Der Portugiese Ferdinand Magellan hat im Jahr 1520 bewiesen, dass die Erde eine Kugel und somit nicht flach ist. Und trotzdem ist für mich auch heute noch die Welt eine Scheibe, wenn auch nicht so, wie man es erwarten würde.
Eine der großen Leidenschaften in meinem Leben ist die Musik. Schon früh in meiner Jugend entwickelte ich einen Musikgeschmack, der eher fernab vom Mainstream lag. Und so hörte ich mit vierzehn neben Hamburger Hip-Hop von Legenden wie Samy Deluxe und Eins Zwo auch schon Blues-Legenden wie Howlin’ Wolf oder Könige aus Motown wie Marvin Gaye. Ich stellte mich also breit auf. Mit meiner Leidenschaft für zeitlose, aber auch alte Musik war es eigentlich kein Wunder, dass ich irgendwann bei dem schwarzen Gold, also der Schallplatte, landen würde. Der Weg dahin war allerdings ein langer.
Meine Eltern hörten viel Radio. Immer wenn der Fernseher nicht lief, war irgendwo Radio zu hören. In der Küche, im Badezimmer mit dem Licht gekoppelt oder im Arbeitsschuppen hinten im Garten. Überall war ein Radio verfügbar. Insofern waren wir immer sehr am radiofähigen Mainstream dran. Einen Plattenspieler und Schallplatten gab es zwar, dass der lief, daran kann ich mich eher nicht erinnern. Er war eher eng und unbenutzbar im HiFi-Turm verbaut. Erste Berührungen mit Schallplatten gab es da eher bei Opa, als ich noch jung war. Opa hörte allerdings keine Musik mit mir, sondern Märchenschallplatten. In meinen Erinnerungen dazu, ist einfach alles warm: die Vanillemilch, die ich trank, die Lila-Rot-Weiß gemusterte alte Zottelwolldecke, die Stimmen, die von einem leisen Knistern begleitet das Märchen vom Fröschkönig erzählten, in dem sich der Heinrich drei eiserne Bänder ums Herz legen ließ.
Musikalisch bildete Opa mich zum Glück nicht. In der Öffentlichkeit hörte Opa nämlich gerne Marschmusik und Seemannslieder von Freddy Quinn. Erst nach seinem Tod fand ich, sehr versteckt, eine Schallplatte mit versauten St. Pauli Schlagern. Der Vorvorläufer vom Ballermann, wenn man so will.
Meine Leidenschaft für in meiner Generation und im jungen Alter eher selten geliebte Musik verdanke ich zweierlei. Zum einen den Film Blues Brothers, den ich heute immer noch gerne schaue. Obwohl er völlig überdreht ist, ist er gleichzeitig eine wundervolle Hommage an die Musik allgemein und den Chicago Soul im Besonderen. Ich hörte die Blues Brothers rauf und runter und war wirklich erschüttert, als mein Musiklehrer mich darüber aufklärte, dass die „Blues Brothers“ alles nur bei Sam & Dave abgekupfert hatten. Das Internet war zu dem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen und Wikipedia sollte erst gut ein bis zwei Jahre nach dieser Erkenntnis gegründet werden. Obwohl wir uns heute fragen müssen, ob es sich hierbei um kulturelle Aneignung handelt, bin ich doch irgendwie froh, dass die beiden Saturday Night Live Komiker Dan Aykroyd und John Belushi mit ihren Blues Brothers die Musik einem breiteren (weißen) Publikum und damit auch mir zugänglich gemacht haben.
Der zweite große Einfluss war mein Onkel. Er war Musiker, zumindest privat und mit Leidenschaft. Noch heute sitzt er in seiner Kammer und komponiert an seinem Computer Musik in den unterschiedlichsten Musikrichtungen. Damals war er Schlagzeuger in der Band „The Craete“, die zu meinem großen Leidwesen nur ein Album mit sechs Titeln herausgebracht hat. Sieben, wenn man die längere Instrumentalversion von „S.K.A.“ mitzählt. Wer Lust hat, mal hineinzuhören: Immerhin zwei Titel finden sich bei Spotify. Ich kann noch heute jeden Titel der Band mitsingen und bekomme Gänsehaut, wenn die ersten Riffs von „Limona Blues“ anlaufen. Leider trennte sich die Band, bevor ich in das richtige Konzertalter kam. Das einzige Konzert der Band, bei dem ich jemals dabei war, war in einem kleinen Laden in Hamburg-Bramfeld, in dem heute ein Elektro-Installateur, statt einer Kneipe beheimatet ist. Allerdings bekam ich aufgrund eines Mädchens wenig vom Konzert selbst mit, doch das ist eine andere Geschichte. Was ich erinnere ist, dass der Laden übervoll war und man in meiner Familie noch Wochen, nein Monate später davon sprach. Und das nicht nur, weil die Hamburger Mundharmonika-Legende Claus “Dixi” Diercks sich die Ehre gab.
Mein Onkel half meinem Musikgeschmack jedoch nicht nur mit seiner Band auf die Sprünge. Immer wieder warf er mir Brocken guter Musik vor die Füße. Vor allem in der Zeit, als ich einen Stock über ihm wohnte, machte er mich an den unregelmäßig stattfindenden gemeinsamen Abenden auf Interpreten und Musikstile aufmerksam. Immer wieder kam ich so an Alben und Interpreten, die auch für erfahrene Genrehörer schwer mitzubekommen waren. Neben der Erinnerung an Bloody Marys hat sich ganz viel Musik für immer in mein Unterbewusstsein geschrieben.
Ein weiterer Musikfilm, der mich prägte, war die Verfilmung des Nick Hornby Romans „High Fidelity“, den ich auch heute noch ungebrochen als einen meiner Top 5 Lieblingsfilme ansehen würde. Auch weil er sich über die Jahre emotional zusätzlich aufgeladen hat. So hat mir meine Partnerin zu meinem ersten Geburtstag, an dem wir zusammen waren, eine DVD dieses Films geschenkt und ihn mit mir zusammen angesehen. Einfach nur, weil sie wusste, wie sehr ich den Film mag. Obwohl ich ihn bereits auf Blu-ray besaß, steht er jetzt zusätzlich als DVD in unserem Regal, weil ich immer, wenn ich die Hülle dort stehen sehe, an diesen ersten Geburtstag mit ihr denken muss. Falls du ihn nicht gesehen oder gelesen hast: In „High Fidelity“ besitzt die Hauptfigur Rob einen Plattenladen und hat zusätzlich zwei Vollnerds als Angestellte. Er versucht alles in seine persönlichen Top 5 Listen zu stecken und die Trennung von seiner Langzeitfreundin Laura zu verarbeiten. Natürlich gibt es auch in diesem Medium hier eine Top Five der schlimmsten Beziehungsenden. Musik und unerfüllte Liebe, klar, dass mein jugendliches Ich auf diesen Film ansprang. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich diesen Soundtrack auf dem Ohr hatte und damit meinen Liebeskummer ertränkte. Musik ist Balsam und Brandbeschleuniger zugleich.
Meine Eltern wuchsen mit Musik aus dem Radio oder der Hitparade im Fernsehen auf. Schallplatten waren teures Gut. Anfang der 1970er kostete ein normales Album 18 Mark, was inflationsbereinigt heute etwa 36 EUR wären, ein Preis, den wir mittlerweile wieder erreicht haben. Zu dieser Zeit waren Musikerzeugnisse allerdings noch preisgebunden, so wie wir es heute noch von Büchern kennen. Wie die Preisentwicklung danach genau verlief, weiß ich nicht. Es hieß jedoch, dass sich viele Menschen Musik nicht leisten konnten und daher insbesondere die Musik aus Radio oder Fernsehen auf Kassetten aufnahmen. Gleiches galt natürlich für ganze Alben, falls denn mal jemand eines hatte. Die ersten Raubkopien waren geboren.
Als ich in meine Musikzeit kam, war es mit der Schallplatte schon so ziemlich vorbei im Mainstream. Anfang der 1980er Jahre wurde die Musik-CD eingeführt, welche die Produktion billiger machte und weniger fehleranfällig. Insgesamt war zumindest theoretisch die CD der Musikkassette und der Schallplatte deutlich überlegen. Sie konnte nicht nur exakter die Musik reproduzieren, sondern fasste auch noch ganze 74 Minuten Musik. Die Legende für den Grund dieser willkürlichen Spieldauer werde ich an dieser Stelle nicht noch mal aufwärmen. Die Musik wurde somit das erste Mal digital und als Nebeneffekt konnte man Titel nun auch direkt anwählen. Und ich mochte diese silbrigen Scheiben. Seit ich den ersten „Die Schlümpfe“-Sampler „Tekkno ist cool“ in die Hand bekam, wollte ich mehr. Zum Glück hat sich mein Musikgeschmack deutlich entwickelt, aber hey, ich war neun, was war bei dir los, als du neun warst?
Schon bald darauf, meine ich mich zu erinnern, Mixtapes für meinen Walkman auf der Anlage meines Vaters aufgenommen zu haben. Der hatte seinerzeit eine HiFi-Anlage aus mehreren Bausteinen, wie es sie früher noch deutlich mehr in Haushalten gab. Heute ist das eine Sache, die man eher noch bei Enthusiasten findet. Das Beste damals an dem Grundig-Gerät waren für mich die ausschlagenden Lichtbalken, welche anzeigten, wie laut die aufgenommene bzw. abgespielte Musik war. Stundenlang konnte ich wie hypnotisiert davor sitzen.
Richtig wild wurde es erst mit dem mp3-Format und den ersten Tauschbörsen wie Napster. Es waren die Wild-West-Zeiten des Internets. Während einige Freunde schon ISDN hatten, hing ich noch bei dem deutlich langsameren 56k-Modem, mit einem Einwählgeräusch, das man nicht vergisst. Für ein Lied benötigte man ungefähr doppelt so lange zum Laden, wie es danach anzuhören. Erst mit Einführung von DSL tat es nicht mehr ganz so weh, wenn man einem Fake aufgesessen war und statt Britney Spears die Wildecker Herzbuben hören musste.
Natürlich war das Herunterladen illegal, zum Glück erhielt ich selbst nie ein Abmahnschreiben. Trotzdem spürte ich für mich die zunehmende Entwertung der Musik durch das Überangebot. Ich hatte Gigabytes an Musik auf meinen Festplatten, gefühlt mehr, als ich in einem Leben sinnvoll hören konnte.
Heute erledigt Spotify das alles geräuschlos, ohne Abmahnung, dafür mit einer Vielfalt, die mich offen gesagt immer noch erschlägt. Bei neueren Künstlern finde ich Stücke, die mir gefallen, die Titel kann ich mir jedoch nur selten merken. Bei meinen CDs war das damals anders - da war ich allerdings auch zwanzig Jahre jünger. Vielleicht lag es auch am Mangel oder an der Tatsache, dass ich das Cover physisch anfassen konnte.
Für mich und scheinbar auch viele andere Menschen begann zu etwa diesem Zeitpunkt das zweite Zeitalter des schwarzen Goldes. Während 2006 in der Ära vor Spotify und in dem abklingenden Zeitalter des Online-Tausches in Deutschland nur noch 300.000 Schallplatten verkauft wurden, sind es 2021 schon wieder mehrere Millionen gewesen. Der Verkauf von CDs und MP3-Downloads ging in der gleichen Zeit zurück. Es gibt also eine große Gruppe, die mit Streaming glücklich ist und eine kleine Gruppe, die sich für einige Alben offensichtlich physische Medien wünscht. Und das sind nicht alles Nostalgiker, die in den 70er Jahren Schallplatten hatten. Ich selbst wie viele der heutigen Käufer war damals noch gar nicht geboren. Doch hat sie etwas an sich, die Schallplatte, das kein anderes Medium mitliefern kann.
Die Coverbilder wirken auf einundreißigeinhalb Quadratzentimetern deutlich schöner als auf den kleinen CDs, die nicht einmal ein Viertel dieser Fläche bieten. Eine Schallplatte aufzulegen bedeutet auch immer eine sehr bewusste Entscheidung. Ich hebe den Deckel des Plattenspielers, ziehe das Vinyl mit dem Sleeve aus dem Cover. Das Vinyl entnehme ich vorsichtig, drehe es auf die richtige Seite, gehe mit der Carbonbürste über die Schallplatte, während sie die ersten Drehungen macht, um sie von dem losen Staub zu befreien. Wenn noch nicht geschehen, schalte ich Vorstufe und Verstärker ein, bewege langsam den Arm mit der Nadel über die Einlaufrille und betätige den Hebel damit der Arm sich bedächtig senkt bevor die Nadel geräuschvoll in die Rille gezogen wird und die Musik beginnt sich im Raum auszubreiten. Keine CD gibt mir die Wärme in der Musik, die mir eine Schallplatte bietet. Nichts fühlt sich für mich so echt an.
Wobei dies in sich schon verrückt ist, gibt die CD die Instrumente doch detailgetreuer wieder. Die Wärme und der Sound von Vinyl ensteht durch die Art wie die Musik in die Rille gebracht wird. Denn die Nadel tastet nicht einfach die Schallwellen ab, sondern bestimmte Muster die über eine RIAA-Kurve verzerrt sind. Dieses Verfahren gibt der Musik die Wärme, die ich mir wünsche, die ich mit ihr verbinde. Wenn Marc Coen auf einer 180 Gramm Schallplatte „Walking in Memphis“ anstimmt, bringt diese Dynamik und Wärme Gänsehaut auf meine Arme. Ich sinke auf meinem Sessel ein und schließe die Augen. Ich höre der Musik bewusst zu.
Durch das Ritual des Plattenauflegens höre ich weniger nebenbei Musik, ich höre bewusster. Im Gegensatz zu der CD die einfach durchläuft und dann von vorn starten kann, muss ich die Schallplatte nach 20 bis 25 Minuten umdrehen. Einen Shufflemodus gibt es nicht. Noch so etwas, das durch MP3 und Spotify verloren ging: Ein Album wird nur noch selten in seiner Gesamtheit in der vom Künstler erdachten Reihenfolge gehört. Es ist kein Gesamtwerk mehr sondern häufig nur noch eine Sammlung von Singles. Pink Floyd oder die späteren The Who Alben hätten so gar nicht funktioniert, ein Album erzählte eine Geschichte aus Songs. Ich kann mich einfach einsinken lassen in die musikalische Erzählung.
Meinen ersten eigenen Plattenspieler holte ich mit einem Freund aus Hannover. Es war ein Thorens TD 320 mit dunkler Mahagoni-Zarge und eigentlich allem, was Plattenspieler für mich ausstrahlen sollten. Wir machten einen Tagesausflug, um das von einem Händler aufbereitete Gerät abzuholen. Erst später bemerkte ich, dass der Händler mit allen Tricks gearbeitet hatte um das Gerät aufzuarbeiten ohne es richtig aufzuarbeiten. So wurde das Holz nur mit einer Paste nachgefärbt, die sich wieder abrieb wenn man nur Staub wischte. Trotzdem legte er den Grundstein für meine neue Leidenschaft. Befeuert wurde dies von einem Freund der Familie, der mir zuerst einige seiner Platten vermachte. Zu allem Glück auch noch genau aus der musikalischen Ära die ich so liebte. Und so fanden auf einmal viele gehegte und gepflegte Erstauflagen von den Eagles oder Barclay James Harvest den Weg in meinen Besitz. Das schönste war, als er bemerkte wie sehr ich mich über diese Platten freute und wie oft sie bei mir liefen, beschloss eben dieser Freund mir auch seinen Plattenspieler und seine restlichen Platten zu vermachen. Und so fand ein Transrotor Classic seinen Weg zu mir. Ein Designstück aus den neunziger Jahren, welches nahezu vollständig aus Acryl besteht, unter dem Plattenteller hängen fünf polierte und verchromte Gewichte, die sich hypnotisch drehen. Ich war plötzlich an meinem Ende von High End angekommen.
Bei aller Faszination: Schallplatten sind auch ein relativ zartes Gut. Sie können Kratzer bekommen, leichte Beschädigungen. Manchmal kommen sie sogar schon knisternd auf die Welt. Auch wenn ich später einen Fehler auf eine Schallplatte mache, bin ich besonders traurig. Ich kann jeden Fehler, den eine Schallplatte in ihrer Zeit bei mir erlitten hat benennen, sie ist bei mir, mit mir gealtert. Ganz romantisch sieht es die Radio-Legende John Peel.
Somebody was trying to tell me that CDs are better than vinyl because they don’t have any surface noise. I said, „listen, Mate, Life has Surface Noise.”
- John Peel
Die Welt ist nicht perfekt, sie ist laut und hektisch und kann erdrückend sein mit ihrem Überangebot, und sie ist auch mal defekt. Viele von den Schallplatten, die ich besitze, sind älter, oft haben sie schon ein ganzes Leben hinter sich und sind nicht mehr perfekt, doch jedes Mal wenn ich eine von ihnen auflege, ist mir klar, dass ich ein Objekt Geschichte vor mir habe. Die Bad Company Platte aus den 70ern hat jetzt 50 Jahre überlebt, um bei mir zu landen. Durch wie viele Hände mag die Schallplatte, die mir ein musikverrückter Grieche aus Japan importiert hat, schon gegangen sein? Und jetzt liegt sie in meinen Händen, ich lege sie auf den Plattenteller und genieße die Zeit. Ich drücke dadurch einmal kurz die Stop-Taste des Lebens und beginne eine kleine Auszeit, in dem ich diese Scheibe auf 33 1/3 Umdrehungen pro Minute beschleunige und eine kleine Nadel zum Schwingen bringe.


