Das gleißende Licht blendete ihn, vor allem, wie es von den chirurgisch kalten weißen Wänden zusätzlich reflektiert wurde. Er war sich seiner selbst bewusst, doch wusste er nicht, wie er hierhergekommen war. Von einem Moment auf den anderen war ihm schwindelig, dann fühlte es sich an, als wäre alles ein Traum, als wäre er eben ganz woanders gewesen. Er fühlte sich orientierungslos. Während er sich langsam an die Wand lehnte, erfasste ihn die nächste Welle von Übelkeit, dieses Mal gepaart mit einem stechenden Schmerz. Mit einem Grunzen sackte er zu Boden.
„Das sind nur Rückkopplungen …“, sagte er, während er lässig mit der Zigarette in der Hand spielte. Während der Mann am Boden sich fragte, wo der andere plötzlich hergekommen war, setzte dieser einfach weiter seinen Monolog fort. „..Von deinem alten Leben. Das vergeht, wenn dein Gehirn erst mal die Leere verarbeitet hat. Es wird sich zunächst weiter anfühlen, als wüsstest du etwas, was du eigentlich nicht mehr weißt. Wie eine vorübergehende Amnesie, als wenn es nur etwas dauert und dann kommt die Erinnerung zurück. Aber sie kommt nicht zurück. Es dauert nur, bis du ein paar neue Informationen angesammelt hast, und dann, dann fängt das Gefühl an zu vergehen.“
Der andere Mann, der ihn bisher nur angeschaut hatte, fing an zu würgen, fiel wie in Zeitlupe auf die Knie und spie, was auch immer er zuvor im Magen gehabt hatte, durch das Gitter. „Ich glaub’, ich nenne dich Elias.“ Er machte eine Pause, als ob er auf Zuspruch oder Applaus warten würde, der jedoch ausblieb. „Erhebe dich, Elias, heiße dein neues Leben willkommen. Mein Name ist Taro.“
Taro schnippte die Zigarette weg, rückte sein Halstuch gerade und reichte Elias die Hand. „Willkommen in Perditua.“
***
Ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit. Er blickt auf die andere Seite des Schreibtisches. Er sieht eine attraktive Brünette mit blasser Haut. Sie spricht. Vermutlich mit ihm, doch er hört nichts. Alles wirkt, als hätte er den Kopf unter Wasser und sie würde in weiter Ferne sprechen. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, hat das Gefühl, ihr vertrauen zu können. Er spürt ein Band, das er sich nicht erklären kann, und doch scheint diese Person ihm völlig fremd. Selbst der Raum, in dem er sich befindet, ist ihm völlig fremd. Er wirkt rustikal eingerichtet, deplatziert in einem modernen Büro mit großen Panoramafenstern. Er bemerkt, dass am Horizont die Sonne untergeht und sich die letzten Strahlen der Abenddämmerung in den Strähnen ihres Haares brechen. Während er sich in der Dunkelheit verliert, welche den Raum unbemerkt Stück für Stück übernommen hat, hört er aus den Schatten ein Wort.
Erinnerung.
Dann fällt er endgültig zurück in die Dunkelheit und von dort, wieder in das Licht.
***
„Elias?“ Ein neues Gesicht war über ihn gebeugt, die Stimme besaß die sanften Züge der Stimme einer Mutter, aber nicht seiner Mutter. „Bist du noch bei uns, Elias?“, sagte das Gesicht noch einmal sanft, während Elias ihr in die Augen blickte und begann, in der Gegenwart anzukommen. Wieder die weißen, kalten Wände, so weiß und kalt, dass die Haut der Frau wie mit Farbe bemalt aussah.
„Wie bin ich hierhergekommen? Wer bist du? Wo ist Taro hin?“ Er versuchte fast reflexartig aufzustehen, doch er fühlte sich sofort schwach und gab sich wieder unmittelbar dem Möbelstück hin, auf dem er sich jetzt befand.
„Mein Name ist Chloë und das hier ist die Halle der Ausgeglichenheit. Unser Stadtzentrum, wenn du so willst.“ Sie deutete um sich herum und er fühlte, dass sie recht hatte. Er befand sich tatsächlich in einer Art Zentrum, zwar ein wenig abseits der Mitte, doch war es ganz deutlich sehr belebt, nicht so wie der Gang, in dem er Taro getroffen hatte. „Du hattest einen Blackout. Währenddessen haben wir dich hierhergebracht, Elias. Damit du dich erholen kannst. Jeder reagiert auf seine Palingenese unterschiedlich.“
Sie bemerkte seinen verwirrten Blick, erwiderte jedoch nicht direkt etwas darauf, sondern griff zur nahestehenden Karaffe, füllte schweigend ein Glas mit Wasser und reichte es ihm. Ohne darüber nachzudenken, nahm er das Glas an sich und trank.
„Ich habe eine Frau gesehen“, sagte er unvermittelt, mit tonloser Stimme, einfach, als würde er sagen: Der Himmel ist blau. Doch Chloë war überrascht, versuchte allerdings, es nicht zu zeigen und es zu überspielen. „Wir haben viele Frauen hier, du wirst sehen, der Anteil ist ähnlich hoch wie der der Männer.“
„Nein“, er schüttelte seinen Kopf, „nicht hier, sondern während meines Blackouts. Ich konnte sie nicht verstehen, aber sie fühlte sich sehr echt an.“
Sie schaute ihn mitleidig an. „Was du gesehen hast, war wahrscheinlich ein Echo auf eine vergangene Welt. Kümmere dich nicht weiter darum, es vergeht wie ein Regentag. Das kann am Anfang durchaus passieren.“
„Kommt Taro zurück? Ich muss mit ihm darüber sprechen, vielleicht weiß er, warum ich mich so falsch fühle hier.“ Diese Worte lösten scheinbar etwas in ihr aus, denn die aschblonde Frau griff nach der Hand von Elias und sprach so leise, dass Elias hätte schwören können, dass ihre Lippen sich nicht bewegten.
„Das würde ich nicht tun. Taro hat so viel zu tun, belaste ihn nicht mit Dingen, die ohnehin vorbeigehen.“ So viel Eindringlichkeit sie in ihrer Stimme hatte, so unvermittelt zog sie ihre Hand zurück und sagte, als hätte es den Satz zuvor nie gegeben: „Jetzt versuche ein wenig zu schlafen, ich werde später nach dir sehen, wenn wir die Halle verlassen und ich dir dein Zimmer zeige.“
***
In der Dunkelheit war eine Stimme, sie war warm, kräftig und doch weich, sie strahlte Ruhe aus. Die meisten Worte waren unverständlich, doch Elias kam sich so verloren vor. An jedes Wort klammerte er sich mit aller Kraft, versuchte, sie als Orientierung zu nutzen, als wären sie Bojen im Meer. „Erinnere dich“ – zwei Worte, immer wieder hallten diese zwei Worte in seinem Kopf wider. Elias änderte häufig seine Blickrichtung, verloren in einem Raum ohne oben und unten. Ohne fixen Orientierungspunkt suchte er verloren den Ausgangspunkt der Stimme, die immer wieder aus einer anderen Richtung zu stammen schien. Mitten im Nichts hing plötzlich ein Bild. Es war ein wunderschön verzierter Rahmen, ein Ölgemälde. Elias war sich sicher, die Frau aus dem Büro auf dem Bild zu erkennen, nur wirkte sie hier in seinen Augen noch viel anmutiger. Wieder umfing ihn das Gefühl wohliger Wärme, er erkannte es als Geborgenheit. „Erinnere dich an dich“, sagte die Frau auf dem Ölgemälde und blickte ihn dabei direkt an.
***
Erneut erwachte Elias aus der Dunkelheit und sah sich einem fremden Gesicht gegenüber. Ein alter Mann mit längeren weißen Haaren lächelte ihn mit seinen schiefen Zähnen freundlich an. „Gut, du bist aufgewacht, Elias. Mich nennt man Sokrates. Ich habe mich schon sehr auf die Begegnung mit dir gefreut.“
Ein Gefühl von Wiedererkennen durchflutete ihn, als wüsste er, wer dieser Mensch war. Er war historisch, es fühlte sich wichtig an. Allerdings fragte sich Elias, woher er das wusste. Doch für große Überlegungen schien keine Zeit.
„Komm, komm“, lockte ihn der Alte, während er sich von Elias entfernte. Nur widerwillig erhob er sich von der weißen Liege und tappte ihm hinterher. Erst jetzt, durch den kalten Boden an seinen Füßen, bemerkte er, dass er barfuß lief. Als er sich umblickte, sah er, dass es bei allen anderen ebenso war.
„Mein Kopf tut weh“, brummte Elias, der langsam zu Sokrates aufholte. Doch dieser schwieg, bis sie sich allein in einem Gang befanden, der scheinbar nur von wenigen genutzt wurde.
Unvermittelt drückte Sokrates Elias an die Wand. „Warum bist du hier? Hast du den Weg gefunden?“ Während Elias verstummte, suchte Sokrates in Elias’ immer noch überraschten Gesicht nach Anzeichen, die er nicht zu finden schien. Seine Unzufriedenheit war ihm anzusehen. Wie aus dem Nichts rutschte ein weißes, selbstgefertigtes Kunststoffmesser an die Kehle von Elias. „Sag es mir jetzt… sofort… Was willst du hier!“
Immer noch keine Antwort. Die Augen des knorrigen Gesichtes weiteten sich, während sie den jüngeren Mann anstarrten, und die zugehörige Hand ließ ihn so unvermittelt los, wie das Ganze begonnen hatte. „Das darf einfach nicht wahr sein“, stammelte Sokrates, während Elias ein weiteres Mal zu Boden sank, „das darf einfach nicht wahr sein“.
Elias hustete, um den Knoten aus dem Hals zu bekommen. „Für wen hältst du mich? Kennen wir uns?“, brachte er mit krächzender Stimme hervor. Bei diesen Worten ließ sich Sokrates an der gegenüberliegenden Wand hinabsinken und schlang die Arme um seine angewinkelten Beine.
„Diese Frage kann ich dir nicht genau beantworten. Chloë erzählte mir, dass du diese Rückkopplungen von Erinnerungen hast. Ich habe auch welche, obwohl ich schon lange hier bin. Deswegen hat sie mich zu dir geschickt. Sie hoffte, dass, wenn sie uns zusammenbringt, ein positives Ergebnis erzielt wird.“
Elias versuchte nachzudenken, doch sein Kopf dröhnte noch immer. Stattdessen schwieg er einen Augenblick und stellte dann die Frage, die sich ihm vor Kurzem als erste Erinnerung eingebrannt hatte und nur noch nicht gestellt worden war, weil er das unbestimmte Gefühl hatte, die Antwort nicht hören zu wollen: „Was soll das hier alles?“
Die Miene von Sokrates’ Gesicht wechselte langsam von traurig zu ernst. „Es ist überliefert, dass wir die Berufenen sind. In Frieden leben wir, die wir in das zweite Leben gingen. Demiurg hat dafür gesorgt. Denn nur wenn wir von all unserem Wissen und all unseren Sünden frei sind, werden wir wahrhaft eins sein mit unserer Umwelt. Du bist jetzt ein Teil von uns und wir sind jetzt ein Teil von dir.“ Bei den nächsten Worten begann er, seine Arme deutend nach vorn zu strecken. „Demiurg hat dich geschickt, Demiurg hat dich befreit“, während er mit ausgebreiteten Armen schloss, bevor er diese wieder eng um seine Beine schlang und den Kopf sinken ließ, immer noch sichtlich enttäuscht über das Fehlen von Antworten, die er sich so erhofft hatte. Elias sah nur noch nachdenklicher aus. Sie schwiegen einige Zeit, bis Sokrates beschloss, dass es genug war. „Komm, Junge, wir gehen zu Chloë, sie kann es dir genauer erklären als ich“.
„Ich möchte jetzt endlich wissen, was hier gespielt wird.“ Elias saß gemeinsam mit Chloë und Sokrates an einem Tisch. Auch dieser war, wie alle Räume und Gegenstände, die er bisher gesehen hatte, in Weiß und höchstens mal in einem leichten Creme-Ton gehalten. Lediglich die Stuhl- und Tischbeine stachen mit ihrer Chromoberfläche so heraus wie auch der Spiegel, der in dem kleinen Wohn- und Schlafraum, der Chloë als Unterkunft diente, als einzige Dekoration angebracht war. „Demiurg hat dich geschickt. Demiurg hat dich befreit“, erwiderte sie sanft und zeigte dabei die gleiche Handgeste wie zuvor Sokrates in der Gasse.
„Das bringt mich definitiv nicht weiter.“ konstatierte Elias.
„Das wissen wir. Stell ruhig deine Fragen, doch wir müssen uns beeilen. Taro wird bald zu uns stoßen und dann ist es Zeit für dein endgültiges Erwachen.“
Bei den letzten Worten sah Sokrates ein wenig unwohl zu Chloë herüber. Wenn er sich jedoch über irgendetwas Sorgen machte, so sagte er nichts.
„Dann fangen wir damit an, warum ich mich an nichts erinnern kann? Alles vor meiner Begegnung mit Taro ist weg. Hätte er mir keine Namen gegeben, hätte ich bis jetzt keinen gewusst. Und wann hört das mit diesen Blackouts auf? Was sehe ich da, was bedeutet es?“
Chloë sah ihn mit ihren ruhigen und sanften Augen an und beobachtete ihn, wie er sich in Rage redete. In einem kurzen Moment des Atmens deutete sie ihm, jetzt ruhig zu sein.
„Die Ältesten hier, zu denen Sokrates gehört, wissen von der Legende des Demiurgen. Er ist das letzte, was wir in unserem alten Leben sehen, er befreit uns von unseren Erinnerungen und ermöglicht uns den Aufstieg nach Perditua und damit unser neues Leben. Heute kann sich kaum jemand mehr an den Demiurg erinnern, wenn er in diese neue Ebene der Existenz aufsteigt. Aber wir haben beschlossen, die Erinnerung an ihn weiter zu würdigen. Denn er muss es sein, der uns mit allem versorgt. Der Raum der Versorgung füllt sich immerhin nicht von allein.“
Und Sokrates ergänzte: „Außerdem stellt uns der Demiurg die Kammern des Wissens und des Handwerkes zur Verfügung. Dort kann ein jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und sich einbringen.“
Besonders als er die Kammer des Wissens erwähnte, schien Elias einen besonderen Glanz in den Augen des alten Mannes zu erkennen. Offensichtlich hatte er dort für sich ein Zuhause gefunden.
„Aber wie bitte, um alles in der Welt, kann jemand anderes entscheiden, dass ich all mein Wissen zu vergessen habe? Wer kann sich denn so ein Recht herausnehmen?“
„Der Demiurg“, es war Taros ruhige Stimme, die wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. „Komm, Freund, geh ein paar Schritte mit mir.“
Im Gegensatz zu Sokrates schien es Taro mehr in die belebten Gassen von Perditua zu ziehen. Jedenfalls hatte Elias bemerkt, dass Taro sogar mehr als bedacht darauf schien, nicht mit ihm allein zu sein. „Du wolltest sicher nicht mit mir losgehen, um über das Wetter zu sprechen, Taro. Also, was gibt es?“
Taro nickte. „Zunächst, mein Freund, sind deine Worte hier in Perditua doch recht ungewöhnlich. Denn der Demiurg hat uns von Erinnerung befreit, und so etwas wie Wetter, das kennen wir hier nicht. Es ist selten, dass sich jemand, der in unsere Gesellschaft aufsteigt, so sehr an seine alte Existenz erinnert. Hast du in den vergangenen Stunden noch viele Rückkopplungen erlebt? So wie beim ersten Mal, als wir uns heute begegnet sind?“
Elias dachte kurz über seine Antwort nach und entschied sich dann, ein einfaches Nein entgegenzusetzen und nicht auf seine Sprache einzugehen. Dies hätte auch für ihn nur weitere Fragen aufgeworfen. Schließlich hatte er sich schon die ganze Zeit gefragt, wo der Himmel war, oder vielmehr Fenster. Und das, ohne zu verstehen, woher er wusste, dass es beides geben musste. „Das ist gut, das wird den Übergang zu uns hier erleichtern“, strahlte Taro. „Du musst wissen, dass der Demiurg nicht vielen Menschen die Chance für einen Neuanfang, so wie wir einen haben, gewährt. Und mit der Zeit wirst du schnell erkennen, dass keine Existenz besser sein kann als diese hier.“
„Aber, Freund Taro“, Elias wählte diese einleitenden Worte sehr bewusst. „Was gibt diesem Demiurg-Wesen das Recht, zu entscheiden, wer … würdig ist, den Aufstieg zu erleben?“ Taro atmete tief ein. „Er ist eben unser Gott. Wer sind wir, unser Geschenk infrage zu stellen? Aber ich sehe bereits, du wirst nach der Erwachung sicherlich viel Zeit in der Kammer des Wissens verbringen.“ Der etwas ältere Taro ergriff Elias’ Hand. „Aber jetzt, mein Freund, wird es so weit sein, dass du vollständig erwachst und wir dich in unserer Mitte endgültig willkommen heißen können. Nimm Platz auf deinem Ehrenplatz für diesen Abend. Der einzige Abend, an dem du höher oder niedriger stehst als ein jeder von uns.“
Elias sah an die Stirnseite des Raumes, den er zuvor als Zentrum der Gemeinschaft kennengelernt hatte. Es waren viel mehr Leute als zuvor in diesem Raum. In dem Moment, als sie ihn betraten, bildeten die gut hundert dicht an dicht stehenden Männer und Frauen eine Gasse zu einem Podest, an der Stirnseite des langen Raumes, auf dem ein bequem aussehender Liegesessel zu sehen war. Neben ihm stand Chloë mit einem metallenen Tablett. Taro leitete ihn langsam durch die Gasse. Jeden Moment schien er hierbei künstlich in die Länge zu ziehen. Jeder sollte das neue Mitglied der Gemeinschaft sehen, und so war es wenig überraschend, dass er in freundlich neugierige Gesichter blickte, die ihm viel Zuspruch spendeten und ihn willkommen hießen. Lediglich einmal zuckte er kurz zurück, als Sokrates’ Hand aus der Menge an seine Schulter fasste, um ihn kurz näher an sich heranzuziehen und ihm „Erinnere dich, vertraue Chloë“ ins Ohr zu flüstern. Und fügte dann lauter und mit einem Lachen hinzu: „Du wirst wunderbar zu uns passen. Ich freue mich bereits auf die Arbeit in der Kammer mit dir.“ Taro schien sich über das Handeln von Sokrates nicht besonders zu wundern, er hatte jedoch bemerkt, dass Elias nicht so recht etwas mit der Situation anfangen konnte. Nach einem kurzen Zögern setzte er den Weg fort.
Als er auf dem Stuhl Platz nahm, setzte Taro zu einer kleinen Rede an. Die Worte rauschten an Elias vorbei, zu sehr achtete er auf Chloë, die nun neben ihm kniete und das Tablett auf seinem Schoß abstellte. Jetzt erst sah er die vier langen, dünnen, äußerst spitzen Nadeln, die darauf bereitlagen.
Sie legte sanft eine Hand auf seinen Arm. „Sei ganz unbesorgt und entspann dich möglichst. Bald wird alles klarer sein.“ Er spürte, wie sein Puls beschleunigte. Sie nahm die erste der Nadeln in die Hand und begann mit den Fingern ihrer anderen Hand, Punkte an seinem Kopf abzumessen. „Bleib ganz ruhig“, betonte sie noch einmal und stach mit der ersten Nadel in den hinteren Teil seines Ohres. Elias schloss die Augen. Er spürte keinen Schmerz, nur anfangs ein kurzes Stechen. Dann war es vorbei, doch er wollte nicht noch mehr sehen. Aus einem ihn nicht erklärbaren Grund traute er Chloë, welche die nächste Nadel im Stirnbereich der gegenüberliegenden Seite platzierte. Während er das Gefühl hatte, die Dunkelheit würde schwärzer, fokussierte er unbewusst auf Taros Stimme, die er wieder wahrnahm, als sie die dritte Nadel in seinem anderen Ohr platzierte. „… Und so hat sich unser Freund Elias dazu entschlossen, den von Demiurg vorgesehenen Weg zu gehen und sich mit der letzten Nadel endgültig von den Wellen der Vergangenheit loszusagen und den Aufstieg in seiner Erwachung zu finden.“
Panik kam in Elias auf. Würde er jetzt auch das letzte bisschen verlieren, das ihm geblieben war? Alles, was der Demiurg bisher nicht nehmen konnte? Würde die dunkelhaarige Frau mit dem warmen Lächeln für immer verschwunden sein? Das wollte er in keinem Fall. Er wollte weg, jetzt sofort. Doch er wurde in die vollständige Dunkelheit gerissen, alle Stimmen verschwanden, alles Weiß war fort. Er spürte den Stich der letzten Nadel. Er riss seine Augen auf. Alles Unbehagen wurde ersetzt von einem nie dagewesenen, guten Gefühl. Er spürte, wie Energie ihn durchströmte, als würde sein Geist sich nach außen, über die Begrenzung seines irdischen Körpers hinaus, ausdehnen. Und dann begann Elias zu fallen.
Er fiel immer weiter hinab, doch diesmal hatte er nicht das Gefühl, in die Dunkelheit zu fallen, auch nicht in das Weiß von Perditua, sondern in das Licht der Erkenntnis. Zwar war dieses Licht hell leuchtend, gar blendend für ihn, sodass er nur wenige Details wirklich klar erkennen konnte. Doch er wusste, das Fallen hier bedeutete nicht das Ende. Im Gegensatz zu allem, was er nach seinem Weg zur kleinen Bühne annehmen musste, schien er nicht die letzten Teile seines alten Lebens zu verlieren.
***
„Du musst sie finden“, sagte wieder die Frau, die er jetzt bereits die Male zuvor gesehen hatte. „Wenn du dir ganz sicher bist und da hineingehst, dann musst du Sorina finden. Sie wird dir helfen können, dich an dich zu klammern. Das ist wichtig, Paul, sonst kannst du es gleich vergessen.“ Elias beobachtete die Reaktion des Mannes, der eben Paul genannt worden war und sich nun so umdrehte, dass Elias sein Gesicht vollständig sehen konnte. Er erschrak – sein eigenes Gesicht kam zum Vorschein. Nicht einmal der Name, den Taro ihm gab, hatte etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Er spürte, wie Sand begann, seine Zehen umspielen. Die Umgebung änderte sich in einen Strand.
„Wenn Sie Macht stellen wollen“, sagte ein grauhaariger, gepflegt aussehender Mann, „werden Sie alle Hilfe benötigen, die Sie bekommen können. Ich werde bereits vorab hineingehen und versuchen, alles Notwendige vorzubereiten. Damit das Konstrukt realistisch wirkt, müssen Sie mir jedoch sechs Monate gewähren, besser wäre ein Jahr.“ Der Grauhaarige senkte seinen Kopf. „Ich weiß, sie wollen eigentlich lieber schnell handeln, Paul, aber ich bin mir sicher, dass dies der richtige Weg ist.“ Elias ging näher zu den beiden, um das Gespräch zwischen seinem Paul-Ich und dem grauhaarigen besser zu hören, doch plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Der gepflegte Mann schien kaum Ähnlichkeit mit dem Menschen zu haben, den er als Sokrates kennengelernt hatte, und doch erkannte er die Augen wieder, also mussten auch sie sich kennen. „Versuchen Sie nur, Oda aus allem herauszuhalten, dann erfahren Sie meine vollständige Unterstützung.“
Elias wurde schwindelig nach so vielen neuen Namen und Erkenntnissen, er fiel in den Sand. Wollte sich abstützen zum Aufstehen, doch der Sand sog ihn ein und verschlang ihn in einer warmen Dunkelheit.






Das ist ein sehr gelungener Auftakt für eine längere Geschichte finde ich! Ich bin auf jeden Fall sehr neugierig, wie es weiter geht ;)
Es klingt auf jeden Fall sehr mysteriös und es werden viele Dinge angedeutet, die man später bestimmt nochmal besser versteht. Ich hoffe, du schreibst noch eine Fortsetzung :)
Das einzige worüber ich gestolpert bin ist gleich im zweiten Absatz:
'„Das sind nur Rückkopplungen …“, sagte er' - hier bezieht sich das 'er' auf den Mann, der später als Taro vorgestellt wird; das ist jedoch etwas verwirrend, da man als Leser bisher nur dem POV von Elias gefolgt ist.
Abgesehen davon finde ich die Geschichte aber auch sprachlich sehr gelungen; ich finde du hast Talent und ich bin wie gesagt sehr neugierig auf eine Fortsetzung ;)
Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.