... und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Leben?
Über die Fragen der Lebensmitte – und warum ein Nobody eigentlich ein Everybody ist.
Es ist Sonntagmorgen, ich sitze an meinem Schreibtisch neben der Heizung. Typisch Hamburg: Der Oktober sieht bereits etwas grau aus, draußen ist es kühl und leicht windig. Wie im Leben wechseln sich an diesem Morgen Regenschauer und warme, goldene Sonnenstrahlen kontinuierlich ab.
In dem Moment, als ich diese Worte schreibe, ist es nun gut eineinhalb Jahre her, seit ich dieses Projekt gestartet habe, von dem du jetzt den ersten Teil liest. Einige Zeit nach meinem 39. Geburtstag schrieb ich den ersten Text. Ich hatte das Gefühl, an einem Punkt angekommen zu sein, an dem ich zwar viele Antworten gefunden hatte – aber auch verstand, dass die Fragen wohl nie aufhören würden. Nächstes Jahr werde ich zwanzig Jahre in meinem Beruf arbeiten und allein mit den Gedanken hierzu ließe sich ein Buch füllen. Ich habe die Phase des Kindseins, des Teenagers, des jungen Twens hinter mir gelassen und trage sie doch alle immer noch in mir. Es ist noch nicht so weit, dass ich einer der heute sogenannten Best Ager bin und ich bin noch sehr weit weg davon, grau und altersweise zu sein.
Gerade jetzt komme ich in der Mitte des Lebens an. Zwischen etwa 40 und 55 Jahren erleben die meisten Menschen ihre Midlife-Crisis - und ich beginne zu ahnen, warum. Dabei wird es meinem Gefühl nach selten darum gehen, seine Familie zu verlassen, um eine zwanzig Jahre jüngere Frau zu daten. Jeder Mensch stellt sich andere und doch dieselben Fragen.
Warum wirkten die Menschen, die Mitte dreißig waren, als ich Anfang zwanzig war, so souverän? Ich hingegen sitze hier und denke: Ich habe kaum etwas im Griff. Die ersten Altersleiden erscheinen, vielleicht aufgrund meines Übergewichts, ein wenig früher, doch unabhängig davon frage ich mich:
Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Leben?
Eine Lebensfrage gestellt von einem Aufkleber, den meine Partnerin auf einem Bild im Internet gesehen hat. Das Bild zeigt einen grünen Mülleimer im Park, an dem ebendieser Aufkleber befestigt ist. Ich stelle fest, ich liebe die Aufkleberkultur, in der Menschen selbst Aufkleber gestalten und damit humorvoll, ironisch oder ernst die Töne spielen. Große Kunst, die wir im täglichen Vorbeigehen übersehen könnten, wie das, was uns im Leben wichtig ist. Jeden Tag laufen wir daran vorbei und sehen es vielleicht nicht mehr, weil es mit der Umgebung verschmolzen oder es uns noch nie bewusst aufgefallen ist.
Dieser Aufkleber wurde von einem Menschen gestaltet und dann vielleicht bewusst oder unbewusst auf einem Mülleimer angebracht. Ist die Antwort auf die Frage, sollen wir das angebrochene Leben wegwerfen und ein neues anfangen? Ökologisch wäre das sicher nicht sinnvoll, ich schmeiße auch nicht den halben Liter Milch weg, nur weil ich noch nicht weiß, was ich damit noch kochen könnte.
Eine andere mögliche Lesart dieser Frage ist auch: Soll es das jetzt sein? Sieht mein Leben jetzt jeden Tag so aus?
Was also machen wir jetzt mit dem angebrochenen Leben? Wie finden wir das heraus? Und warum soll es einem helfen, die Gedanken dieses Nobodys zu lesen, der nichts Herausragendes geleistet und keine öffentliche Anerkennung für irgendwas bekommen hat? Der ist ja nicht mal Influencer.
Nun, zunächst mal habe ich, genauso wie du, Herausragendes geleistet. Wie bei vielen Menschen ist die Messlatte immer anders, und in beruflichen Dingen, die lange mein persönlicher Maßstab für Lebensleistung waren, habe ich wirklich herausragendes geleistet.
Ein anderer wichtiger Punkt für mich ist jedoch, dass der Nobody im Grunde ein Everybody ist. Klar sind wir alle individuelle Gestalten, unsere Lebenslinien verlaufen höchst unterschiedlich und komplex, doch sind wir uns alle auch ähnlicher, als wir denken. Das lehrt uns die Wissenschaft, aber leider auch unser Konsum und unsere Wirtschaft.
Warum also nicht mal die Erfahrungen eines anderen Menschen lesen, der nicht über seine Grenze hinausgehen musste, um den Everest zu besteigen? Der nicht in ein unbekanntes Amerika aufgebrochen ist und auf sich allein gestellt als Siedler durch das Land an die Westküste gezogen ist. Der nicht Bundeskanzler oder CEO war, kein Schauspieler, der den Oscar gewonnen hat, kein Philosoph, der Deutschland wöchentlich im Podcast die Welt erklärt.
Wir Menschen sind die Summe unserer Erfahrungen. Nahezu jede Erfahrung ist einzigartig. Wir alle sehen denselben Hamburger Michel – aber wir sehen ihn unterschiedlich. Unsere Wahrnehmung ist individuell, gefiltert durch die Brille unseres Lebens.
Eine weitere Fähigkeit macht uns Menschen besonders. Die Empathie. Wir können uns in andere Menschen hineinversetzen, mit ihnen mitfühlen und dadurch lernen und von ihren Erfahrungen profitieren.
Die Frage, wohin es geht, was man mit dem angebrochenen Leben anfangen will, führt zu der Frage, wer ich bin und damit in der Konsequenz zu der Frage, wer ich war. Welchen Weg bin ich hierher gegangen? Welche Erfahrungen prägen meine Entscheidungen und mein Handeln? Will ich diesen Weg weiter gehen oder einen neuen beschreiten?
Nur eine Sache ist sicher: Ich kann nicht zurück. Was war, bleibt Teil meiner Geschichte.
Das alles macht meine Texte höchst subjektiv, in meinen Augen auch einzigartig. Ich glaube an die Kraft der Diversität und gerade darum glaube ich daran, dass meine Gedanken und Erfahrungen in Teilen auch für dich, liebe lesende Person, hilfreich sein können. Und wenn nur um dich zu fragen, wie du eigentlich zu den Themen stehst, welche Erfahrungen du gemacht hast, die dich dahin gebracht haben, wo du jetzt bist. Wir alle können voneinander lernen. Nur eines steht für die Zukunft fest, sie ist der Weg, den wir noch nicht gegangen sind.
Ich hoffe, dass dich meine Gedanken und Erfahrungen weiterbringen oder zumindest während der Lektüre unterhalten. Ich gehe jetzt etwas machen mit meinem angebrochenen Leben.



Klasse, ich bin gespannt was du weiter schreibst. Und spannend ist wirklich, dass wir zwei oder wir alle - auch wenn wir völlig verschiedene Leben geführt haben - uns doch ähnliche Fragen stellen
Wunderbar!!
Grüße vom Brieffreund aus dem Süden