Als ich mal wieder in einem dieser kleinen Buchläden war, fiel mir Sandro Veronesis Roman Schwarzer September in die Hand. Kinder, die erschlagen am Stand schlafen oder dösen, da kamen meine eigenen Kindheitserinnerungen an italienische Strände hoch. Zusätzlich hatte ich einige gute Erfahrungen mit dem Zsolnay Verlag gemacht. Spätestens seit Der letzte Sommer in der Stadt hat das Team von Zsolnay mit ihrer geschickten Titelauswahl mein Interesse für italienische Literatur geweckt, und ich war eigentlich chancenlos. Aber ich wollte es auch sein.
Gigio ist zwölf Jahre alt und wie jeden Sommer fährt die Familie, bestehend aus seinen Eltern und seiner Schwester, an die ligurische Küste in die Ferien. Doch etwas ist anders.
Der Sommer 1972 scheint zu platzen vor Energie und Ereignissen. Schachspieler Bobby Fischer vollbringt ein Wunder und es finden die Olympischen Spiele in München statt. Der sportbegeisterte Gigio sammelt die bunten Klebebilder leidenschaftlich, um alle Fakten auswendig zu lernen, sein Weg, um optimal auf die Spiele vorbereitet zu sein. Doch Gigio bemerkt Veränderungen an sich, und als dieses Jahr die ein Jahr ältere Astel mit ihrer Mutter den Sonnenschirm neben dem seiner Familie bezieht, rücken Sportler für ihn in den Hintergrund.
Soweit die grobe Story und soweit wenig Ungewöhnliches für eine Coming-of-Age-Geschichte. Bereits im Klappentext erfährt man als geneigter Leser noch mehr Informationen, die den Rahmen dieser Handlung bilden. So stammt zum Beispiel Astels Mutter aus Äthiopien und ist damit wie ihre Tochter im Italien der 1970er Jahre genauso auffällig wie Gigios blasse, rothaarige Mutter. Der damit einhergehende Rassismus ist jedoch nicht das vordergründige Thema von Gigios Geschichte des Erwachsenwerdens. Der Titel Schwarzer September spielt viele Ebenen an. Der Name der Terrorgruppe, die das Attentat in München verübt, gibt dem Titel die nötige Schwere, die der melancholische Blick zurück von Gigios erwachsenem Ich uns gibt. So reflektiert er direkt auf der ersten Seite:
Zum ersten Mal erwischte die Welt mich direkt, ungefiltert – und die Welt versengt dich, sie ist ein loderndes Feuer, und das wusste ich nicht, denn bis dahin hatten sich meine Eltern immer dazwischen gestellt.
Dieser Satz ist auch ein Beispiel dafür, wie gelungen ich die Übersetzung von Karin Krieger empfinde. Selten hat mich ein Satz auf einer ersten Seite so mitgerissen wie dieser. Natürlich sind es Veronesis Worte, doch ist Übersetzung mehr, als nur mit einem Wörterbuch Texte Wort für Wort durchzugehen. Da Übersetzungen zwischen Englisch und Italienisch immer wieder Thema zwischen Astel und Gigio sind, gefällt es mir umso mehr, dass auch der Roman selbst eine gelungene erhalten hat.
Das Buch hat mir in Summe sehr gefallen. Die Stimmung der 1970er Jahre in Italien ist wunderbar eingefangen. Ich fühle die Energie der Musik der Zeit, sehe die akkurat aufgestellten Sonnenschirminseln am Strand von Fiumetto. Der Anfang des Buches ist bewusst langsam gewählt. Veronesi lässt Astel erst nach einer ganzen Weile auftauchen, und so prägt Gigios Alltag im Urlaub neben der Routine seiner Mutter vor allem Langeweile. Das war für mich als Leser zunächst eine kleine Hürde, durchzukommen, lässt das Durchwirbeln seines Lebens durch Astel jedoch nur noch stärker fühlbar machen.
Ich hätte mir gewünscht, dass der erwachsene Gigio, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, etwas mehr über den Rassismus reflektieren lassen würde. So hat er doch auch an anderen Stellen, den alten Gigio den jungen als “erbärmlich” bezeichnen lassen. Warum also nicht einen kritischen Blick auf das Verhalten der Personen in dieser Zeit werfen? Er schafft es ja auch, die Mutter gegen die “rassistischen Giftspritzen am Strand” schimpfen zu lassen.
Vielleicht hätte es das jedoch auch zu groß gemacht, um die Geschichte von Kind-Gigios größtem Unglück zu erzählen. Denn wir sehen die Geschichte, auch wenn sie von dem älteren Gigio erzählt wird, trotzdem mit der begrenzten Wahrnehmung eines Zwölfjährigen, der seine erste Liebe erfährt und dem die Welt ins Gesicht brennt.




Das Buch ist sicher total interessant aber auch traurig oder?
Schön dass du italienische Literatur magst , ich auch sehr
Ich habe deinen Text gelesen und bekomme Lust, auch das Buch zu lesen.
Die italienischen Strände habe ich erst über 20 Jahre später kennengelernt und freue mich darauf die 70iger und Gigio und seine Welt zu erleben.