Ich war niemand, bis ich die Maske aufsetzte
Schlechter Schlaf, verlorene Energie und die späte Erkenntnis, dass ich aufgehört hatte, ich selbst zu sein.
Ich war der müdeste Mensch der Welt, so etwas gibt es eben. Immerhin gibt es unglaublich viele Gründe, warum man müde sein kann, und das, obwohl man schläft. Falsche Ernährung, zu wenig Bewegung, schlechte Raumluft, komisches Wetter, irgendwas eingefangen – aber auch Übergewicht kann müde machen. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt, müde zu sein, und auch auf der Arbeit oder anderenorts nahmen die Menschen hin, dass ich ständig gähnte. Nach einigen Jahren war jedem klar: Ich bin nicht gelangweilt, ich bin bei der Sache, ich wollte auch nicht unhöflich sein, doch ich war einfach müde. Für unglaublich viele Jahre, mittlerweile konnte ich es auf etwa acht eingrenzen, war ich einfach immer müde. Ich schlief früh ein. Sobald ich im Bett anfing zu lesen, fielen mir die Augen zu. Wenn ich nach acht Uhr fernsehen schaute, sah ich mich schnell nur noch von innen an. So nannte es meine Großmutter, immer wenn sie im Sessel schlief und wir Enkel fragten, ob sie gerade schläft. „Nein, ich guck’ mich nur von innen an“ sagte sie dann immer.
Warum ich wirklich immer müde war, ahnte ich, wenn ich ehrlich bin, schon längere Zeit. Auch weil ich spürte, dass ich mich veränderte. Es war keine plötzliche Veränderung, sie schlich sich ein, ganz langsam, und war gerade deshalb für mich so schwer zu fassen. Als ich vor vier Jahren aus einem anderen Grund im Krankenhaus war, hatte jemand eine gute Nase und ich wurde dort auf Atemaussetzer untersucht. Dafür bekommt man so ein kleines Gerät umgehängt, einen Sauerstoffsensor an einen der Finger und dann noch einen durchsichtigen Schlauch, der mit so zwei kleinen Ausläufern in die Nasenlöcher geht. Das Ganze gut festtapen und dann versuchen, entspannt oder überhaupt einzuschlafen. Die Situation im Krankenhaus war ohnehin alles andere als entspannt. Ich sah aus wie ein Borg aus Star Trek, das sind die bösen Wesen, die teilweise aus Maschinenteilen bestehen. Bei der Entlassung bekam ich das Ergebnis der Schlafanalyse mitgeteilt: Mir wurde dringend nahegelegt, kurzfristig ein richtig eingerichtetes Schlaflabor aufzusuchen.
Das ist gar nicht so leicht, wie man denkt. Inzwischen sind wir alle gewohnt, dass es bei Fachärzten etwas länger dauert. Allerdings ist es mit Schlaflaboren noch eine Nummer spannender: Nicht nur, dass wir deutlich mehr potenzielle Patienten als Labore haben, nicht alle Krankenkassen arbeiten mit allen Schlaflaboren zusammen. Ich hatte doppelt Glück: Nicht nur, dass ich ein gut mit der Bahn erreichbares Krankenhaus fand, nein, ich hatte sogar bereits in einem Monat einen Termin. Die Voruntersuchung hatte ich kurzfristig hinter mich gebracht und hatte schon meinen Termin für zwei Nächte Laborschlaf. Doch es kam anders. Zwei Jahre nach Start der Pandemie erlag ich meiner ersten Corona-Infektion, und so wurden aus einem Monat Wartezeit drei. Eine Lungenerkrankung hat wohl länger Auswirkungen auf die Atmung im Schlaf.
Wer noch nie in einem Schlaflabor war, kann sich nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen man dort schläft. Fragt mich nicht, warum, ich hatte ein Zimmer mit Spiegelscheibe wie im Verhörraum im Kopf, bei dem man von der anderen Seite aus überwacht wird.
Die Wahrheit ist überraschend unspektakulär. Das Zimmer wird nach morgendlicher Voranmeldung am Empfang per Late-Check-in um 21 Uhr bezogen. Es handelt sich dabei um ein normales Krankenhauszimmer, in dem gut zwei Betten stehen könnten, doch es steht nur eines drin und entsprechend leer wirkt das Zimmer. Einzige Sondereinrichtungen sind Mikrofon und Infrarotkamera, die von der Wand knapp unter der Zimmerdecke zu einem runterstarren.
Das kleine ambulante Messgerät, das ich schon kannte, hat jetzt auch zig weitere seiner Sensorkumpels mitgebracht. Herzschlag, Arm- und Beinbewegung, Körperlage (Rücken-, Seiten- oder Bauchschläfer?) waren neu im Team. Ich bin mir nicht sicher, ob nicht sogar Sensoren dabei waren, die versuchten, meine Kieferbewegung zu erfassen. Vielleicht vermische ich da meine Erinnerung, denn ich habe von einem Arzt gelernt, dass Atemaussetzer durchaus etwas mit Zähneknirschen zu tun haben können – beide können sich in einem Teufelskreis gegenseitig verstärken.
Allein schon in meinem eigenen Bett hätte ich massive Probleme, unter diesen Bedingungen zu schlafen. Jetzt versuchen wir das Ganze mal in einem Krankenhausbett in einem Raum, in dem man verloren wirkt, mit dem Wissen, dass man beobachtet wird. Unangenehm.
Ein Segen war für mich die Krankenschwester, die sehr zur Beruhigung der Situation beigetragen und mir viel erklärt hat. Vielen Dank noch mal an dieser Stelle, Jobs wie eure sind nicht die leichtesten, aber ich bin mehr als dankbar, dass ihr sie macht.
Sie legte also alle Sensoren an und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass ich doch bitte möglichst bis spätestens 23 Uhr schlafen sollte, damit wir ein paar gute Stunden hinbekommen. Denn um fünf Uhr grüßt der Morgen wieder. Druck, schnell schlafen zu müssen, hilft ja bekanntlich beim Einschlafen. Am Rand gab sie mir den Hinweis, dass ich jedoch auf die zweite Nacht verzichten könnte, wenn die Schlafaussetzer schon fast wieder weg wären, denn ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits einige Kilogramm abgenommen, so etwas soll vorgekommen sein. Der Ausblick half mir wiederum, einzuschlafen.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Die Nacht wurde einmal unterbrochen, weil ich einen der Sensoren am Bein im Schlaf abgestrampelt hatte und dieser neu angesetzt werden musste. Mit dem Morgengruß erhielt ich die Information, dass es leider doch zu einer zweiten Nacht kommen wird. Am liebsten wäre ich nach Hause und direkt ins Bett gefahren, doch berufliche Termine hielten mich wach, mein Gähnen kannten die Kolleg:innen bereits. Doch die Müdigkeit sollte mir bei der zweiten Nacht helfen, einzuschlafen.
In der zweiten Nacht, lernte ich meinen neuen Bettpartner kennen, ein sogenanntes CPAP-Gerät. CPAP steht für Continuous Positive Airway Pressure. Ein solches Gerät erzeugt einen dauerhaften Luftdruck, damit die Atemwege offen bleiben. Mit der ersten Nacht war für die Ärzte also nachgewiesen, dass ich immer noch zu viele Atemaussetzer im Schlaf habe. Das ist ein Problem, weil man im Schlaf nicht mal eben den Atem anhält, sondern aufgrund der zusammenfallenden Atemwege kurz erstickt und der Körper dementsprechend in den Panik-Modus geht. Immerhin bleibt ihm sprichwörtlich die Luft weg und der Sauerstofflevel im Blut sinkt. Das hat weitere Nebenwirkungen, zum Beispiel kommt man so nicht gut oder überhaupt nicht in Tiefschlafphasen, die der Körper jedoch unbedingt braucht. Das Fehlen eben dieser Phase sorgt nämlich dafür, dass man sich tagsüber ausgelaugt fühlt, weniger leistungsfähig ist und zum Beispiel auch leichter reizbar. Denn normalerweise wird in dieser Phase des Schlafs vom Körper Organisations- und Reparaturarbeit erledigt. Er schüttet in dieser Zeit wichtige Hormone aus, regeneriert Zellen, stärkt das Immunsystem und beschleunigt Heilungsprozesse. Es gibt vielleicht diverse Dinge, die ich an dieser Stelle noch erwähnen könnte, aber ich glaube, du bekommst eine Ahnung, dass Schlaf durch nichts zu ersetzen ist.
Der Druck vom Gerät kann auf zwei Arten angelegt werden. Entweder mit einer sogenannten Nasenmaske oder einer Fullface-Maske. Beides ist in der Kassenausführung definitiv nicht super sexy, allerdings auch nicht annähernd so schlimm, wie es in Serien und Filmen dargestellt wird. Die Bilder, die wir im Kopf haben, sind übertrieben – das Gerät ist leise, und es wirkt weniger nach Krankenhaus als nach schickem Radiowecker. Ein Freund drückte es richtigerweise mal so aus, als er bemerkte, dass ich ein solches Gerät besitze: „Lieber Maske auf’m Kopf als jede Nacht alle paar Minuten fast zu sterben.“ Recht hat er.
Doch das wusste ich noch nicht, als mir die zweite Nacht bevorstand und ich am Morgen zu Hause allein mit meinen Gedanken war. Bei mir im Kopf waren all die negativen Darstellungen des Gerätes, das mich ab jetzt begleiten würde. Und ein weiterer Gedanke: Acht Jahre, wer hätte ich sein können, wäre ich wach gewesen? Wäre mein Leben anders verlaufen?
Ich war aufgewühlt. Ich habe geweint. Nicht nur weil ich Sorge hatte vor dem, wie sich mein Leben jetzt verändern würde, sondern auch, weil mir klar wurde, dass ich dieses Problem vor Jahren hätte beheben können und müssen.
Also ging es nach einem emotional harten Tag in das Krankenhaus für Nacht Nummer zwei. Es begrüßte mich die gleiche Schwester, diesmal mit einer Nasenmaske in der Hand. Während des Schlafens öffnete ich den Mund und der aufgebaute Druck entwich – wäre das doch nur immer so leicht.
Doch hier war der Druck erwünscht und ich bekam eine andere Maske, die Mund und Nase abdeckte. Als Resultat schlief ich die Nacht von da an durch und per Fernsteuerung wurde der Druck für mich perfekt eingestellt.
Als ich aufwachte, stieg Panik in mir auf. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er aus Papier, nein, trockener. Atmen tat weh. Ein furchtbares Gefühl, das sollte ich jetzt jede Nacht erleben? Wieder beruhigte mich die Schwester und erklärte mir, dass es so kleine Zusatzgeräte gibt, welche die Luft befeuchten, bevor die Drucksäule aufgebaut wird. Ich ging nach Hause und wollte mich noch ein wenig aufs Ohr hauen. Auch wenn ich schlecht schlief, konnte ich früher immer gut einschlafen, doch nicht an diesem Tag. Ich war wach. Wenige Stunden Tiefschlaf, es können maximal vier gewesen sein, reichten, damit ich zumindest schon mal nicht direkt wieder einschlafen konnte. Und so begann ich den Tag mit einem ziemlich positiven Grundgefühl. Bis zur Besprechung der Ergebnisse fast eine Woche später.
Dass man jedes Mal, wenn der Atem aussetzt, etwas dem Tode nahe steht, hatte ich bereits geschrieben. Diese Atemaussetzer werden gezählt und geteilt durch die Schlafstunden ergibt dies den sogenannten AHI. Ab einem AHI von mehr als 15 sollte die Schlafapnoe unbedingt behandelt werden, ab mehr als 30 spricht man von einer schweren Schlafapnoe. Damals bei meinem Krankenhausaufenthalt wurde ein Wert von über 50 notiert. Kein Wunder, dass die Ärzte einen dringenden Handlungsbedarf in dieser Richtung sahen. Die positive Nachricht: Nach der Abnahme von rund 15 Kilogramm hatte ich im Schlaflabor bereits nur noch einen Wert von 25. Immer noch streng behandlungsbedürftig, doch die Nachricht, die mir der Arzt mit auf den Weg gab, war eindeutig: Abnehmen könnte dazu führen, dass das Gerät wieder aus dem Schlafzimmer verschwindet, und wir werden uns jetzt jährlich zur Kontrolle wiedersehen.
Ich kann dir, falls du in irgendeiner Form ständig müde bist oder schnarchst, nur empfehlen, das ernst zu nehmen und auf den Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu hören oder überhaupt mal zu einem zu gehen. Die Angewöhnungsphase war unangenehm, doch schlafe ich im Schnitt sechseinhalb Stunden pro Nacht und ich schlafe durch. Das sind bei weitem nicht die einzigen Vorteile. Ich erwähnte das Schnarchen, es ist weg und das Gerät so flüsterleise, dass meine Partnerin seitdem nicht mehr mit Ohropax schlafen oder das Weite suchen muss. Es ist also nicht nur für einen selbst gut, sondern auch für andere. Zusätzlich hört man einfach auf zu sterben. Brauchen wir wirklich noch irgendeinen weiteren Vorteil?
Halt, ich will nicht übertreiben. Ich gähne zwar immer noch, aber nicht mehr durchgehend, vielleicht bin ich jetzt aus richtigen Gründen müde. Spät ins Bett gehen zum Beispiel, weil ich mein Leben genieße.
Ich bin ausgeglichener, ich kann wieder kreativ arbeiten, habe neben dem Beruf noch Elan für andere Dinge, wie diesen Essay.
Ich war sehr leer die letzten Jahre.
Mein Job war zwar anspruchsvoll und hat mich gefordert, doch wäre ich dieser Herausforderung ausgeruht deutlich leichter gewachsen gewesen. Wenn ich es richtig rekonstruiert habe, habe ich meinen Körper vor acht Jahren und damit fast parallel zu meiner Karriere in eine Abwärtsspirale geschickt. Irgendwann hatte ich ein Gewicht erreicht, da fing das mit den Aussetzern im Schlaf an. Denn ich kann mich erinnern, dass ich jahrelang immer wieder Halsschmerzen nach dem Aufwachen hatte oder Kopfschmerzen. Ich wachte nachts immer wieder auf. Das alles ist jetzt weg. Ich nutze tatsächlich kaum noch Kopfschmerztabletten, ich schlafe durch. Es ist rückblickend Wahnsinn, dass ich meine berufliche Karriere hinbekommen habe, obwohl ich meinem Körper parallel so viel von dem genommen habe, was er benötigt.
Bane, der Antagonist in The Dark Knight Rises, drückte es so aus: „No one cared who I was until I put on the mask“. Das trifft auf mich nicht ganz zu, doch ich war nicht mehr ich.
Ich war ein Ich auf Sparflamme, ich war niemand, bis ich die Maske aufsetzte.




Sehr angenehme Stimme! Als Mama, weiß ich wie es ist keinen guten Schlaf zu bekommen oder auch viel zu wenig. Das macht was mit einem, hatte auch viele Jahre nicht die Kraft mich kreativ zu betätigen deswegen.
Guter Essay, der mich anspricht. Ich erkenne mich tatsächlich darin wieder