Im Jahr 2005 habe ich meinen Abschluss an der Oberstufe gemacht, doch drei Jahre zuvor fand ein ganz anderer Höhepunkt in meinem Leben statt: der Abschluss der Mittelstufe mit der zehnten Klasse und damit die Abschlussfeier, auf der ich meinen bisher einzigen Auftritt vor größerem Publikum hatte.
Eines Tages in der Mittelstufe kam ein neuer Lehrer an die Schule. Er begeisterte mich nicht für Wissen, womit er mich jedoch beeinflusste, war seine Liebe zur Musik.1 Er gestaltete den Musikunterricht moderner, als wir es gewohnt waren. Natürlich brachte er uns auch die Tonleiter und ein paar Handgriffe am Klavier bei. Doch analysierten wir jede Doppelstunde entweder ein ernstes, klassisches Musikstück oder einen modernen Vertreter, der von uns Schülern mitgebracht wurde. Das führte dazu, dass ich begann, Musik mit anderen Augen zu sehen. Nicht mehr als ein reines Konsummittel, das sich auf Knopfdruck abspielen lässt. Vielmehr als komplexes Konstrukt, in das viele Menschen ihre Leidenschaft hineinlegen und damit etwas wunderbar Emotionales und Lebendiges schaffen, indem jeder seinen Teil dazu beiträgt, um ein Bild mit Musik zu malen.
Wahrscheinlich half es, dass er, wie ich heute weiß, nicht nur Bass spielen konnte, sondern auch selbst, in verschiedenen Combos, oft auf der Bühne stand und ihm die Live-Musik sehr im Blut lag.
Mit mehreren Jahren Vorlauf bereitete er uns auf unseren großen Auftritt in der Aula zu unserem Abschiedsfest in der Schule vor. Ein Konzert vor Eltern, Geschwistern und Mitschülern aus drei Klassen des eigenen Jahrgangs. Zweihundert bis zweihundertfünfzig Menschen, wenn man noch ein paar Lehrer und nur wenige Geschwister einrechnet und etwa 20 Schüler pro Klasse zugrunde legt. Eine beeindruckende Zahl, die damals für mich noch nicht greifbar und ohne Relation war.
Wir waren eine großartige Schulband, die nur für diesen einen Zweck existierte und vermutlich gar nicht so großartig war. Einige aus unserer Klasse hatten auch schon außerhalb des Unterrichts ein Instrument gelernt und konnten sich gut einbringen. Doch auch für Anfänger hatte unser Lehrer ein Herz, sodass einige Instrumente sogar mehrfach vorkamen. Wer jetzt denkt, solche Instrumentenvielfalt hätten wir für die komplexe Musik gebraucht, die wir gespielt haben, irrt. Unser Repertoire bestritten wir aus den 1950er und 1960er-Jahren. Coverversionen von Eight Days A Week der Beatles, Nat King Coles Route 66 und vor allem Chuck Berrys Johnny B. Goode waren der Grundstock unseres musikalischen Wirkens. Musik, in die ich mich auch wegen dieser Geschichte verliebte.
Mein Onkel war Mitglied in einer Blues-Rockband, sodass ich diese Musik von klein auf kannte. Ich mochte die Musik und begab mich immer tiefer hinein, ohne selbst je wirklich ein Instrument zu beherrschen. Zumindest kein anderes als meine Stimme, denn das war mein Beitrag zu dem Ganzen. Ich sang aus vollem Herzen und, wie ich auch heute noch glaube, mit einigem Können die Lieder dieser Zeit.
Tatsächlich schrieb ich auch Lieder, textete zum vierzehnten Geburtstag einer Freundin ein Lied, das ich mit dem Gitarristen, der auch in der Schulband war, aufführte. Sowieso war Musikhören und Musikmachen in der Zeit ein großer Teil meines Lebens. Genauso wie für besagten Gitarristen. Er und ich hingen oft miteinander rum. Wir feierten viel, spielten und gaben unser eingeschränktes Repertoire zum Besten. Vor dem Abschluss wollte ich noch mit ihm eine richtige Band gründen, immer weitermachen und auch eigene Songs spielen. Ohne den Rahmen, den uns die Schule bot, zerfielen diese Fantasien nach und nach, wie unsere Freundschaft. Dieser eine große Auftritt, der wird uns für immer verbinden.
Denn auch wenn es mehrere Konfigurationen der Band auf der Bühne gab, die finale Zugabe wurde von uns beiden alleine dargeboten. Seine Gitarre und meine Stimme sollten das Letzte sein, was man an diesem Abend von der Schülerband hörte. Die Idee schwoll sicherlich schon einige Tage, denn wir hatten keine wirkliche Zugabe in unserem Portfolio, und ich vermute, wir wollten uns als die großen Hechte, für die wir uns hielten, in Szene setzen.
Nur Stunden später standen wir auf der Bühne. Es war ein heißer Sommertag und ich schwitzte, obwohl ich ganz in Weiß auf der Bühne stand und luftige Kleidung trug. Da waren wir also, der große Moment, auf den so viele werdende Künstler hinarbeiten, der erste Auftritt. In meiner Erinnerung lief alles glatt. Freunde und Verwandte klatschten und feierten uns. Ich weiß nicht mehr, zu welchem Zeitpunkt, aber irgendwelche Eltern warfen auch mit kleinen Kuscheltieren. Vermutlich vor allem meine eigenen. Kuscheltiere werfen, das war damals gar nicht so unüblich. Für uns war das natürlich eher peinlich - oh die Eltern. Auch eine Sache, die ich im Rückspiegel des Lebens deutlich witziger finde als zu der Zeit, als ich sie erlebte.
Nach dem letzten Song ging das Licht aus, die Bühne leerte sich und der Spot ging auf den Gitarristen und mich. Er spielte die ersten Akkorde, ich wurde nervös und meine Hände wurden schwitzig. Jetzt konnte ich mich nicht mehr in der Band oder im Chor mit anderen Sängern verstecken. Er spielte die erste Strophe durch und dann kam mein Einsatz. Meine Stimme war vor Aufregung brüchig. Mit viel gutem Willen konnte man es als eine Interpretation, vorgetragen mit verletzlicher Stimme im Kontrast zu einem starken Spiel der Gitarre, nennen. Let it Be von den Beatles bot den Raum für eine solche Intimität, doch meine nicht vorhandene Bühnenerfahrung kein Fundament.
Ich stabilisierte mich über das Lied und meiner Erinnerung nach brachten wir es gut zu Ende. Wir ernteten in großen Teilen Applaus und stehende Ovationen, weil es gefiel oder aufgrund des Mutes, dort zu zweit zu stehen, ich werde es nie beantworten können. Heute ist das nicht mehr wichtig, damals waren wir, als wir von der Bühne gingen, mindestens vier Meter groß und schwebten durch den Rest des Abends.
Der darauffolgende Sommer war für mich, wie für viele, ein Sommer der Veränderung. Einige von uns gingen auf weiterführende Schulen, einige in die Ausbildung. Ich für meinen Teil entschied mich in letzter Minute gegen die Ausbildung für drei weitere Jahre Schule. Die Stimmung war ausgelassen, bis ein Samen des Zweifels in mir gesät wurde.
Ich himmelte damals, wie so viele von uns Jungs, ein Mädel an, mit dem ich auch gut befreundet war. Ich weiß nicht mehr genau, wie das Thema aufkam. Doch ihr Vater war ein großer Beatles-Fan. Vielleicht sagte er es, weil er mich nicht mochte. Vielleicht, weil er spürte, dass ich auf seine Tochter stand, oder weil es einfach die Wahrheit war: seiner Ansicht nach war unsere Interpretation von Let it Be ein Verbrechen an den Beatles und das Schlimmste, was er je gehört hatte.
Rumms.
Das muss man erst einmal auf sich wirken lassen. Oder in meinem Fall erst mal komplett ignorieren, damit sich das so richtig hineinfressen kann. In der Oberstufe wusste man nämlich, dass ich in der Mittelstufe gesungen hatte. Einige meiner Jahrgangsfreunde waren mitgekommen und auch dabei, sogar einige aus der Band. Weil es die letzten Jahre immer gut lief, wählte ich natürlich auch Musik statt Kunst. Die neue Lehrerin war, glaube ich, auch nicht schlecht. In den ersten Stunden übten wir Californication von den Red Hot Chilli Peppers und dann noch Stücke aus West Side Story ein.
Man sagt oft, dass das Niveau einen Sprung macht, wenn man in das Studium wechselt. Meiner Ansicht nach galt das auch für den Sprung in die Oberstufe. Die elfte Klasse heißt nicht umsonst Orientierungsstufe. Und Orientierung suchte ich und meinen Platz in diesem neuen Jahrgang. Mit im Gepäck die Aussage zu meinem einzigen Auftritt. Während ich bei „Californication“ noch gut singen konnte, versagte mir die Stimme ausgerechnet bei einem wunderschönen Duett, welches ich mit einer Freundin singen sollte, die eine unglaubliche Stimme hat. Tonight aus West Side Story sollte der Opener auf einem Jahrgangskonzert werden, welches die Schule gab. Doch ab dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich erneut auftreten sollte und das auch noch in neuer Umgebung vor noch mehr Menschen, fing meine Stimme an zu versagen. Sobald die Musik einsetzte, fabrizierte ich nur noch vokale Fetzen, die jegliche Musik in mir zum Verstummen brachten.
Ich hatte mein Selbstvertrauen verloren und der Zweifel fraß sich immer weiter in den Vordergrund.
Noch heute bedrückt es mich, an diese Zeit zu denken. Ich baute schnell ab, meine Beteiligung im Musikunterricht ging immer weiter zurück, bis ich, so erinnere ich mich, nur noch Marimbaphon spielte, als Schatten meiner ehemaligen Präsenz.
Meine öffentliche Stimme, meine Auftrittsstimme, sie erstarb. Fortan sang ich nur noch für mich selbst und nie mehr, wenn andere Menschen dabei waren. Selbst Singen in Gruppen war mir unangenehm. Ich wurde zu einem Dusch-Sänger. Das Verrückte dabei: Noch heute kann ich ohne Stress vor großen Gruppen reden, auch Vorträge improvisieren. Alles ist kein Problem. Ich bin selbstsicher, ich arbeite mit dem Publikum. Doch, wenn ich singen will, ist es aus. Der Gedanke, dass es weniger an dem Exponiertsein vor Gruppen selbst, sondern vielmehr an dem Singen in diesem Kontext liegt, ist naheliegend. Zu tief der Schmerz aus der konkreten Situation, die ich in der Folgezeit selbst noch als Muster in mich eingeschliffen habe. Erlernte Muster sind nur schwer zu durchbrechen.
Ich sollte vermutlich schreiben, denn was man jahrelang nicht probiert hat, muss nicht zwangsläufig so schwer und tief sein, wie es vor mehr als zwanzig Jahren war. Denn diese Muster wurden schwer auf die Probe gestellt, als meine Partnerin mich überredete, einmal zum Feierabendsingen mitzukommen. Das Feierabendsingen ist eine dieser wunderbaren Kulturveranstaltungen in Hamburg. Mit Unterstützung der Zinnschmelze leitet Susanne Etmanski einen der ungewöhnlichsten Chöre, die es geben kann. Einmal im Monat findet sich eine zufällige Gruppe aus Jung und Alt und singt unter Ihrer Anleitung, mal vorsichtig, mal voller Inbrunst, nur für sich selbst und für die zufälligen Passanten, die neugierig stehen bleiben. In diesem Umfeld, unter Fremden auf einem großen Platz zwischen Bahnhof und Museum der Arbeit, habe ich mitgesungen, immer wenn ich an diesem Mittwoch konnte, zunächst zaghaft, dann lauter. Bis passierte, was passieren musste. Wir sangen Let it be.
Mitgerissen von den vorherigen Liedern des Abends und im Schutze der Gruppe konnte ich es singen. Wer mit mir beim Feierabendsingen ist, würde mich vermutlich wiedererkennen, denn ich verstecke mich jetzt nicht mehr in der Gruppe. Ich falle auf. Manchmal bin ich laut. Etwa wenn gefragt wird, ob jemand vor Ort ist, der ein holdes Weib errungen hat, und ich laut jubel, denn das habe ich, und ich im Anschluss vor Albernheit und Freude darüber, dass es meiner Partnerin auch ein klein wenig unangenehm ist, neben mir zu stehen, kaum singen kann.
Schön, dass mir die Stimme jetzt vor Freude und nicht mehr aus Angst versagt.
Weiteres zu meinen musikalischen Einflüssen gibt es hier zu lesen: Die Welt ist eine Scheibe




Immer wieder interessant, was andere Menschen mit ihrer Gedankenlosigkeit bei anderen auslösen. Danke für den privaten Einblick in dein Leben 💜