Das letzte Mal
Warum ich das letzte Glas Whisky monatelang in der Flasche lasse – und was das über das Leben sagt.
Hermann Hesse wusste zu allem etwas zu sagen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das kennt fast jeder. Aber warum haben wir keine Augen für das letzte Mal? Warum hat das letzte Mal eigentlich keinen Zauber für uns?
Wer weiß noch, wann er oder sie zum letzten Mal etwas getan hat? Wann ist man das letzte Mal vom Beckenrand gesprungen und hat eine Arschbombe gemacht? Wann hat man das letzte Mal mit Freunden auf einer Parkbank gesessen, jemand rülpste und jeder rief schnell „Schulz!“, um keine an die Stirn geklatscht zu bekommen? Wann waren diese vielen letzten Male, die eigentlich ebenso besonders waren, wie die unzähligen ersten Male, die wir in unserem Leben hatten, die wir jedoch so achtlos vorbeiziehen ließen, abgelenkt von irgendeinem ersten Mal, einem neuen Kick, den es um jede Ecke gab?
Wann habe ich das letzte Mal eine Serie als Wiederholung geschaut, einfach weil ich sie mag, anstelle einer dieser neuen, die ich aus einer Flut neuer Serien ausgewählt habe? Wann wurde das Angebot wichtiger als der Genuss?
An einige letzte Male kann ich mich erinnern. Das letzte Mal, dass ich als Schüler vor meiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann auf der Tankstelle jobbte und Nachtschicht hatte. Es waren Sommerferien und irgendwie eine magische Nacht, mit einer ganz besonderen Stimmung. Viele Enden in meinem Leben waren jedoch auch direkt mit einem Neuanfang verbunden. Der letzte Tag der Ausbildung mit der Abschlussprüfung und dem direkten Übergang in das Berufsleben.
Immer schwingt ein wenig Wehmut mit, wenn ich über letzte Male nachdenke. Dabei sehne ich gar nicht so sehr die Vergangenheit zurück, vielmehr frage ich mich: warum habe ich es nicht mehr genossen? Hätte ich es mehr genossen, wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal war?
Ein Arbeitskollege meiner Partnerin liebt Russland, war jedoch das letzte Mal vor Corona in diesem Land. Natürlich ist das Geschmacksache, für die Problemstellung jedoch völlig unerheblich. Nach der Corona-Situation kam der Angriffskrieg auf die Ukraine, womit es für diesen Arbeitskollegen nicht mehr verantwortbar war, in das Land zu reisen. Die Liebe reißt jedoch nicht ab. Hätte er seine letzte Reise mehr genossen, wenn er gewusst hätte, dass es die letzte ist? Oder hätte sich permanent dieser Gedanke wie ein Schatten über diese Reise und seine Erlebnisse dort gelegt?
Ich genieße, über einen wirklich langen Zeitraum, immer mal wieder ein Glas aus einer guten Flasche schottischen Whisky. Wenn ich zum Ende dieser Flasche komme, merke ich immer, dass die Abstände, in denen ich mir ein Glas aus ebendieser Flasche genehmige, umso größer werden, je mehr mir der Geschmack zusagt. Bis ich es am Ende auf die Spitze treibe und das letzte Glas mehrere Monate in der Flasche aufbewahre. Nur weil ich nicht möchte, dass sie leer wird. Dabei gäbe es doch eine neue Flasche und damit auch neuen Geschmack zu entdecken, allerdings will ich auch nicht, dass die Erfahrung mit ihr endet. Wie man manchmal nicht wollte, dass Abende mit den besten Freunden enden. Diese Art Abende, in denen man alkoholgeschwängert beschließt: Wir sollten unsere eigene Bar gründen, denn ihr seid die tollsten Menschen der Welt.
Warum hängen wir so sehr an der Vergangenheit? Obwohl die Menschheit, ja eigentlich jeder einzelne Mensch dazu verdammt ist, ständig nach vorn zu schreiten. Mit der Entdeckung der Zeit wurde nur greifbar, was wir schon immer wussten. Jeder Moment ist einzigartig und wird mit dem Erleben unwiederbringlich zur Vergangenheit. Unsere Augen sehen immer nur das Jetzt, eine Liveaufnahme mit der minimalen Verzögerung der Lichtgeschwindigkeit. Wenn also unsere körperlichen Wahrnehmungen auf den Moment ausgerichtet sind, warum hängen wir so sehr an dem, was gewesen ist?
Zum einen sicherlich, weil unser Gehirn darauf ausgelegt ist, zu lernen. Prähistorisch war es wichtig zu wissen, wer die tollsten Menschen der Welt sind, da diese einem halfen. Der großartige Geschmack des Whiskys war nicht der des Whiskys, sondern von Essen, das uns gut ernährte. Leckere Beeren, von denen uns nicht schlecht wurde, halfen uns in der Zukunft, uns wieder für das bekömmliche Lebensmittel zu entscheiden.
Wieder mal hat unsere Gesellschaft unsere Evolution überholt. Was bleibt, ist das in uns veranlagte Verlangen nach neuen Erfahrungen, das wir zur Perversion treiben, wenn wir alle 30 Sekunden ein neues Video auf Social-Media-Plattformen loslaufen lassen. Dabei könnten wir etwas viel Befriedigenderes erleben, wenn wir uns selbst nur ein wenig fokussieren.
Im Zen-Buddhismus strebt man danach, alles so wahrzunehmen, als würde es gerade in diesem Moment zum ersten Mal passieren. Der Zen-Meister und Lehrer Shunryu Suzuki ging in die Vereinigten Staaten von Amerika und beschrieb es seinen Schülern damit, dass der Zen-Geist ein Anfänger-Geist ist. Zu oft lassen wir uns von den Erfahrungen oder unserer Expertenrolle blenden.
Warum haben wir das letzte Mal, als wir etwas taten, dieses nicht mehr genossen? Weil wir es so oft taten, dass wir es nicht mehr mit einer gewissen Achtsamkeit vor der Sache getan haben. Das ist auf der einen Seite ein überlebenswichtiger Prozess, damit unser Gehirn nicht vor unwichtigen Erinnerungen überläuft. Jeder kennt das: Habe ich die Tür abgeschlossen? Wir haben sie so oft abgeschlossen, dass wir es wie automatisch machen und unser Gehirn sich nicht mit der Erinnerung daran aufhält. So ist es auch mit anderen Dingen, die wir öfter tun. Auf der anderen Seite sorgt es dafür, dass wir auch andere Dinge aus unserem Erleben filtern.
Was wäre also das Rezept, um die Magie der letzten Male heraufzubeschwören?
Dinge so bewusst angehen, als würden wir sie zum ersten Mal tun. Nicht drei Dinge nebenher erledigen. Unsere Erfahrungen nicht beiseitelegen – aber uns mehr in den Moment versetzen.
Anfänge und Enden gleichwertig betrachten. Wie Yin und Yang. In jedem Anfang ein Ende erkennen, in jedem Ende den nächsten Anfang finden.
Jedes Mal könnte das letzte sein. Das ist kein trauriger Gedanke – in diesem Könnte, in dieser Vergänglichkeit, in der Zerbrechlichkeit des Lebens liegt genau die Magie, die das Alltägliche zum Besonderen macht.
Vielleicht wäre das ein Weg zu einem glücklicheren Leben.



Dein Essay hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht und ich werde es sicher noch die nächsten Tage in mir bewegen. Würden wir Dinge mehr genießen, wenn wir wüssten, dass wir sie zum letzten Mal tun? Ich glaube unbedingt ja. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Menschen plötzlich bewusster leben, wenn sie eine Diagnose bekommen: Das Wissen um die Endlichkeit holt uns zurück in den Moment und erinnert uns daran, Dinge zu genießen und zu zelebrieren.
Was mir dabei noch kam: Wir haben in unserer Gesellschaft ein bisschen verlernt, das Alltägliche zu feiern. Jemanden zu begrüßen, eine Umarmung, das Essen auf dem Teller, einen Weg zu gehen – oft machen wir all das nur noch nebenbei, im Multitasking-Modus, immer schon mit dem nächsten Ziel im Kopf. Selbst das einfache Flanieren scheint fast verschwunden zu sein. Spazieren ohne Ziel schient für viele fast undenkbar. Dabei liegt genau dort so viel Leben.
Vielleicht helfen Begriffe wie „erstes Mal“ oder „letztes Mal“ einfach dabei, uns wieder zurück ins Erleben zu holen. Sie erinnern uns daran, den Moment bewusst wahrzunehmen. Und wenn wir wirklich im Moment ankommen, spielt es vielleicht gar keine Rolle mehr, ob es das erste oder das letzte Mal ist.
Spannend finde ich auch den Gedanken zur Vergangenheit. Wir hängen oft an ihr – vielleicht auch, weil unser Gehirn Erinnerungen so gern verklärt. Dinge, die im Moment gar nicht so besonders waren, wirken im Rückblick plötzlich wunderschön. Fotos zeigen ein Lachen, das vielleicht nur für den Moment der Aufnahme da war, und später wird daraus „der perfekte Urlaub“. Erinnerungen sind eben immer gefiltert und weichgezeichnet.
Und gleichzeitig kann dieses Festhalten an der Vergangenheit dazu führen, dass wir den aktuellen Moment gar nicht mehr richtig fühlen. Weil wir noch an alten Gefühlen, Bildern oder Geschichten festhalten. Vielleicht liegt die eigentliche Kunst also darin, immer wieder zurückzukehren: weg vom Festhalten, hin zum echten Erleben dessen, was gerade da ist.
Der Punkt ist glaube ich, dass das letzte Mal oft nicht so endgültig ist. Wann war ich das letzte Mal da oder dort? Ach fahr ich nochmal hin. Wann habe ich zuletzt dieses oder jenes gegessen? Hole ich mir gleich mal. Usw.
Das erste Mal lässt sich niemals wiederholen, das letzte Mal braucht nicht endgültig das letzte Mal bleiben.