“Ich glaube nicht an Gott”, das sind Worte, die eher selten von einem Pastor zu hören sind. Noch heute behaupte ich jedoch felsenfest, ich habe sie gehört. Im Konfirmandinnen-Unterricht.
Dieser fand in der Kirche statt, in dem Ort, in dem ich aufgewachsen war. Ein eckig-funktionaler Waschbeton-Bau, selbst der Kirchturm war eckig. Lediglich der Anbau fiel aus der Reihe. Die bauchige Erweiterung, in der das kirchliche Leben sonntags um zehn Uhr stattfand, war aus Holz, rot angestrichen und sollte an Noahs Arche erinnern.
In diesem hübschen Teil saßen wir nicht. Der Raum war trotzdem einladend. Die gemütlichen Sessel aus meiner Erinnerung standen auf dunkelrotem Steinboden in einem luftigen Raum mit einem riesigen selbstgemalten Peace-Zeichen an der Wand. Unsere kleine Gruppe im Kreis, der Pastor zwischen uns.
Vielleicht hat er diesen Satz gesagt, vielleicht hat er nicht über sich gesprochen. Doch danach zählte er die Gründe auf, aus denen er Pastor wurde. Und es wurde klar, es ging ihm um die Menschen. Menschen, die Halt fanden in der Struktur der Kirche, in der Empathie, die ihnen von ihm entgegengebracht wurde, den Trost, den er spendete. Er besuchte die Menschen in der Gemeinde zu Hause. Bei runden Geburtstagen, aber auch in schweren Stunden. Er öffnete seine Kirche für andere christliche Strömungen, für alle Nationalitäten.
Er war der gute Dorfpastor.
Bei einem der Besuche in meiner Heimat, einem kleinen Vorort vor Hamburg, habe ich erfahren, dass mein Pastor verabschiedet wurde. Nachdem er viele Jahre in der kleinen Gemeinde tätig war, ist er nun in Rente gegangen.
Obwohl ich vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, hat das etwas mit mir gemacht. Denn auch wenn ich nicht fühle, dass das Konstrukt Kirche das Richtige für mich ist, habe ich einiges von diesem Pastor mitgenommen.

Früher habe ich mit meinem Vater immer mal wieder über Gott gesprochen. Er war sich nicht sicher, ob es einen Gott gibt, aber sehr wohl, dass da etwas sein muss, etwas über uns. Ich schreibe war, weil ich lange nicht mehr mit ihm darüber gesprochen habe. Das Thema kam nicht mehr auf. Vielleicht, weil wir beide in dem, was wir heute glauben, gefestigt sind. Und Glaube, das ist etwas Spezielles, Persönliches, aber auch unter Umständen Ambivalentes.
Die Geschichten, die uns in der christlichen Bibel erzählt werden, sind unglaublich. Da ist ein Wesen, sitzt da, macht die Welt mit allem, was darauf ist. Kreationismus nennen wir das heute, wenn Menschen tatsächlich glauben, dass die Welt so entstanden sei. Dabei haben Wissenschaftler, eine nicht geringe Anzahl von ihnen glaubt oder glaubten an Gott1, herausgefunden, dass sich das Leben auf der Erde durch den Urknall und dann Stück für Stück in der Evolution entwickelt hat. Wie kann ich einer Religion glauben, die etwas anderes behauptet?
Religion ist keine Wissenschaft. Und jetzt werden einige widersprechen und sagen: „Doch, die Theologie ist eine.“ Theologie ist allerdings der wissenschaftliche Blick auf Religion. Mir geht es banal um das, was ich glaube. Für mich sind dies Geschichten aus der Bibel. Ihre ganzen Fabeln, Bildnisse und Märchen. Für mich kann jemand daran glauben und zeitgleich wissen, dass die Welt anders entstanden ist. Widerspruch ist zutiefst menschlich.
Der Mensch ist ein Widerspruch in sich.
Und genau dieses Spannungsfeld ist seit Jahrhunderten unser Antrieb. Wir möchten das Unlösbare auflösen und entwickeln uns als Menschen in unserer Welt seither durchgehend. Vielleicht liegt das in unserem Ursprung, diesen einen kurzen Moment unter Druck, überbordend. Dem Urknall, mit dem alles begann.
In den Momenten, in denen alles endet, suchen viele Menschen die Nähe zur Religion. Der Glaube, dass etwas danach kommt, gibt vielen Halt. Inzwischen war ich auf vielen Beerdigungen. Diese habe ich als teilweise sehr schöne Rituale empfunden, die mir halfen, abzuschließen. Doch gibt es wirklich ein Danach? Steigen wir in einen Himmel auf?
Todesfälle sind einer der Momente, in denen ich meinen Glauben hinterfrage. Genauso, wenn ich von Erdbeben erfahre, Terror-Ereignissen oder Mord und Gewalt.
Religionen, vor allem die christliche, mit der ich noch am vertrautesten bin, vermenschlichen ihr Konstrukt von Gott. Sie können mit dieser Entität sprechen, diese Entität könnte jedoch auch eingreifen. Es ist in den Geschichten ein mächtiges Wesen. Doch niemand, der aktuell auf diesem Erdball lebt, hat ernsthaft Kontakt gehabt. Falls doch, könnte diese Person klären, warum ein allmächtiges Wesen uns so etwas alles tun lässt? Warum es uns den in den Geschichten dargelegten Weg verlassen lässt, um heute Fremdenhass auszuüben oder im Namen der eigenen Religion zu morden?

Glaube ist für mich ein Konstrukt, das fluid sein kann. Es ist möglich, dass es sich einmal etabliert und für immer bleibt. Mein Glaube hat sich über Jahre entwickelt, zu dem, was er heute ist.
Ich glaube zum Beispiel an keinen Gott als Person. Irgendeine Entität, die gelangweilt herumsitzt und sich denkt: „Ich habe jetzt mal eine Welt gemacht und wir schauen mal.“
Doch ich glaube an alles.
Das MacBook, an dem ich gerade schreibe. Meinen Vater, einige Kilometer von mir entfernt, der mit meiner Mutter auf dem Sofa sitzt und vermutlich gemeinsam, wie so oft über etwas sprechen. Diese kleine Stadt an der Elbe, mit ihren Häusern, den Menschen und auch der Elbe und der Alster selbst. Die Bäume in den Wäldern. Das Blaue vom Himmel.
Ich glaube an alles, das aus diesem einen Urknall entstanden ist.
Dafür gibt es einen Begriff: Pantheismus. Gott und Welt sind eins, das Göttliche ist nicht über uns, sondern alles, was ist.
Klingt größer, als es sich anfühlt. Im Alltag bedeutet es eher, zu spüren, wie die Füße ohne Socken im November-kalten Sand vor der Ostsee stecken. Das Salz in der Luft zu schmecken und das brausende Geräusch der Wellen zu hören, während ich an meiner Hand die wärmende Berührung meiner Partnerin spüre.
Das löst meinen Widerspruch nicht auf. Ich kann die Geschichten der Bibel weiter für Märchen halten und trotzdem Ehrfurcht vor all dem empfinden. Beides passt in dasselbe Wesen. Beides passt in mich.
Statt eines Lebens nach dem Tod sehe ich, wie ein geliebter Mensch in der Welt weiter existiert. Die Physik sagt mir, dass Energie nicht verloren geht.2 Ich nehme das als Bild dafür, dass auch ein Mensch nicht einfach verschwindet. Metaphysisch bleibt er in unseren Gedanken und Erinnerungen, physisch bleibt seine Energie in unserer Welt in vielen Formen erhalten.
Und diese Welt, die der Menschen, beinhaltet leider auch das Leid, die Kriege und die Gewalt, jedoch auch den Weg, die Herzen zu erwärmen und es zu verhindern, die Güte und Hilfsbereitschaft. Wir bleiben ambivalent.

Mein Vater würde vermutlich nicken und gleichzeitig den Kopf schütteln. Er spürte, dass da etwas über uns ist. Vielleicht ist es nicht darüber, sondern genau hier, gleichzeitig mit uns, in uns und in allem. Vielleicht gibt es nicht die lenkende Entität. Vielleicht sind wir Teil dieses Weges.
Wenn ich dieser Tage zurückdenke an meinen Pastor, war es vielleicht genau das, was er meinte. Damals im Stuhlkreis unter dem Peace-Zeichen. Dass es ihm weniger um den Gott aus den Geschichten ging als darum, was passiert, wenn wir die Welt sehen. Wenn wir uns wahrnehmen als das, was wir sind, und wir einander zuhören.
Restacks sind Substacks Version von Mundpropaganda.
Wenn du jemanden kennst, der auch irgendwo zwischen Bibel und Urknall sitzt, gib den Text weiter oder restacke ihn einfach.
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Etwa Georges Lemaître, katholischer Priester und Physiker, der Ende der 1920er-Jahre das expandierende Universum beschrieb und die Idee eines „Uratoms“ entwickelte. Daraus wurde später die Urknalltheorie.
Energieerhaltungssatz: In einem abgeschlossenen System bleibt die Gesamtenergie konstant, sie ändert nur ihre Form.




Ich finde es schön wenn Menschen Kraft aus ihrem Glauben ziehen, wenn sie sich an die Leitsätze halten und ein „guter“ Mensch dadurch werden oder sind. Ich selber kann mit Gott nichts anfangen. Und die Bibel ist auch sehr schwierig, denn die Geschichten wurde ja erst soviel später aufgeschrieben und wir wissen alle was mit Erzählungen passiert, wenn man sie weiter trägt. Das es die Menschen gab bezweifele ich nicht, aber das was passiert ist. Es hört sich vielleicht sehr kindisch an, aber der König der Löwen hat es für mich wunderbar gesagt, wir fressen Antilopen und wenn wir sterben werden unsere Körper zu Gras und Antilopen fressen das Gras.
Hey Kay,
sehr schöner Text, der zum nachdenken anregt. Auch ich glaube, dass wir alle ein Teil von allem sind