Vor dem Urlaub stöberte ich noch einmal in der örtlichen Buchhandlung. Das ist für mich immer gefährlich. Dabei stieß ich auf den Debüt-Roman von Jette Kötschau.
Eine der drei Hauptfiguren, Henri, träumt von einem eigenen Kino. Drei Freunde haben sich ein wenig entfremdet. Alle in den Dreißigern. Ich fühlte mich direkt verbunden. Der Roman schien Themen zu bearbeiten, die ich auch habe, und als Bonus liebt eine Figur Filme. Also eingepackt und mit in den Urlaub genommen.
Vorher natürlich bezahlt.
Drei Frauen, die sich aus der Studienzeit kennen, haben sich lange auf ihre Freundschaft als etwas Unerschütterliches verlassen. Diese Selbstverständlichkeit bekommt Risse, als das Leben jeder von ihnen in eine andere Richtung läuft und gemeinsame Zeit zur Ausnahme wird. Henri jagt weiterhin ihrem Plan nach, ein eigenes Kino zu eröffnen, und lebt von Feier zu Feier, fast so, als wollte sie dem Erwachsenwerden ausweichen. Merle dagegen ist erschöpft von durchwachten Nächten mit ihrem Baby, während ihr Partner sich ganz auf den Bau des gemeinsamen Hauses konzentriert und ihr kaum Entlastung bietet. Katharina wiederum steckt beruflich in ihrem Element, spürt aber nach zehn Jahren Beziehung eine wachsende Unsicherheit darüber, ob sie mit ihrem Partner wirklich noch dieselben Vorstellungen von Zukunft teilt. So kämpft jede auf ihre Weise mit dem, was Erwachsenwerden bedeutet, und alle drei merken zunehmend, wie viel Mühe es kostet, die alte Vertrautheit zu bewahren.
Nach den ersten 50 Seiten konnte ich nicht mehr weiterlesen. Ich war wütend und verwirrt. Zum einen stellte ich fest, dass Henri gar kein Mann war, sondern auch eine Frau. Das ist für mich eigentlich egal, aber natürlich ist meine Erwartung an die Dynamik der Dreierfreundschaft eine andere gewesen. Zum anderen wollte ich die drei Hauptfiguren am liebsten ein wenig schütteln und fragen, ob sie mal über ihre Gefühle reden wollen.
Ich empfand die Gedankenwelt als unerträglich.
Zum Glück habe ich am nächsten Tag weitergelesen, denn jetzt glaube ich, dass Jette Kötschau mir hier ein Tor aufgemacht hat. Ein Tor, durch das wir Männer selten bis nie wirklich sehen wollen. Und dabei ist es okay, dass mich die Figuren aufregen, immerhin haben sie sich doch selbst in die Situation gebracht. Das denkt man zumindest schnell. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich mich auch schon oft genug in Situationen gebracht, in die ich nicht kommen wollte, aber das ging so langsam, Stück für Stück, dass es wie Autopilot lief.
Das Buch öffnet klug, in der heilen Welt. Merle hat sich gerade von ihrem Partner getrennt. Natürlich sind Henri(ke) und Katharina sofort da. Wir erleben die intakte Dreierfreundschaft. Merle bekommt emotionalen Halt, die drei Frauen stützen sich. Wir gegen den Rest der Welt.
Dann der Sprung in die Gegenwart. Merle hat jetzt einen Mann, ist verheiratet und hat ein Baby. Ihre Mutterschaft fühlt sich wie ein Gefängnis an, während ihr Mann sich um Job und Baustelle für das neue Haus in der Straße seiner Eltern kümmert und dadurch ständig unterwegs und frei ist.
Katharina lebt in einer langen Beziehung, die eigentlich perfekt ist. Sie wünscht sich ein Kind, ihr Partner scheint sich nicht klar zu positionieren: „Ja, aber noch nicht.“ Dieser zweijährige Schwebezustand belastet die scheinbar perfekte Beziehung.
Henri ist Single, hat ein lockeres Liebesleben, Kinder sind unvorstellbar. Sie ist super busy, knüpft Kontakte auf der Suche nach ihrem eigenen Kino. Zu Beginn der Geschichte wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ihre Großmutter liegt im Sterben und sie muss mit ihrer alkoholkranken Mutter zurück aufs Land, wo alles begann.
Alle drei Frauen könnten die Unterstützung ihrer Freundinnen gebrauchen. Doch mit den Veränderungen in ihrem Leben hat sich die Beziehungsdynamik verändert. Alle drei stehen für unterschiedliche Lebensmodelle. Alle drei, scheinen da eher hineingeraten. Kötschau stellt sie als Prototypen für heutige Lebensmodelle, aber auch dafür, dass nicht jeder immer das richtige Modell findet. So wirkt es in Momenten so, als hätten zwei von ihnen die falschen Rollen abbekommen.
Das Buch begleitet die Frauen auf dem Weg zur Selbsterkenntnis, zurück in die Kommunikation untereinander. Auf diesem Weg schildert Kötschau die Figuren ohne Filter, so roh und direkt, wie ihre Gedanken fließen. Das ist für mich nicht immer leicht auszuhalten gewesen. Begründen kann ich es nicht, ohne zu spoilern. Der nächste Absatz, kann also markiert und gelesen werden, wenn einem Spoiler egal sind. Sie sind für die Entwicklungsreisen der Figuren im Buch nicht wichtig, aber jeder geht damit anders um.
SPOILER
So versucht Katharina zum Beispiel herauszufinden, was in ihrem Leben nicht passt, wo doch alles so perfekt ist. Dabei macht ihr die ehemalige, männliche Aushilfe in ihrem Buchladen Avancen. Die erste Situation, in der das geschildert wird, geht die ganze Gefühlswelt von Katharina mit. Wie sie, auf einer Bühne bei einer Lesung in der Buchhandlung noch selbstsicher agiert, diese Bühne verlässt und direkt unsicher wird, nur weil dieser Mann dort ist.
Und mündet darin, dass sie mit ihm schläft, ihren Partner betrügt. Und dabei womöglich noch schwanger wird. Gerade das Seitensprung-Thema ist für mich sehr schwer auszuhalten, da sie es sehenden Auges tut. Vielleicht aber ist der Akt der Selbstsabotage wichtig, als letzte Möglichkeit, sich aus der Warteposition zu befreien.
SPOILER ENDE
Ich bin am Ende beeindruckt von der Art, wie Kötschau für mich den Nerv der Zeit trifft. Wie sie mir die Emotionen der Frauen nahbar und nachfühlbar macht. Ich bin froh, durch dieses Tor gegangen zu sein.



