Ich sehe mich einem inneren Konflikt ausgesetzt. Schon immer. Stärker noch, seit ich online selbst meine Texte veröffentliche und dabei auch auf Menschen treffe, die meinen Wertekanon, mein Weltbild nicht teilen. Natürlich bin ich mir klar, dass meine Meinung nicht die einzig richtige ist. Zu diesem Konflikt gehört jedoch auch: Wo fängt eine Meinung an und wo ist es das Leugnen von Fakten?
Auch auf dieser Plattform, auf der ich diesen Newsletter veröffentliche, begegne ich Menschen, die mich an meine Grenze bringen. Meistens tauchen diese in Situationen auf, in denen ich nicht mit ihnen rechne, wohl, wie es den Anschein hat, doch rechnen müsste. Etwa unter einem Kommentar von mir, in dem ich bedauere, dass die Wahlprognosen einer blauen Partei leider sehr hoch sind. Dann geht es in zwei Kommentaren dieser Person von „Ich weiß als ungeimpfte Person während Corona, wie sich die Juden gefühlt haben müssen, als ich im Café keinen Einlass bekam“ zu „Es sollte von der Meinungsfreiheit gedeckt sein, zu sagen, dass der Holocaust nicht existiert“.
Beide Kommentare dieser Person waren Aufsätze, ein Blocktext, keine Absätze, vielleicht eine, vielleicht zwei DIN-A4-Seiten lang. Neben der Tatsache, wie unsinnig es wirkt, sich erst mit der Shoah und den Ereignissen, die dorthin führten, zu vergleichen, um dann auf meine Antwort damit zu kommen, dass es dieses Ereignis gar nicht gab – das lässt mich ratlos zurück.
Wer wir sind, beurteilt sich für mich stets daran, wie wir uns in Bezug auf andere Menschen verhalten. Denn dies sollte im besten Fall reflektieren, wie wir uns selbst sehen und für welche Werte wir stehen wollen. Seit ich das vierte Jahrzehnt vollendet habe, frage ich mich noch mehr denn je:
Was bedeutet es, ein guter Mensch zu sein?
Wenn ich dazu meine Gedanken kreisen lasse, komme ich an einer Erinnerung nicht vorbei. Wir waren letztes Jahr auf der Rückreise aus Slowenien für zwei Nächte in Prag, das ist jetzt schon eine ganze Weile her. In diesen wunderbaren späten Sommertagen erkundeten wir die Altstadt und dabei auch das jüdische Viertel. Wie immer, wenn wir in einer fremden Stadt sind, schlendern wir auch eine Zeit lang ziellos durch Gassen fernab der Hauptstraßen. Doch plötzlich blieb ich stehen. Das passiert mir, wenn ich etwas sehe, das mein Gehirn kurz aus dem Tritt bringt, etwas, das auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. In diesem Fall war es eine Tür. Das Besondere an dieser Tür?
Sie befindet sich in Prag in Tschechien. Auf ihr steht ein kurzer englischer Satz mit einem deutschen Wort. Drei Dinge, die mein Urlaubsgehirn nicht im Sachzusammenhang erwartet hatte.
Die Einwanderungs- und vor allem Fluchtwellen von Menschen aus Deutschland und Menschen jüdischen Glaubens in die USA haben dort einige Worte in den englisch-amerikanischen Sprachgebrauch einsickern lassen. „Kindergarten“ und „Zeitgeist“ sind dort gebräuchliche Worte. Einige Worte haben auch eine Transformation vom Deutschen über das Jiddische ins Englische gefunden – „Glitch“ ist so ein Beispiel. Aber das Wort Mensch?
Tatsächlich übersetzt sich der Begriff Mensch aus dem Jiddischen als eine Person von Ehre und Integrität. Der jüdisch-amerikanische Schriftsteller und Kulturchronist Leo Rosten hat es so ausgedrückt1:
someone to admire and emulate, someone of noble character. The key to being ‘a real mensch’ is nothing less than character, rectitude, dignity, a sense of what is right, responsible, decorous
Jemand, den man bewundert und sich zum Vorbild nimmt – ein Mensch von edlem Charakter. Entscheidend dafür, ein ‚echter Mensch‘ (im Sinne von Menschsein) zu sein, ist vor allem Charakter: Aufrichtigkeit, Würde, ein klares Gespür für das Richtige, Verantwortungsbewusstsein und Anstand.
„Be A Mensch“ also. Drei kurze Worte. Eine Aufforderung. Ein Wertekompass.
Ich lese die Erklärung der Phrase und erkenne mich wieder. Rosten schrieb diese Definition 1968. Viele der Charakterzüge, die er aufschreibt, sind das Gerüst für meine Werte, für mein Weltbild. Sie wirken auf mich wie unumstößliche Grundfeiler, auf die man eine Welt aufbauen kann und sollte.
Doch auf welchen Pfeilern steht die Welt wirklich, sechzig Jahre nach Rosten?
Die Konversation oben ist leider kein Einzelfall. Immer wieder höre ich von Bekannten und Freunden von solchen Fundstücken. Überwiegend, jedoch nicht nur, im Internet. Die Hemmschwelle scheint niedriger, wenn das Gegenüber weit weg an einem unbekannten Ort zu sein scheint. Und immer wieder wähnen sich die Autoren solcher Texte und Kommentare im Schutze der Meinungsfreiheit. Politiker und Prominente machen es im Großen und im Kleinen vor. Wird mit Fakten widersprochen, schallt einem als erstes der Ruf nach eben dieser Meinungsfreiheit und dass sie in Gefahr wäre, entgegen.
Leider verstehen viele Menschen nicht, was wirklich Meinungsfreiheit bedeutet. Sie ist eben nicht grenzenlos. Mir drängt sich der Eindruck auf, es wäre zu viel verlangt, über den ersten Absatz von Artikel 5 des Grundgesetzes2 hinaus zu lesen.
Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
Okay, persönliche Ehre ist ein wenig altbacken. Sehen wir uns einen Text im Nachbarland Frankreich an. Dort wurde es in der Erklärung der Freiheits- und Menschenrechte etwas frischer und einfacher beschrieben und das bereits 17893:
Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet.
Hass, Rassismus, Hetze, aber auch bloße Desinformation durch das Verdrehen von Fakten – die schaden eindeutig anderen und unserer Gesellschaft.
Was also habe ich getan, als ich bemerkte, dass die Diskussion nicht weiterführt? Ich habe das getan, was ein guter Mensch in der Offline-Welt getan hätte. Ich habe das Gespräch beendet, denn ich habe gemerkt, immer wenn ich mit einem Fakt oder einem logischen Argument kam, habe ich damit eine neue, noch verrücktere Antwort provoziert. Damit habe ich dieser Person eine Plattform und Sichtbarkeit gegeben, die sie ohne die Diskussion nicht hätte. Ich habe sie gemeldet. Doch sie ist noch da, denn wir sind hier auf einer Plattform außerhalb unseres eigenen Landes.
Also tue ich das, was ich aus meiner Sicht tun muss. Unter meinen Posts und Notes lösche ich solche Texte. Das Entziehen der Plattform ist keine Zensur im Sinne des Grundgesetzes, es ist kein Canceln. Wie zuvor festgestellt, wird hier eindeutig und bewusst Schaden an der Gesellschaft verursacht. Das tut ein Mensch in dem hier aufgebauten Wertekanon nicht.
Das Entziehen der Plattform ist Hygiene, keine Zensur.
Warum spreche ich darüber in einem Text, über dem der Titel “Be a Mensch” steht?
Weil das Menschsein im Sinne von Rosten’s Definition ein Ideal ist, nach dem ich streben will, und ich hoffe, dass dem auch andere Menschen folgen wollen. Weil ich glaube, dass wir als Gesellschaft wieder mehr Aufrichtigkeit und überhaupt Gespür für das, was richtig ist, entwickeln müssen.
Und das äußert sich zuerst in den Dingen, die wir sagen. Fakten sind keine Meinung. Das ist keine Meinungsdiktatur, es ist Ausdruck von dem, dass dort eine Wahrheit ist. Eine, die sich messen und belegen lässt. Sie ist einfach da und sie geht nicht weg.
Deine Meinung, wie du mit diesem Fakt umgehst, wird geschützt vom Recht der freien Meinungsäußerung, das Leugnen dieses Faktes jedoch nicht. Mensch-Sein im Rosten’schen Sinne schließt ein, dass man die Wahrheit nicht nur erkennt, sondern auch benennt. Auch wenn dazu manchmal gehört, dem Gegenteil eine Plattform zu nehmen.
Restacks sind Substacks Version von Mundpropaganda.
Kennst du jemanden, der genau diesen Text lesen sollte?
Sag es ihr – oder restacke es einfach.






Lieber Kay, vielleicht steht es mir nicht zu, da ich kein Jude bin, aber durch meine jüdische Tante und ihre Familie, fühle ich mich dem Judentum sehr verbunden, dir zu sagen "Du bist a mentsch". Das ist für mich ganz klar.
Wenn du mich fragst, hast du alles richtig gemacht. Anders kann man auf solche Kommentare nicht reagieren. Wir müssen nicht alles dulden.
Es ist interessant, dass sich solche Leute immer auf irgendwelche Rechte und Gesetze stützen, die sie anderen aber nicht zugestehen. Zu Corona Zeiten waren es Persönlichkeitsrechte, das Vermummungsverbot, Recht auf körperliche Unversehrtheit etc. Jetzt ist es vor allem die Meinungsfreiheit. Wenn ich es mir richtig zusammen reime, geht es ja ursprünglich darum, die Freiheit des Volkes gegenüber der Regierung zu sichern. Nicht einen Freifahrtschein auszustellen, um alles sagen zu dürfen, was man will. Das ist leider ganz schön ausgearbeitet. Frauen im Internet können davon ein Lied singen. Fr. Künast (Die Grünen) zum Beispiel, die Passagen von Kommentaren an sie veröffentlichte, die aber nie vor Gericht gingen, weil die Drohungen "nicht konkret genug" waren.
Leider sind die rechten Hetzer und die AfD Meister des Verdrehens und uns in ihren kruden Argumentationen immer ein oder zwei Schritte voraus. Da sollte man sich nicht drauf einlassen.
Kay, du Mensch, danke für diesen Text.