Endlich habe ich es mal wieder in eine Preview geschafft, diesmal ungewöhnlich an einem Sonntag. Vielleicht liegt es daran, dass es ein Film ist, der es schwer hat im Multiplex-Umfeld. Dort finden in letzter Zeit immer mehr nur größere Filme statt, bei denen es kracht und knallt. Dabei sind es gerade die vermeintlich kleinen Filme, die mit ihren Geschichten begeistern, die Kino ausmachen.
Den Trailer für Verflucht normal sah ich bereits vor einigen Wochen und bekam direkt diesen Vibe, den ich oft bei englischem Kino bekomme. Eine gute Mischung aus Herz und Witz, manche würden schwarzen Humor sagen. Kirk Jones’ Debüt Lang lebe Ned Devine ist immer noch eine gute Empfehlung. Für Jones ist es eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, denn es ist die erste Regiearbeit seit seinem Debüt, in der er zusätzlich wieder das Drehbuch allein verantwortet hat. Vielleicht nicht ganz allein, denn der Film basiert auf dem Leben der realen Person John Davidson.
John Davidson ist ein typischer Jugendlicher. Wir lernen ihn kennen, als er in die Schule „für die großen Jungs“ kommt. Er trägt Zeitungen aus, er hat Träume. Ein Scout für eine Profifußballmannschaft in Schottland kommt in Kürze, um ihn spielen zu sehen, und dann ist da noch dieses Mädchen, das er interessant findet und zum Kino einlädt.
Dann wendet sich das Blatt, denn mit der Pubertät beginnen die Ticks. Erst als nur rein physisch, ein kleines unkontrolliertes Zucken hier und da. Wenig später kommen die unkontrollierten Worte hinzu, die nicht immer, aber oft auch Flüche sind.
John erfährt diesen Wandel in den 1980er Jahren, einer Zeit, in der ihm gesagt wird, er solle sich zusammenreißen, denn wenn Menschen wie er das nicht täten, dann würden sie nichts im Leben.
Wenig später macht der Film einen Zeitsprung und wir sehen John als jungen Erwachsenen mit seiner Mutter einkaufen. Dabei trifft er auf Murray, einen Schulfreund, der für längere Zeit in Australien war. Murray zeigt Verständnis für Johns Erkrankung und zeigt John damit zusammen mit seiner Familie eine neue Perspektive. Von hier an begleiten wir John auf seiner inspirierenden Reise, in der er eine Hilfsanstellung als Assistent des Hausmeisters Tommy findet.
Verflucht normal ist kein lauter Film. Doch schafft er es bei mir in jedem Moment, genau in dieser Lautstärke die richtige Tonalität zu treffen. Etwa wenn ich mich mit betroffen fühle, wenn Johns Familie nicht mit ihm umgehen kann. Die Gesamtbreite an möglichen Emotionen zu Johns Ticks, in denen der Film mich manchmal lachen lässt und manchmal schon gespürt wird, dass die Situation gleich kippen könnte, bevor sie es überhaupt tut. Immer sind wir emotional nah dran an unserer Hauptfigur.
Das liegt zum einen an Robert Aramayo, den ich bisher nur als jungen Elrond in Ringe der Macht gesehen habe und der sich mit der Leistung in diesem Film für zukünftige Rollen empfiehlt. Zum anderen an der Regie, dem Drehbuch und damit der Geschichte selbst. Kirk Jones läuft lange nach Lang lebe Ned Devine endlich wieder zur Bestform auf, denn er schafft es, dass nahezu alle Darsteller eine gute Leistung bringen, die Bilder den Film unterstützen und so nie der Film selbst, sondern immer seine Menschen und die Botschaft im Vordergrund stehen.
Ganz so, wie sich der echte John Davidson es sich wünschen dürfte, schafft der Film Bewusstsein für Tourette, auf einer menschlichen Ebene und ist dabei eine großartige Inspiration.
Bei den Britischen Filmawards (BAFTA) mussten sich das Drehbuch Blood & Sinners und der Film Hamnet als bester britischer Film geschlagen geben. Den Sieg für Verflucht normal fuhren seine beiden wichtigsten Darsteller ein. Robert Aramayo (Bester Hauptdarsteller) und Peter Mullan (Bester Nebendarsteller) in der Rolle des Hausmeisters Tommy brillieren und überstrahlen den auch sonst guten Cast, der ebenfalls ausgezeichnet wurde.
Ich wünsche es dem Film und euch, dass er es doch in die Multiplex-Kinos dieses Landes schafft und ihr so leicht Zugang findet. Er erzählt die vielleicht herzlichste und menschlichste Geschichte des Jahres.



