Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, wie ich das erste Mal von The Piano Tuner erfahren habe. Ich weiß nur, dass ich wieder mal einen „kleinen“ Film sehen wollte und dafür das Hamburger Abaton als Ziel ausgemacht hatte. Da, wo sich Kino noch ein wenig wie früher anfühlt und Snacks und Getränke für zwei Personen 11,90 EUR kosten.
Der Trailer schafft es direkt, mir ein Gefühl zu vermitteln, dass ich den Film sehen wollte.
Niki arbeitet als Klavierstimmer, zusammen mit dem alten Hasen Harry, der ihn wie einen Sohn behandelt und mittlerweile eher zum Plaudern als zum Arbeiten mitkommt. Die beiden verstehen sich blind, die Jobs laufen wie von selbst. Dass Niki dabei sein extrem feines Gehör einsetzen kann, ist Segen und Fluch zugleich: Überall trägt er Ohrstöpsel, in vielen Situationen zusätzlich Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung. Ohne diesen Schutz wird ihm die Welt schlicht zu laut.
Die Aufträge führen die beiden meist zu wohlhabenden Leuten, deren Flügel öfter Statussymbol als Musikinstrument sind. Wichtiger sind da fast die Tresore in diesen Häusern, denn eines Tages hört Niki mehr, als ihm lieb ist. Was folgt, bringt eine Fähigkeit ans Licht, mit der er selbst nicht gerechnet hat.
Parallel verliebt sich Niki in die Pianistin Ruthie, während Harry gesundheitlich zu kämpfen hat und die Behandlungskosten explodieren. Zwischen Zärtlichkeit und Zwielicht muss Niki einen Weg finden, der ihm selbst nicht mehr ganz gehört.
Gleich zu Beginn des Films etabliert sich die gute Beziehung zwischen Harry und Niki. Und besonders Dustin Hoffmann dürfte Spaß an dieser Rolle gehabt haben, denn immer wieder kommt bei seinen kleinen Witzen das Lächeln des jungen Hoffmann durch. Selten war eine Figur, die einfach existiert, damit die Hauptfigur etwas tun muss, so sympathisch ausgearbeitet wie Harry Horowitz. Generell sind die Dialoge und Figuren liebevoll ausgearbeitet, sodass sie nie hinter der Heist-Movie-Storyline zurückfallen.
Generell gelingt es Daniel Roher, die Storylines gut zu verknüpfen. Da ist einmal die Liebe zwischen der aufstrebenden Pianistin Ruthie und Niki, die sich ganz natürlich bei der Arbeit kennenlernen. Dazu die quasi familiäre Bindung zwischen Niki, Harry und dessen Frau. Und schließlich die Einbrüche, über die Niki in die klassischen Heist-Movie-Elemente hineinrutscht.
Und ja, die Geschichte klingt abstrus, wenn jemand mit Hyperakusis, also Überempfindlichkeit gegen Schall, in so ein Szenario geschmissen wird. Zusätzlich gibt ihm Roher noch das perfekte Gehör und eine aufgrund seiner Krankheit zerstörten, vermutlich sonst glorreichen Zukunft. Das ist für mich besonders überraschend, da Roher zuvor für herausragende Dokumentarfilme bekannt war. Hier hätte ich ein wenig mehr Hang zum Realismus erwartet. Der Weg zu diesem Film war für ihn jedoch kein leichter. Nachdem er mit der Dokumentation Navalny einen Oscar gewonnen hatte, verfiel er aufgrund des Druckes in eine Schreibblockade. Das Genre zu wechseln und sich selbst in eine Figur zu spiegeln, die alles Talent verloren hat, klingt da als folgerichtige Medizin für sich selbst. Dabei hat er es, wie beschrieben, geschafft, sehr liebevolle Figuren zu gestalten. Da kann ich es verschmerzen, dass das Pacing und Intensität an einigen Stellen ein wenig aus der Optimallinie fallen.
Und bei aller Freude über diesen Film, muss ich Krankheiten/Behinderung als Superkraft aufbringen. Diese stellen aus meiner Sicht schnell eine besondere Form von Ableismus dar, wenn sie Dinge nicht so erzählen, dass es um eine besondere Perspektive geht, sondern die Behinderung als Superkraft per se gesetzt wird. The Piano Tuner reitet hierbei auf der Rasierklinge. Zum einen ist die Krankheit eine Superkraft die zum Safeknacken genutzt wird, auf der anderen Seite wird sie von Niki durchweg als Qual wahrgenommen, die ihm alles genommen hat, was ihm lieb war. Anders als zum Beispiel Serien wie The Good Doctor oder Filme wie ironischerweise Rain Man mit Dustin Hoffman, welche die negativen Aspekte eher klein, als eine Art Feigenblatt nutzen.
Der Film hat mir im Kino trotz der für mich unglaubwürdigen Nutzung der Krankheit unglaublich viel Spaß gemacht. Das generiert sich für mich allein bereits aus der Tatsache, dass wir hier mal wieder etwas Frisches sehen und vor allem auch hören. Erwartbar spielt das Sounddesign hier eine größere Rolle und immer wieder wechseln die Szenen tonal die Ebene ohne dabei überzeichnet zu wirken. In vielen Momenten wechseln wir von Nikis Geräuschkulisse und wieder zurück auf die normale Kulisse. Dabei wirkt das Design nie übertrieben. Das liegt nicht zuletzt an Jonnie Burn, der bereits für die Tonkulisse von The Zone of Interest verantwortlich war.
Trotz allem schwingt bei mir immer wieder der Gedanke mit, wie unglaubwürdig die Prämisse mit der Hyperakusis eigentlich ist. Am Ende konnte ich sie dennoch akzeptieren, weil der Film diesen Aspekt differenziert genug erzählt. Als das Licht im Kino anging, hatte ich jedenfalls das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein, und das, obwohl mir erst später bewusst wurde, wie viel Interpretationsspielraum das Ende eigentlich offenlässt. Das merkte ich erst richtig, als ich mit meiner Partnerin danach noch lange darüber diskutierte. Ein guter Film wirkt nach.




Ich kann den Film nur empfehlen. Die Entwicklung von der doch seichten Komödie am Anfang zum harten Thriller Richtung Ende kam für mich unerwartet.
Aktuell gehört er für mich zu den besten Filmen dieses Jahres.
Du schreibst über die größere Rolle des Sounddesign. Das hat mich absolut in seinen Bann gezogen.
Ich schaue den Film definitiv ein weiteres Mal.
Habe von dem Film bis jetzt nichts gehört gehabt….. bin allerdings auch skeptisch. Denn was du beschreibst, es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, eine Behinderung bzw eine Erkrankung als Superkraft darzustellen.