Selten fieber ich so stark auf einen Kinofilm hin, dass ich ihn ganz unbedingt sehen muss. Christopher Nolan hat mittlerweile bei mir diesen Status. Also ging es Samstagmorgen um 11 Uhr ins pickepackevoll IMAX in Hamburg.
Das freut mich, weil dem Film vor Erscheinen schon online unglaublich viel Negativität entgegenschlug. Mal ging es darum, dass Elliot Page, der mal Elli Page war, angeblich Achilles spielt und mit Brad Pitt verglichen wurde, mal ging es überhaupt nur darum, dass er im Film mitspielt. Aber auch, dass wir eine farbige Schauspielerin haben, die Helena spielt, wurde bereits im Vorfeld kontrovers diskutiert. Da war schon fast weniger Thema, dass überraschend wenig Schauspieler des Casts Griechen sind. Obendrauf kam dann noch, dass der Film in Europa auf ganzen vier Leinwänden so laufen kann, wie Nolan ihn selbst gedreht hat. Keine davon steht in Deutschland. Insgesamt läuft der Film in sechs verschiedenen Bildformaten. Allein die Frage nach den Bildformaten dürfte den durchschnittlichen Kinozuschauer überraschen. Falls du mal dir das mal ansehen willst, wie sich so etwas auswirkt: Die Webseite vom Film zeigt den Trailer in allen Formaten, du kannst so viel hin und herschalten, wie du magst.1
Was also hält ein Film, der im Vorfeld mit so vielen Themen diskutiert wurde, wirklich aus? Was verspricht er?
Nach zehn Jahren Krieg um Troja tritt der listenreiche König Odysseus die Heimreise nach Ithaka an. Was als kurze Überfahrt gedacht ist, wird zu einer jahrelangen Irrfahrt durch eine unbekannte, gefährliche Welt. Auf dem Weg begegnet Odysseus dem einäugigen Zyklopen Polyphem, den verführerischen Sirenen und der mächtigen Zauberin Kirke. Während sein Schiff und seine Mannschaft Prüfung um Prüfung bestehen müssen, wartet in Ithaka seine Frau Penelope, die sich gegen eine wachsende Schar von Bewerbern um ihre Hand behaupten muss. Auch sein Sohn Telemachos macht sich auf, um Antworten über das Schicksal seines Vaters zu finden. Zwischen Göttern, Ungeheuern und der schieren Kraft des Meeres entscheidet sich, ob Odysseus jemals nach Hause zurückfindet.
Er hält definitiv, was er verspricht. Natürlich ist die Geschichte an sich nicht neu. Doch sie ist eine moderne Interpretation. Bisher war die Geschichte eine, die fragte, was passiert, wenn aus Erfolg Hybris wird. Jetzt wird gefragt, was passiert, wenn wir unsere Menschlichkeit verlieren. Nolan hat dazu wenige Eingriffe in die Geschichte gemacht, die aus meiner Sicht moderner sind und damit auch eine Linie zur aktuellen Zeit ziehen lässt.
Wie auch in den vergangenen Nolan-Filmen kann dieser angesehen werden und man wird einfach gut unterhalten. Doch wer möchte, ist auch sehr eingeladen, über die Vielschichtigkeit des Films zu sprechen. Das ist, was einen guten Film von einem großartigen unterscheidet.
Matt Damon spielt so gut, wie seit Good Will Hunting nicht mehr und ist für mich die ideale Wahl für den modernen, gebrochenen Odysseus. Generell ist das Casting gut geraten. Wer die Schauspieler auf Promotour verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass alle vom bloßen Dabeisein sprechen, als wäre es ein Ritterschlag. Nicht zu Unrecht. Nolan versammelt immer einen ausgezeichneten Cast. Auch Robert Pattinson beweist wieder, dass in ihm so viel Schauspieler steckt, dass wir alle vergessen sollten, dass er jemals ein glitzernder Vampir war.
Die Entscheidung, Elliot Page in der Rolle eines Soldaten im Kampf um Troja zu besetzen, macht Nolan für mich nur sympathischer. Er war schon immer dafür bekannt, an Schauspielern, mit denen er bereits gearbeitet hat, festzuhalten. Schön, dass da auch ein Geschlechterwechsel keine Relevanz hat. Die Rolle ist jedoch kleiner, als sie der ganzen Aufmerksamkeit im Internet wert ist.
Interessanter ist es, da Lupita Nyong'o als Helena zu besetzen. Näher betrachtet ergibt jedoch diese Entscheidung mehr als nur Sinn. Immer wieder wird Helena als die außergewöhnlichste Schönheit im Lande beschrieben. Welche Frau wäre wohl außergewöhnlicher gewesen als eine farbige Königin? Immerhin gab es bereits im antiken Griechenland Sklaverei und das schloss auch Sklaven aus dem afrikanischen Kontinent ein. Es wäre also nicht unmöglich. Das würde Helena doppelt außergewöhnlich machen.
Handwerklich ist der Film grandios. Das liegt nicht zuletzt auch an der typischen Bildsprache für Nolan, jedoch auch an dem brachialen Soundtrack von Ludwig Göransson, der ebenfalls wiederholt mit Nolan zusammenarbeitet. Es entsteht der Eindruck eines Projektes unter Freunden.
Neben den Fragen der historischen Genauigkeit, gibt es noch eine Frage. Auf wessen Odyssee basiert der Film überhaupt? Die Odyssee wurde etwa 800 bis 700 Jahre vor der Zeitenwende von Homer erzählt. Sie beschreibt Ereignisse, die etwa 500 Jahre zuvor geschehen sein sollen (Riesen und Zyklopen… bitte nicht vergessen). Erstmals schriftlich notiert wurden die Texte etwa 200 Jahre vor der Zeitenwende, also gut 500 Jahre nach dem ersten Erzählen. Wer einmal stille Post gespielt hat, wird wissen, wie viel Geschichte sich verändert hat und wie viel neu interpretiert wurde. Und jetzt kommen wir, gut 2.800 Jahre nach dem ersten Erzählen der Geschichte. Nichts muss hier historisch akkurat sein. Nolans moderne Erzählung der über 3.000 Jahre zurückliegenden Fantasie-Ereignisse ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Nicht zuletzt, weil er sich dabei auf eine moderne Übersetzung stützt. Diese erschien von Emily Wilson im Jahr 2017 und sie entschied sich bewusst, einige Stellen anders zu übersetzen. Das zeigt einmal mehr, wie viel Einfluss Menschen, die die Texte übersetzen, auf das haben, was wir überliefert bekommen.
Ich glaube, Wilsons und Nolans Version ist die richtige für unsere Zeit. Und ich freue mich für beide, dass sie hier die Menschen in Scharen anziehen. Nolans Film, der ein Erfolg zu werden scheint, und allen voran Wilsons Übersetzung, die ebenfalls gerade die Charts anführt.
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Das war jetzt wirklich interessant zu lesen, denn ich komme nicht ins Kino und muß gestehen, daß ich bei der Vorschau, die ich im Fernsehen gesehen hatte, das gleiche dachte wie damals, als "Troja" ins Kino kam: "Och nö." Ich bin ursprünglich Altphilologin und habe die Ilias für die Zwischenprüfung (vor gefühlt 100 Jahren) von vorn bis hinten samt allen Schiffskatalogen durchgeackert, und die einzige Szene, die mir gefallen und die mich extrem berührt hat, war die Abschiedszene zwischen Hektor und Andromache, die mir noch immer kalte Schauer über den Rücken jagt, wenn ich daran denke. Aber eine Verfilmung dieser öden Schiffskataloge - och nö 😂 Und auch wenn ich die Odyssee interessanter fand, dachte ich trotzdem wieder "och nö". Vielleicht, weil ich Verfilmungen von antiken Themen nie wirklich mochte, weil sie mir immer falsch vorkamen, ich weiß es auch nicht. Aber Dein Gedanke, daß es sich ja natürlich um eine "dynamische" Erzählung handelt, die selbstverständlich in all den Jahrhunderten, in denen sie weitergegeben wurde, Anpassungen an die Gegenwart erfahren hat, war so ein Aha-Moment für mich. Für die antiken Erzähler wäre es völlig selbstverständlich, daß die Geschichte sich auch in der Zukunft weiter mit der Zeit wandelt und anpaßt. Vielleicht hätten sie nicht darüber nachgedacht, aber es wäre eben einfach passiert. Insofern sehe ich das jetzt mit völlig anderen Augen, danke!
Ich fühle das genauso wie du. Nach meinem Erinnerungsprotokoll war Oppenheimer gerade vollkommen zu Recht mit Oscars ausgezeichnet und ENDLICH einer der besten Regisseure unserer Zeit prämiert worden, wurde schon spekuliert, was das neue Projekt sein könnte. Von einem Vampirfilm war die Rede. Noch bevor das bekannt wurde, stand fest, dass Tom Holland eine größere Rolle kriegen soll. Und alle: Tom Holland als Vampir? Chris Nolan ist ein Meister darin, diese Spekulationen einfach auszuhalten. Er macht sein Ding und geht auch mal ungewöhnliche Wege. Nach Sci-Fi-Brettern (Batman, Inception, Tenet), einem Kriegsfilm (Dunkirk) ein Biopic? Und jetzt eine Griechische Sage? Ich hab mich schon auf den Film gefreut, als er noch ein Vampirfilm war, nicht des Genres wegen (das mag ich nämlich nicht), sondern einzig und allein wegen Nolan und dem Wissen, dass alles was er anfasst, zu Gold wird. Er macht Filme, die er machen will und er macht sie für das Kino, so wie es aus seiner Sicht sein sollte. Er hasst CGI und setzt es nur ein, wenn es nicht anders geht. Er bevorzugt natürliche Specialeffects, kaum etwas entsteht am Computer. Und er arbeitet gerne mit Schauspielern, die er schon kennt (und die du zum Teil schon genannt hast): Rob Pattinson (Tenet), Matt Damon (Oppenheimer), Eliott Page (Inception).
Matt Damon spielt oscarverdächtig! Und ansonsten erkennt man Nolans Handschrift und das ist alles, was man mir sagen müsste, wenn ich den Film nicht bereits gesehen hätte. Am Mittwoch gucke ich ihn mit einem Freund das zweite Mal ❤