und dann passierte das, was ich nicht unbedingt in einer Versicherung erwartet hätte: Der Stellvertreter in meiner neuen Abteilung saß da plötzlich im braunen St. Pauli Hoodie. Da wir uns in seinem Büro zum Rauchen trafen – ja, es ist kaum zu glauben, dass es so eine Zeit noch gab –, wurde auch oft über Fußball gesprochen. Ich ließ mich von seiner Begeisterung anstecken. Er war fantechnisch in der Unterzahl, Anhänger des Hamburger SV wo ich hinsah. Durch seine Erzählungen erfuhr ich von den Aktivitäten, die wichtig waren für den Verein, und von seiner Bedeutung über den Fußball hinaus. Für mich war der FC St. Pauli ein wenig wie Star Trek mit Fußball. Dem Verein und den Fans ist die Vielfalt schon wichtig gewesen, bevor es Diversitybeauftragte gab. Er war lange schon etabliert, der etwas andere Verein, und zu dem Zeitpunkt auch sportlich auf der Siegerstraße. Am Ende der Saison 2009/2010 stieg der FC St. Pauli unter seinem Trainer Holger Stanislawski in die Erste Bundesliga auf. Die dunklen Jahre, in denen der Verein kurz vor dem Bankrott stand, und mit vielen verrückten Aktionen der Fans und nicht zuletzt auch durch den FC Bayern gerettet wurde, verpasste ich. Nach dieser Zeit, erst zwei Jahre zuvor, waren Sie erst aus der dritten Liga wieder in die zweite aufgestiegen. Das war auch der Grund, aus dem der Verein in den FIFA‑Versionen, die ich spielte, unter „Rest der Welt“ geführt wurde. Das verstärkte das Underdog-Gefühl noch und war ein weiterer Erkenntnisbaustein, wie besonders dieser Verein sein musste, damit er trotzdem in dieses Spiel kam. Er hatte ein besonderes Flair und zog mit seinem Totenkopf-Symbol, das durch Fans und mittlerweile auch den Verein selbst fast wie ein zweites Vereinswappen geführt wird, auch international Menschen an. Egal, wo auf der Welt: St. Pauli war schon da. Eines der zwei Ks, Klebies oder Klamotten, lässt sich immer finden.
War ich nun ein Erfolgsfan, weil ich dabei war, als es aufwärts in die erste Liga ging? War ich unverdient dabei, weil ich nicht das Tal der Tränen mit den anderen vielen Fans durchschritten hatte?
Ich glaube nicht.
Dieser Gedanke trieb mich von Anfang an um. Und so trat ich, nach dem besiegelten Abstieg, in den Verein als förderndes Mitglied ein. Es fühlte sich an wie ein Protest. Ein Protest gegen alle, die nur kurz da waren, alle, die zum Saisonende wieder verschwanden, alle, die herumnölten, weil der Verein sich in der ersten Liga nicht halten konnte.
Endgültig zugehörig fühlte ich mich viel später in der zweiten Liga. Da wusste ich bereits die eine Wahrheit: St. Pauli ist, wenn der Ball verstolpert wird, wenn er von einem selbst abprallt, dem Gegner im Torbereich vor die Füße fällt und er dieses Geschenk verwandelt. St. Pauli ist aber auch ein explodierendes Stadion, wenn ein Abwehrspieler wie Lasse Sobiech per Kopfball den Siegtreffer in der Nachspielzeit erzielt. Dieser Moment ist mir noch immer unglaublich nah, denn es war das einzige Spiel, bei dem ich allein im Stadion war. Mein Freund, der mitwollte, musste kurzfristig absagen und ich konnte eine Stunde vor Anpfiff keinen Ersatz finden. Also stand ich allein auf der Gegengerade, war jedoch nicht allein. Um mich herum standen Menschen, von denen ich nichts wusste, außer dass sie die Liebe zum gleichen Verein mit mir verband. Und das reichte. Ich trank Bier, ich redete und ich lag mit Fremden in den Armen, als der Treffer erzielt wurde. Ich erhielt meine erste Bierdusche, weil die Becher vor Freude in die Luft flogen. Vielleicht war ich an diesem Tag allein im Stadion so sehr wie noch nie Teil von diesem magischen Verein.
Denn es stimmte: Viele Fans, die mit dem damaligen Aufstieg dazugekommen sind, sind heute nicht mehr dabei. Gleiches gilt sicherlich für den letzten Aufstieg vor zwei Jahren und die überdurchschnittlich gute Saison im ersten Bundesligajahr. Der Fan-Mix hat sich verändert, das zeigt sich nicht zuletzt in den schwachen Phasen meines Herzensvereins.
Das Millerntor bleibt ausverkauft und auch auswärts werden die möglichen Kontingente sehr ausgeschöpft. Trotz sportlichem Misserfolg oder Niederlagenserien bleibt die Ticketnachfrage hoch. Spricht das gegen Erfolgsfan‑Tum? Sicherlich nicht, denn es gilt trotzdem als hip, bei den Spielen des magischen FC in der ersten Liga dabei gewesen zu sein. Heimspiele sind nach Minuten ausverkauft, der Kartenverkauf für einzelne Menschen streng beschränkt, ein Lotterie-Prinzip beim Kauf eingeführt. Es mischt sich eine gute Portion neuer Fans unter den alten Stamm.
Und trotzdem stellt sich ein Stimmungswechsel ein. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal Pfiffe gegen die eigene Mannschaft am Millerntor vernahm. Etwas zerbrach in mir: Waren wir jetzt wie die anderen?
Diese Saison, auswärts nach dem Spiel gegen Heidenheim, wurde die Mannschaft gebeten, nicht zur Verabschiedung zum Auswärtsblock zu kommen. Der Frust bei den mitgereisten Fans sei zu groß. Ein weiteres Novum für mich, das es selbst nach neun, teilweise deutlichen Liga-Niederlagen in Folge nicht gab. Zwar wurde die Botschaft dem Trainer in einem, dem Vernehmen nach, guten Austausch überbracht, doch ein Nachgeschmack bleibt für mich.
Eine Sache, die ich beim FC St. Pauli lernte, war: Es geht nicht um Gewinnen oder Verlieren. Es geht darum, sich die Seele aus dem Leib zu kämpfen und am Ende alles gegeben zu haben.
In meinem Verständnis feierten wir. Nach jedem Sieg, nach jedem Unentschieden und nach jeder Niederlage. Wir standen gemeinsam im Stadion und zollten denen Respekt, die uns auf dem Feld vertraten. Der Romantiker in mir würde sagen, für unsere Werte spielten, denn wenn du für den FC St. Pauli spielst, dann spielst du nicht nur für einen Fußballklub. Hier wurden Werte über den Fußball hinaus gelebt, bevor in anderen Stadien tonlos Durchsagen für bunte Vielfalt überhaupt erst gemacht wurden. Und über die Jahre sahen wir viel Fußball und nur selten war er gut. Das gehörte dazu. Das war uns egal. Wir sind die Außenseiter unter den Außenseitern.
Durch die aktive Fanszene wird täglich neu ausgehandelt, was es bedeutet, einen Verein wie diesen zu supporten. Das haben wir nicht zuletzt bewiesen, als wir ein Ritual, das auch für mich fest mit meinem Spieltag verwurzelt war, beerdigten. “Das Herz von St. Pauli” gehörte vor dem Anpfiff dazu wie Hells Bells beim Einlaufen und Song2, wenn ein Tor fiel. Unsere Version hatte sich schon lange von Hans Albers distanziert. Bei uns lief die Fassung der Punkband Phantastix & Elf, doch letztes Jahr wurde öffentlich, dass der ursprüngliche Texter des Liedes nationalsozialistische Propaganda schrieb und dabei viele sprachliche Bilder benutzte, die er auch in dem alten Schlager wiederverwertete.1 Auch wenn ich das Lied heute noch vermisse, ist seine Abwesenheit ein Beweis. Die Diskussion während des Endspurts der letzten Saison war ein schwerer Rucksack im Rennen um den Klassenerhalt, der letztlich trotzdem geholt wurde. Auch wenn es knapp war am Ende.
Immer wieder wird sportlicher Erfolg von der aktiven Fanszene dem großen Ganzen untergeordnet. Antifaschismus ist das Fundament, historisch und institutionell, nicht als Bekenntnis auf dem Papier, sondern als gelebte Stadionrealität. Dazu gehört eine sichtbare LGBTQ+-Fanszene, die weit über das jährliche Regenbogentrikot anderer Vereine hinausgeht und eine strukturelle Substanz hat, sowie eine feministische Strömung, die explizit ist und Geschichte hat.
Diese ständige Aushandlung ist unser verbindendes Element. Die Fankultur unseres Vereins, geboren in den 1980ern aus der Punk-Szene, die Totenkopffahne der Legende nach vom benachbarten Dom mitbrachte. Anderssein, eingesickert in die DNA des Vereins, der all das zunächst nicht haben wollte. Heute in der Gesellschaft angekommen, versucht der Verein, sein Punker-Herz mit dem Leben eines Kaufmanns zu vereinen. Für einige Fans hat er sich damit verraten, Stück für Stück. Doch die Ideale sind da und gleichzeitig sind wir das Modelabel der Liga. Wir sind nicht allein auf der Welt, irgendwer muss am Ende das Gelage bezahlen, um all das zu ermöglichen, was der Verein unterstützt. Diese Zerrissenheit macht ihn für mich sogar noch anziehender.
Er ist wie wir, ambivalent und unvollkommen.
St. Pauli ist die einzige Möglichkeit.



In deinem Text finde ich alles wieder, was mich zu einem FC St.Pauli-Fan gemacht hat.
FC St.Pauli beeindruckt mich seit Jahren. Angefangen bei den Fans und hin bis zu allem, was der Verein noch macht, ohne darüber groß darüber zu reden.
Ja, sie sind abgestiegen. Aber sie sind sind trotzdem noch ein beeindruckender Verein.
Dein Text hat das ganz deutlich gemacht.
So ein wunderschöner Text. Es ist einfach alles dabei und ich konnte mich so richtig reinversetzten. Deine Reise zum Verein ist toll. 🤍