Hierbei handelt es sich um den dritten Band aus der sogenannten Camino Island Reihe von John Grisham. Du kannst ihn auch isoliert lesen, falls dich das Thema abholt.
Zu dieser Buchreihe bin ich wohl am ungewöhnlichsten gelangt. Ich fand den zweiten Band auf dem Tisch für Mängelexemplare, jedoch als reduziertes Restexemplar ohne Mängel. Die Story holte mich ab und ich bemerkte erst zu Hause, dass es der zweite Band war. Da ich es liebe, Bücher im gleichen Format im Schrank zu haben, orderte ich mir auf Booklooker ein gebrauchtes Exemplar des ersten und ließ mich in die Welt der Insel um den Buchhändler Bruce Cable versinken. Tief genug, um mich zu freuen, dass ein dritter Band erscheint. Auf der Webseite eines Buchhändlers (mit Ladengeschäften), stellte ich fest, dass das Buch 2026 erscheint, leider nur als Taschenbuch.
Das genaue Erscheinungsdatum geriet in Vergessenheit und so freute ich mich, dass mir vor einigen Wochen bei den Neuerscheinungen Die Legende in die Hände fiel. Als ich zu Hause diesen furchtbaren SPIEGEL Aufkleber vom Buch entfernen wollte, fiel es mir auf: “Der Bestseller jetzt als Taschenbuch”. Hatte ich also damals nicht richtig hingeschaut und jetzt habe ich doch den Bruch im Regal, den ich von Anfang an vermeiden wollte. Doch weg von dieser Anekdote, hin zu den Inhalten.
Auf Camino Island lernt die Bestsellerautorin Mercer Mann bei einer Strandhochzeit durch den Buchhändler Bruce Cable die alte Lovely Jackson kennen, deren Vorfahren einst als entflohene Sklaven auf der abgelegenen Dark Island siedelten.
Lovely, die letzte lebende Nachkommin dieser Gemeinschaft, hat ein Manuskript über die Geschichte ihrer Vorfahrin Nalla verfasst, die einst als Verschleppte über den Atlantik gebracht wurde. Mercer erkennt in dieser Geschichte den Stoff für ihren nächsten Roman und beginnt, sich mit Lovelys Vergangenheit und ihrem Anspruch auf die Insel zu beschäftigen. Zur gleichen Zeit plant ein skrupelloses Immobilienunternehmen, die längst unbewohnte Insel für ein Feriendomizil zu erschließen, während Lovely sie als rechtmäßiges Erbe und letzte Ruhestätte ihrer Ahnen betrachtet.
Mit Unterstützung von Bruce Cable und dem Umweltanwalt Steven Mahon nimmt Lovely den Kampf um ihr Recht vor Gericht auf. Begleitet wird der Streit von einer alten Legende, nach der jedem böswillig eindringenden Weißen ein tödlicher Fluch drohen soll, und schon bald häufen sich rätselhafte Todesfälle auf der Insel.
Wie oben bereits geschrieben, lässt sich der Band isoliert lesen. Das gilt für alle Bände. Sie bauen zwar zeitlich aufeinander auf, doch Grisham hat alles so formuliert, dass du zum einen nicht zu sehr gespoilert werden würdest, zum anderen alle Geschichten auch alleine funktionieren.
Geblieben in der Reihe bin ich hauptsächlich aufgrund der Figur von Bruce Cable. Der Buchhändler und Schwerenöter sitzt auf der kleinen Insel Camino Island wie die Spinne im Netz und weiß immer und überall, was los ist. Im dritten Band laufen bei ihm zwar immer noch die Fäden zusammen, doch er rückt weiter in den Hintergrund. Diese Geschichte erzählt mehr ein Ensemble, als die Bücher zuvor, was Grisham mit seiner Erfahrung so behutsam macht, dass die ganzen Figuren und Namen nicht überfordern, zumal nicht alle über die gesamte Buchlänge benötigt werden.
Eine der wichtigsten Figuren in unserem Ensemble ist Lovely Jackson selbst. Die über 80‑Jährige wird ihrem Namen gerecht und ist einfach einnehmend und gut geschrieben. Das Taschenbuch kommt ohne Vor- oder Nachwort daher, was mich wundert und die Frage aufwirft, ob dieses im Hardcover vorhanden wäre. Grisham behandelt hier ein Thema, das nicht nur in den Staaten kritisch ist. Er schreibt als weißer Mann eine farbige Frau. Jetzt gehöre ich nicht zur Fraktion, dass nur farbige Menschen farbige Menschen schreiben dürfen, aber in diesem Roman reißt Grisham viele Themen der Kolonialgeschichte auf, inklusive jahrhundertealter Bräuche. Da auch eine Figur als Priesterin bzw. Heilerin beschrieben wird, hätte ich schon gerne etwas erfahren, wie er recherchiert, mit wem er gesprochen hat. Wie er sich selbst mit seinen bewussten und unbewussten Vorurteilen in diesem Kontext auseinandergesetzt hat und wie viel durch eine weiße Brille gefärbt wurde. Bei meiner kurzen Recherche habe ich jedoch eher den Vorwurf gefunden, dass das Buch zu woke sei, und nicht, dass rassistische Stereotype verwendet wurden. Das können jedoch andere Menschen besser beurteilen als ich. Es wirkt hier schon ein wenig so, als würden viele weiße Menschen einer farbigen Person helfen, doch am Ende ist Lovely nicht als hilflose Person geschrieben, sondern als patente Person, die selbst den Ton angibt.
Insgesamt finde ich interessant, dass Grisham das erste Mal in der Reihe einen Rechtsstreit zur Haupthandlung macht und damit ein wenig zu seinen Der Regenmacher Wurzeln zurückkehrt. Der Kampf klein gegen groß. Der Rechtsanwalt, der als Umweltaktivist auftritt und gemeinsam mit der alten Lovely Jackson kämpft, ihr Erbe zu erhalten.
Die Geschichte und die Figuren sind nicht unbedingt tief ausgearbeitet. Das brauchen sie auch gar nicht. Alles lebt von der Präsenz, die Grisham Lovely Jackson verliehen hat. Während die ersten beiden Bände gefühlt eher leichte Unterhaltung waren, ist die Schilderung, wie die Menschen aus Afrika entführt wurden und überhaupt erst auf Dark Isle gelandet sind, sehr hart dargestellt. Weil sie es war. Ich kann nur vermuten, dass es in Wahrheit noch schlimmer war. Die Entscheidung, das Ganze im Rahmen seiner Camino-Island-Reihe zu erzählen und nicht als eigenständiges Buch, wirkt auf den ersten Blick irritierend, passt jedoch in die Vielseitigkeit der Reihe. Wir hatten bereits einen Heist-Thriller, einen Familien-Roman und jetzt einen Anwalts-Thriller gepaart mit einem Geschichtsroman. Ich bin gespannt, ob ein vierter Band erscheint und was Grisham dieses Mal auf Camino Island ausprobieren möchte.



