Auf der Kinoleinwand haben wir Supergirl das letzte Mal 1984 gesehen. Ganz im Gegensatz zu Superman, der mit den Originalfilmen jetzt bereits in der vierten Version über die Leinwand flimmert. Drei davon in den letzten 20 Jahren. Vielleicht lag es daran, dass der damalige Supergirl-Film überdurchschnittlich schlecht war. Ich habe meine Erinnerungen vollständig gelöscht, der Trailer hat jedoch Flashbacks ausgelöst, die ich lieber nicht gehabt hätte. Auch basierte das schlechte Drehbuch nur lose auf den Supergirl Comics.
Umso schöner, dass Supermans Cousine mit dem neuesten DC-Film-Universum-Neustart mal wieder in die Kinos kommt. Da Superman letztes Jahr bereits einen lockeren, lustigen und bunteren Ansatz für sein Filmuniversum gesetzt hat, verspricht auch Supergirl, leichte Kost zu sein. Trotzdem bin ich auf diesen Film gespannter als auf Superman. Warum? Weil die Figur mehr anbietet. Während Superman behütet auf der Erde bei den Kents aufgewachsen ist, wuchs Kara unter Kryptoniern auf und kam erst als junge Erwachsene zur Erde.
So viele Supermänner im Kino:
Christopher Reeve – 1978 - 1987 (Superman, Superman II, Superman III, Superman IV: The Quest for Peace)
Brandon Routh – 2006 (Superman Returns)
Henry Cavill – 2013 - 2022 (Man of Steel, Batman v Superman: Dawn of Justice, Justice League, Black Adam [Cameo])
David Corenswet – 2025 (Superman)
Und dazu kommen noch unglaublich viele Serienauswertungen. Supergirl hingegen kommen lediglich eine eigene Serie und ein Kinofilm.
Eigentlich will Kara Zor-El nur ihren Geburtstag feiern, gemeinsam mit ihrem treuen Begleiter Krypto und fernab der Erde. Aus dem Ausflug wird jedoch ein ungeplanter Trip durchs All, als sie der jungen Ruthye Marye Knoll begegnet, die auf der Suche nach dem Mörder ihres Vaters ist. Notgedrungen wird Kara zur Reisebegleitung auf einer Fahrt, die sie nicht eingeplant hatte. Quer durch die Galaxie ziehen die beiden von einem Planeten zum nächsten, treffen schräge Gestalten wie den Kopfgeldjäger Lobo. Kara und Ruthye erkennen unterwegs, dass sie sich ähnlicher sind, als sie beide wahrhaben wollen. So wird aus einem Trip, auf dem sie alles vergessen wollte, eine Reise, auf der Kara sich auch mit sich selbst auseinandersetzen muss.
Die Geschichte basiert auf der relativ jungen Comic-Reihe Supergirl: Woman of Tomorrow (2021 bis 2022). James Gunn und die Drehbuchautorin Ana Nogueira haben sich jedoch einige Freiheiten genommen, um den Film aus ihrer Sicht fürs Kino besser erzählen zu können.
Während ich Supergirl in ihrem Auftritt in Superman nicht sonderlich sympathisch fand, hatte der Trailer eine andere Stimmung in mir aufgebaut. Und das zeigt der Film in den ersten Minuten, denn er unterstreicht den Ton und zeigt, dass Milly Alcock die unerwartet perfekte Wahl für Supergirl ist. Die Version, die uns Alcock gibt, verleiht der Figur auf der Kinoleinwand neue Schattierungen, die dringend nötig sind, wenn diese Figur sinnvoll erzählt werden soll. Ihr Messy-Hair-Look ist dafür genauso wichtig wie die Sonnenbrille, ihr Mantel und die Tatsache, dass wir das Supergirl-Outfit die weitesten Teile des Films nur irgendwo herumliegen sehen.
Supergirl steht immer im Schatten ihres Cousins, besitzt die gleichen Gaben und die gleiche Stärke wie er, doch hat sie den Rucksack von Verlust und Bitterkeit. Was verändert ein anderes Aufwachsen, bei denselben genetischen Voraussetzungen? Die gleiche Veranlagung, die gleiche Hoffnung, das gleiche Symbol werden plötzlich zu einer Last. Dabei fühlt sich Milly Alcock Supergirl an wie Punkrock. Party, um die Welt zu vergessen, das Herz am rechten Fleck.
Und so sehr ich Punkrock und vor allem auch Jason Momoas Auftritt als Lobo in diesem Film liebe, so hat alles hier seine Schwächen. Neben der Tatsache, dass Momoas Make-Up noch eher nach einem Test aussieht, ist seine größte Schwäche, dass seine Figur für die Handlung des Films im Grunde gar keine Rolle spielt.
Eine weitere Schwäche ist der Antagonist. Zunächst möchte ich festhalten, dass ich es liebe, dass es hier nicht um die Rettung der Stadt, der Erde, des Universums oder gar des Multiversums und von Raum und Zeit geht. Doch leider, bleibt der Bösewicht in Supergirl genau das: ein Wicht. All das, was an Potenzial und Tiefe der Figuren vorhanden ist, verlieren wir durch seine geringe Motivation. In der ersten Viertelstunde des Films taucht er auf, tötet die Familie von Ruthye Marye Knoll und kommt nie über weitere Tiefe abseits von „Ich bin böse und tue böse Dinge“ hinaus.
Die Entscheidung, die Bösartigkeit der Antagonisten um das Element des Frauenhandels zu erweitern ist eine weitere solche Schwachstelle. Dieser kam in der Vorlage nicht vor und wurde vom Film hinzugefügt. Allerdings wurde das Thema nur halbherzig angerissen und nicht tiefer fortgeführt, außer um Supergirl noch gefangene Mädchen und Frauen retten zu lassen. Wenn ein Film ein so düsteres, reales Verbrechen einbaut, steht er in der Pflicht, ihm erzählerisches Gewicht zu verleihen. Hier jedoch verkommt der Frauenhandel zu einer bloßen Kulisse, einer „To-Do-Liste“ für die Heldin, die in ein paar Minuten Action abgearbeitet wird. Das nimmt dem Film die Ernsthaftigkeit und degradiert die geretteten Frauen zu reinen Statistinnen für Supergirls Heldin-Moment. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen oder es hätte dem Antagonisten dadurch echte, erschreckende Tiefe gegeben werden müssen.
Die Comic-Vorlage von Tom King war eine tiefgründige, fast philosophische Western-Geschichte im All. Sie wurde oft auch als True Grit im Weltraum bezeichnet. Das Filmdrehbuch scheint davon beim Hinzufügen neuer Elemente jedoch viel zu viel genommen zu haben.
Warner Brothers belegte den Film mit einem Embargo. Das bedeutete, dass Kritiken erst am Tag des Releases im Kino erscheinen durften. Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder weil nichts vorab an das potenzielle Publikum dringen soll oder für die Sorge beim Verleih, dass ein Film schlecht ankommt. Bereits wenige Tage nach Release war klar, dass der Film es schwer haben wird. Das ist schade, denn mir gefällt der Film sehr gut. Viel besser als der in meinen Augen deutlich schwächeren Superman Returns aus 2006, der mit 72 % gut bei den Kritikern ankam.
Mir hat Supergirl im Kino trotz der Schwächen mehr Spaß bereitet als der DC-Reboot-Paradefilm Superman, der mit allen möglichen Figuren überladen war. Zusätzlich hat Supergirl mit Craig Gillespie einen Regisseur gewonnen, der mit I, Tonya bereits bewiesen hat, dass er vielschichtige Frauenfiguren erfolgreich einem Publikum erzählen kann. Die Frage ist, haben wir auch wirklich seine Version gesehen? In den Tagen nach dem Release kam immer wieder das Gerücht hoch, das James Gunn sich mehr eingemischt hat als in seiner Rolle üblich. Am Ende werden wir es nicht aufklären können, ein solcher Reinfall wie die 1984 Version ist dieses Supergirl auf jeden Fall nicht. Ich hoffe sie ist trotz der Schwächen gekommen um zu bleiben.



