Florian Illies ist mir das erste Mal in Hamburgs großem Caspar David Friedrich Jahr sichtbar geworden. Zauber der Stille zog sich mit seiner Art magisch an. Ich hatte gerade erst Robert Seethalers Der letzte Satz gelesen, in dem er als Ausschnitt von Mahlers Leben dessen letzte Reise über den Atlantik schilderte. CDF jetzt in einem ähnlichen, Schlüsselloch-Portrait zu entdecken fühlte sich nur folgerichtig an. Seitdem stehe ich vor jedem Florian Illies’ Buch und denke, ja das würde ich auch gerne lesen. Bei Träume aus Feuer habe ich es endlich wieder getan.
Die Alchemie hat mich schon immer fasziniert. Zusätzlich befeuert hat meine Lust auf den Titel noch, dass ich dachte ich kenne die zentrale Figur aus einer Episode des Podcasts Geschichten aus der Geschichte1. Doch ich war einem Irrtum aufgesessen. Zum Glück ist die Geschichte hier nicht minder spannend und bietet geradezu Game-of-Thrones-hafte Intrigen.
Brandenburg, Ende des 17. Jahrhunderts. Johannes Kunckel kommt mit dem Glauben an die Alchemie an den Hof des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Statt Gold herzustellen begeistert er den Kurfürsten mit seinen bunten Gläsern, der ihm dafür die Pfaueninsel zwischen Potsdam und Berlin überlässt. In seiner abgelegenen Werkstatt beginnt Kunckel eine lange Reihe von Versuchen, bei denen ihm zunächst vor allem Rückschläge begegnen. Erst nach vielen Anläufen gelingt ihm der entscheidende Durchbruch: ein Glas in einem Rubinrot, wie es zuvor niemand gesehen hat. Mit diesem Erfolg wächst sein Ansehen rasant, sein Glas wird zu einem der begehrtesten Luxusgüter Europas. Je enger sein Schicksal jedoch mit der Gunst des Kurfürsten verknüpft ist, desto deutlicher zeigt sich, wie schmal der Grat ist, auf dem er sich bewegt.
Kunckel ist ein Getriebener. Wir begleiten ihn im Rahmen des kurzen Romans an verschiedenen Stationen seines Schaffens am Hof des Kurfürsten. Zu diesem Zeitpunkt hat Kunckel das “Goldmachen”, das sich die meisten Alchemisten zum Ziel gesetzt haben, bereits aufgegeben. Er hat bereits verstanden, dass der Mensch zwar Stoffe “verwandeln” kann, jedoch eher miteinander und nicht einfach aus Blei Gold herstellen kann. Er ist schon eher ein Chemiker als Alchemist. Und vielleicht auch deswegen kann er am Hof seines aktuellen Kurfürsten als Hersteller besonderer Gläser durchstarten. So sehr, dass die anderen Höflinge ihn mit Missgunst betrachten und meiden.
Die Geschichte, die Illies uns hier im Ton fast kumpelhaft erzählt, ist eine dieser klassischen Aufstiegs- und Fallgeschichten. Für mich eine der interessanteren. Ich weiß wenig über diese Zeit in Deutschland und die Gepflogenheiten am Hof. Illies teilt die Zeit des Alchemisten in Brandenburg in fünf Kapitel auf. Dabei wählt er die Titel wie bei dem Suchspiel Blinde Kuh von “Kalt” über “Heiss” bis “Zu Heiss” und schafft damit noch eine weitere Ebene um den Handlungsbogen.Wie auch schon bei Caspar David Friedrich schafft es Illies einen Ausschnitt aus dem Leben zu nehmen, der auch ein Abschnitt in der Wikipedia sein könnte, doch macht ihn mit seinen Ergänzungen so lebendig, dass ich ihn einfach aufsaugen möchte.
Damals war es ein Maler, jetzt ist es ein Glasmacher. Ich frage mich, wen Illies als Nächstes aus dem Halbdunkel der Geschichte zieht und weiß, dass ich es lesen werde.
Die Geschichte aus der Anfangszeit von GaG kümmert sich um den Alchemisten Johann Friedrich Böttger, der statt Gold versehentlich Porzellan fabrizierte. Hier der Link zur Folge.



