Eigentlich schaue ich nur noch sehr wenig Horror. Ich kann es einfach nicht mehr so gut ab wie früher. Ich werde eben nicht jünger. Backrooms allerdings hat mich gereizt. Vom ersten Trailer, der mich mit Fragezeichen zurückließ, bis zur letzten Kampagne war da eine Neugier in mir.
Etwas abschreckend sind für mich mittlerweile Begriffe wie „Internetphänomen“. Da kommen eher Assoziationen mit TikTok in meinen Kopf, und als einer, der nicht in der Bubble steckt, denke ich bei YouTubern auch eher an irgendwelche Influencer, die in ihre Kamera quatschen. Kane Parsons hingegen hat als Kane Pixels auf YouTube SpecialFX-Footage gemacht und mit günstigen Mitteln eine kleine Horror-Serie produziert. Also fasste ich meinen Mut zusammen und ging am Freitagnachmittag um 14:30 Uhr in die „Kindervorstellung“ – hat schon mal jemand darüber nachgedacht, dass der Film in einem fast leeren Kino gruseliger sein könnte? Ich nicht!
Clark ist ein gescheiterter Architekt und Alkoholiker. Seit ihn seine Frau verlassen hat, lebt er in seinem heruntergekommenen Möbelladen. Eines Tages entdeckt er im Keller des Geschäfts ein unscheinbares Portal, hinter dem sich ein endloses Labyrinth aus menschenleeren, gelbstichigen Räumen verbirgt. Besessen von diesem Fund, begibt er sich immer wieder in die fremde Welt, um deren Ursprung und Bedeutung zu ergründen. Als er seiner Therapeutin Mary von diesem Fund erzählt, glaubt diese ihm zunächst jedoch nicht.
Kane Parsons hat den Backrooms-Mythos nicht erfunden. Er erwachte auf einem Internetboard zum Leben und verbreitete sich dann immer weiter. Bis der damals Sechzehnjährige Anfang 2022 seinen SpecialFX-Kurzfilm The Backrooms (Found Footage) auf YouTube hochlud. Vier Jahre später sitze ich im Kino und betrachte seine erste Regiearbeit, in der Chiwetel Ejiofor (den ich zwar gerne sehe, der jedoch oft ein mittelmäßiges Händchen für seine Filme hat) und Renate Reinsve durch die Backrooms schickt. A24 hat als Produktionsstudio wieder einmal einen guten Job gemacht, ein mutiges Konzept zu nehmen und einen jungen, unerfahrenen Kreativen mit einem Drehbuchautor wie Will Soodik zusammenzubringen. Dieser hat bisher meiner Kenntnis nach nur Serienepisoden geschrieben, sodass Backrooms die Art Sprungbrett ist, die beide für den Weg auf die große Leinwand gut gebrauchen konnten. Der optimale Weg, um den Mythos gemeinsam einem breiteren Publikum verfügbar zu machen.
Und das macht er mit einiger Eleganz. Der Film wird wechselnd aus der Blair-Witch-artigen First-Person-Kamera und der „normalen“ Kino-Kamera aus der Beobachterperspektive erzählt. Beim Blair Witch Project habe ich die wackelnden Bilder noch gehasst, hier werden sie geschickt eingestreut, um die Spannungsebene zu erzeugen, die gebraucht wird. Mit Ejiofor haben wir zudem genau den Darsteller gefunden, der zwischen Wahnsinn und Neugier pendeln kann, ohne unglaubwürdig zu wirken. Ein weiteres Highlight ist die langsame Erzählweise, die den Suspense-Grad so anwachsen lassen kann, um die Anspannung im richtigen Moment auszuspielen.
Im Vorfeld des Films kannte ich den Backrooms-Mythos nicht und hatte mich bewusst nicht mit ihm beschäftigt. Jetzt weiß ich: Der Film liefert Lösungsansätze und damit ein Gerüst, das der Internet-Mythos bewusst offengelassen hatte, für ein Kinopublikum jedoch notwendig sein dürfte. Die damals notwendige Projektionsfläche hat ihn aus meiner Sicht zum Phänomen gemacht, das er geworden ist. Die für den Film hinzugefügten Ebenen runden das Konzept jedoch ab und machen mich mehr als neugierig.
Insgesamt erinnert mich das Konzept an die Filmreihe Cube, auch dort wird der Horror aus abstrakten, unerklärten Raumsystemen erzeugt. Cube war damals eine komplette kanadische Indie-Produktion mit einem Budget von rund 400.000 CAD und musste sowohl Bildsprache als auch Idee völlig neu erfinden und verkaufen. Backrooms ist im Gegensatz dazu eine viel kalkulierbarere Wette als er auf den ersten Blick scheint. Denn dieser bringt einen Vorteil mit, der zugleich eine Bürde ist: Durch die lange Tradition des Internet-Mythos bringt er eine große Anhängerschaft mit ihren Erwartungen mit, durch die Offenheit des Mythos jedoch auch Projektionsfläche für weiteres Erforschen der Backrooms.




Fand den Film richtig gut, mochte die Backrooms schon davor und war trotzdem begeistert was daraus wurde.
Ich bin bis zu dem Wort Labyrinth gekommen und muss einfach kurz meine Lektüre unterbrechen.
Labyrinth und Irrgarten sind keine Synonyme. In einem Labyrinth kann man sich nicht verirren, weil es nur einen Weg und eine Richtung gibt. Was der Trailer und du meinen ist ein Irrgarten. Im Englischen wäre es Maze (wie in "Maze Runner"). Der Begriff, wird gemeinhin synonym verwendet, aber alle die bei "Labyrinth" zum Beispiel das in Chartres vor Augen haben, könnten irritiert sein.