
Es ist ein sonniger Tag. Einer dieser Tage, an dem der Tisch nach wenigen Minuten schwimmt, da alle Luftfeuchtigkeit an den Gläsern kondensiert. Vor wenigen Minuten saß ich auf der Terrasse meiner Eltern. Wir haben gesprochen und versucht, uns mit kalten Getränken abzukühlen. Mein Vater, der eben noch gut eineinhalb Stockwerke über mir stand, liegt jetzt vor meinen Füßen auf dem Boden. Mein Gehirn setzt für ein bis zwei Sekunden aus, bevor es in den Automatikmodus schaltet und ich instinktiv weiß, was zu tun ist.
Wir alle glauben, wenn wir jung sind, dass wir es für immer wären.
Doch dann behaupten sie, wir wären Menschen.
Wir blicken uns um, sehen unsere Großeltern. Wie zerbrechlich sie wirken, mit zittrigen Händen und papierner Haut. Unser Blick geht zu unseren Eltern und wir verstehen nicht, dass sie einmal genauso sein könnten. Es wirkt geradezu unglaublich falsch, dass diese Menschen nicht mehr oder überhaupt nur anders sein könnten.
Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es maximal zwei Konstanten in unserem Außen. Unsere Mutter, die irgendwie auch zu unserem Inneren gehört, weil wir so tief mit ihr verbunden waren, und unseren Vater. Im Idealfall sind sie ab Minute eins einfach da und bleiben es die ersten Jahre. Sie begleiten uns, heben uns auf, wenn wir fallen. Zeigen und erklären uns die Welt, in der wir leben. Sie sind am Anfang sehr viel um uns, und auch wenn wir später immer weniger Zeit mit ihnen verbringen, sind sie doch immer da. Wenn ich an meine Eltern denke, denke ich an das Bild, das ich aus der Jugend von ihnen habe.
Mein Vater zum Beispiel ist für mich immer Anfang Mitte dreißig. Das Bild verschmilzt leicht mit seinem heutigen Aussehen, doch in meiner Erinnerung ist da immer dieser junge Mann mit seinem dunklen Schnauzbart im dunklen Muskelshirt auf einem Campingplatz auf Fehmarn. Es war der erste Urlaub, den ich mit meinem Vater alleine verbracht habe, der erste Urlaub, an den ich mich tatsächlich erinnern kann.
Auf dem Campingplatz durfte ich die Brötchen, die er vorbestellte, am nächsten Tag alleine abholen und musste dafür nur das Autokennzeichen nennen. Ich war knapp über einen Meter groß und unheimlich stolz. Das Kennzeichen des schwarzen Passat, der eine Form hatte wie Kinder früher Autos zeichneten, weiß ich noch heute auswendig.
Meine Mutter wird für mich immer diese elegante, legere Person sein, mit ihren dunkelrot gefärbten Haaren und luftigen Röcken. Das älteste Bild von ihr, an das ich mich erinnern kann, ist, dass wir im Einkaufszentrum auf einer Bank sitzen.
Wir beide lieben Eis. Ich so sehr, dass ich es im ganzen Gesicht habe. Wie immer ist das letzte Taschentuch längst aufgebraucht. An diesem kühlen Herbsttag stülpt sie den Ärmel ihres Mantels um und reinigt mit dem inneren mein kleines Gesicht. Die Bank an der Seite der Treppe wurde abgebaut, die Eisdiele im Stockwerk darüber hat sich verkleinert, ist aber noch so da, wie die Erinnerung an diese Szene mit meiner Mutter.
Ihr Bild ist so fest in meinem Kopf wie das, was ich von mir selbst in meinem eigenen habe. Was für ein Bild siehst du, wenn du an dich selbst denkst?
Ich sehe den etwa fünfzehn- oder sechzehnjährigen Kay. Zu Fuß auf dem Weg zur Schule mit zwei seiner Freunde und einem Mädchen, das ein paar Klassen unter uns ist und plötzlich immer mitläuft. Wir rauchen und reden. Ich habe einen schwarzen Wollkurzmantel an und trage eine schwarze Kangol-Schiebermütze. Mir wächst noch kein einziges Barthaar oder ich raspele den zarten Flaum erster Männlichkeit direkt weg. Was mir an Bart fehlt, fehlt mir auch an Gewicht auf der Waage.
Und auch wenn es mir retrospektiv klar ist, dass es bereits damals so war, fühle ich das Gefühl der Unsterblichkeit erst nach dem unendlichen Sommer nach dem Abitur. Mein Herz ist verletzt und ich ziehe mit Freunden durch die Vororte von Hamburg, die Musik im Auto laut aufgedreht und gut gelaunt. Ich glaubte, dass sich so Leben anfühlen muss.
Wenn ich sage, dass ich uns drei immer so sehe wie auf diesem Bild. Dann ist es wahr. Es stimmt auch nicht. Genauso wie meine Eltern, bin auch ich älter geworden und ich weiß das. Trotzdem sind für mich all diese Menschen unsterblich. Nicht nur, weil sie in meinem Kopf mit diesem Bild eingefroren sind, sondern weil die Unumstößlichkeit ihrer Existenz in meinem Leben feststeht, wie meine eigene. Ein Leben ohne mich, ist für mich nicht vorstellbar. Alle, die immer da waren, gehören für immer dazu.
Und dann passiert ein unachtsamer Moment. Wir wollten ein Terrassendach erneuern. Mein Vater hatte die Platten auf dem Dach ausgelegt. Zwei davon lagen leicht übereinander, hielten sich gerade so gegenseitig. Als er auf sie trat, wurden sie zu einer Falltür. Sie klappten nach unten durch und er fiel gerade wie ein Stock nach unten. Während er bewusstlos am Boden lag, schaltete mein Gehirn in eine Automatik. Ich lief ums Haus, schrie meine Mutter an, den Krankenwagen zu rufen. Danach brachte ich meinen Vater in die stabile Seitenlage. Erst einige Minuten später kam er wieder zu sich.
Im Schock beschwert er sich bei der Polizei, die bei Unfällen immer kommt, und bei Rettungssanitätern, dass er nicht weg kann, er müsste noch das Dach fertig machen. Meiner Vater, immer pflichtbewusst.
Wenige Stunden später erfahren wir: Er hat sich den Rücken gebrochen. Wie durch ein Wunder, gute Ärzte, viel Zeit und seinen absoluten Heilungswillen kann er heute immer noch gehen und vor allem lebt er.
Chronische Erkrankungen und das normale Altern passieren so schleichend, dass wir sie gar nicht wahrnehmen. Sie können der Unsterblichkeit unserer Eltern so lange nichts anhaben, bis eine Art Kipppunkt überschritten ist und uns die Erkenntnis ereilt. Ein Unfall oder eine große Krankheit wie Krebs, sie treffen uns wie ein Vorschlaghammer und sagen uns: „Diesen Menschen könnte es bald nicht mehr geben.
An diesem Sommertag haben sich zwei Dinge an mir verändert. Ich habe ab jetzt eine Angst vor dem Fallen bzw. Zusammenbrechen bautechnischer Strukturen. Vor allem jedoch ist mir klar geworden:
Mein Vater, meine Eltern sind nicht die unsterblichen Übermenschen, für die ich sie gehalten habe.
Vielleicht ist es gut, seine Eltern nicht zu überhöhen. Genauso wie die eigenen Kinder. Auf jeden Fall liegt am Ende der Unsterblichkeit die Chance für etwas anderes. Ein bewussteres Leben.
Restacks sind Substacks Version von Mundpropaganda.
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Diesen Essay habe ich erstmalig am 17. September 2026 auf der Veranstaltung “offene Lesebühne Hamburg-West”, die von der Textfabrique51 in der Motte veranstaltet wird, gelesen.





