Spider-Man: Brand New Day (2026)
Manche Zugpferde ziehen den ganzen Karren. Dieses hier auch noch mit Anstand
Der neue Spider-Man wird der erste Marvel-Film seit Deadpool & Wolverine sein, den ich im Kino sehe. Bereits davor, wurde meine Liebe zu den Comic-Verfilmungen löchrig. Nur wenige Filme nach Avengers: Endgame konnten mich noch wirklich für die große Leinwand begeistern. Einer der Gründe war auch, dass die Filme plötzlich auf Disney+ gut verfügbar wurden. Parallel stellte ich spätestens ab 2023 einen Qualitätsabfall für mich fest.
Auch der hoch antizipierte The Fantastic Four: First Steps ließ mich mit einem Gefühl von „Ist doch alles egal, was hier passiert“ zurück. Einzig Spider-Man hat mich durch wirklich alle Ausprägungen begleitet. Müsste ich einen Spider-Man wählen, könnte ich es vermutlich nicht, auch wenn Tom Hollands Inkarnation lange brauchte und sich verrückterweise erst mit dem dritten Teil, in dem es zum Zusammentreffen mit allen vorherigen Spider-Man kommt, so etwas wie eine Emanzipation von anderen Figuren und den Rest des MCU hinbekommen hat.
Spider-Man ist derzeit Marvels letztes großes Zugpferd, das bestätigt sich auch in den Besucherzahlen. Allen Unkenrufen zum Trotz, dass Comicverfilmungen im Kino tot sind, lockt die menschliche Spinne mit ihrem vierten (!) Abenteuer die Massen ins Kino.
Ab hier versuche ich es weiter so spoilerfrei wie möglich zu halten. Doch ich spreche über Figuren, die du z.B. im Trailer gesehen hast oder auf einem der Filmplakate. Echte Twists oder Enthüllungen werde ich nicht verraten.
Vier Jahre nach den Ereignissen von Spider-Man: No Way Home kämpft Peter fast durchgehend als Spider-Man allein gegen das Verbrechen, in einer Stadt, die ihn vergessen hat. Der Zauber von Strange hat so gewirkt, wie es sollte.
Doch Peter ist alles andere als glücklich allein, hat einzig Kontakt mit der Polizei, mit der er im Austausch steht. Seine Maske nimmt er gegenüber anderen Menschen nicht mehr ab.
Doch auch das beschützt seine Freunde aus seinem früheren Leben nicht. Eine neue Bedrohung taucht in der Stadt auf, der Peter sich stellen muss. Parallel jedoch fühlt er, dass sich etwas in ihm verändert.
Die gute Nachricht zuerst: Ich habe es nicht bereut, ins Kino gegangen zu sein. Die 145 Minuten fühlten sich extrem kurzweilig an. Das hat verschiedene Gründe.
Der Humor und die Dynamik sind sehr fein abgestimmt auf die artistische Figur Spider-Man. Besonders die Dynamik der Kamera gefällt mir hier von allen Teilen am besten. Generell habe ich das Gefühl, dass der Look der Farbgebung am nächsten dran ist, an dem realistischen Look der Tobey-Maguire-Trilogie, dabei jedoch genug von seiner MCU-Identität behält.
Im Vorfeld gab es die Sorge, dass wir hier ein weiteres Spider-Man 3 bekommen, das leider einfach viel zu überladen mit Bösewichten war. An dieser Stelle kann ich beruhigen. Der Film hat einen wunderbaren Fokus auf die Geschichte, nichts fühlt sich aus meiner Sicht überladen an. Auch die Nebenfiguren, wie der Punisher, fügen sich extrem organisch in den Film ein.
Ich liebte ihn bereits, als er mit Daredevil interagierte, allerdings muss ich sagen, dass der Kontrast und die Spannung zwischen Spider-Man und ihm noch einmal deutlicher werden. Ich hatte mich wirklich gefragt, wie sie den harten Frank Castle ein paar Oktaven gewaltfreier machen wollen, damit er in einen Spider-Man-Film passt. Doch zu meiner Überraschung ist es gelungen, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass die Figur in ihrem Sein beschnitten wurde.
Es ist einer der wenigen MCU‑Filme der Neuzeit, bei denen alle Puzzleteile zu stimmen scheinen. Wir haben hier einen wunderbaren Comic-Action-Film, bei dem die Figuren comichafte, cartoonige Dinge tun können und wir gleichzeitig Erzählstränge über Verlust und die Angst davor, was man wird, wenn man sich verändert, geliefert bekommen. Welche Figuren hätte Marvel da Spider-Man besser an die Seite stellen können als den Punisher und Hulk?
Einziger Wermutstropfen: Auch wenn sich diese Themen tief durch die DNA des Films ziehen, werden sie teilweise nur angerissen. Doch vielleicht ist es auch gut, wenn uns nicht zum hundertsten Mal eine MCU-Figur in aller Tiefe erklärt wird. Man darf davon ausgehen, dass man mindestens 3 Spider-Man-Filme gesehen hat, wenn man in den vierten geht. Das reicht, um zu verstehen, was nötig ist, selbst wenn einem die Nebenfiguren nicht vertraut sind.
Spider-Man ist Marvels Zugpferd, ausgerechnet eines, das unter dem Label von Sony reitet, doch es gibt gleichzeitig die Hoffnung, dass er ein Ausblick darauf ist, was in Doomsday passiert.



