Wenn in Hamburg die Sonne scheint, ist es unerheblich, ob es Frühjahr, Herbst, Winter oder wie jetzt Sommer ist. Alle Menschen strömen nach draußen. Wir Hamburger flanieren dann durch die Stadtteile, entlang der Flüsse, oder sind, temperaturunabhängig, an den Außentischen der zahlreichen Cafés zu finden. Meine Partnerin und ich sind da keine Ausnahme. Wir sind zwar als Paar keine Early-Birds, doch ein genussvolles Frühstück in einem Café fühlt sich, besonders mit der Sonne im Gesicht, wie der perfekte Start in das Wochenende an.
Manchmal verbinden wir das mit einem kleinen Spaziergang. Angekommen an unserem Ziel freuen wir uns, wenn wir einen der begehrten Tische ergattern können, wie Honigkuchenpferde. Fast automatisch setzen wir uns dann nebeneinander, mit Blick zur Straße. Das passiert uns immer wieder. Haben wir uns als Paar nichts mehr zu sagen?
Auch wenn wir gut miteinander schweigen können, treibt uns etwas anderes auf diese Plätze. Wir wollen sehen, wer alles die Straße entlangkommt. Während wir reden, sind unsere Blicke stets in die Ferne gerichtet. Immer gibt es etwas zu entdecken. Wie das Paar, dort hinten auf der Treppe. Er hält verkrampft das Smartphone, während sie verschiedene Posen macht. Der Mann mit der vollen Tüte, der durch die Straße rennt, als wären Menschen Slalomstangen, die es zu umrennen gilt. Ein Kind fällt ohne Grund zu Boden und weint aus Frust. Die Mutter dreht sich währenddessen schulterzuckend um und setzt ihren Weg fort, sie will ihm keine Bühne geben.
So wie hier ist es überall auf der Welt, ständig passiert etwas, in jedem Moment. Noch nie war es für uns Menschen so leicht uns einander zuzuschauen, wie es jetzt ist. Und es ist kein Wunder, dass wir Technologie genau dafür nutzen. Immerhin wird uns das Beobachten in die Wiege gelegt.
Die ersten Dinge in unserem Leben, lernen wir dadurch, dass wir spiegeln. Wir schauen zu und ahmen nach. Spätestens, seit ich einen Sommer mit Freunden auf einem Bauernhof Ferien gemacht habe, weiß ich das. Ich sollte auf das Kleinkind des Bauern aufpassen. Sein Sohn war gerade alt genug, um auf dem Bobbycar zu sitzen, und es machte mir Spaß, während dieser wild am Lenkrad drehte, selbst tiefe Brrrm-Brrrm-Geräusche zu machen. Als ich später am Tag wieder an Mutter und Kind vorbei kam, hörte ich dieses Geräusch, die Lippen vibrierten und der Junge hatte sichtlich Spaß. Die Mutter hingegen sah mich durchdringend an und kommentierte: „Das ist neu.“
Das gibt es auch im Tierreich, etwa wenn ich morgens beim Spazieren über eine Wiese den Vogel höre, der eine Alarmanlage imitiert, um potenzielle Partner anzulocken.
Das nennt sich Lernen am Modell oder auch soziales Lernen. Wir Menschen erhalten diese Fähigkeit etwa im zweiten Lebensjahr, wenn wir uns unserer selbst und aller unserer Körperteile bewusst werden. Du kannst nicht nachmachen, die Zunge herauszustrecken, wenn dir gar nicht klar ist, dass du eine Zunge hast. Wir lernen also durch Spiegeln und durch unsere eigenen Fehler, zum Beispiel wenn wir unsere Zunge verbrennen, weil das Essen noch zu heiß ist. Obwohl ich das manchmal bei mir infrage stelle.
Aber niemand muss sich von einem Auto überfahren lassen, um zu lernen, dass man nicht vor ein Auto läuft.
So formuliert es Markus Paulus, denn wir müssen nicht nur eigene Fehler machen. Wir können auch durch Abschauen Verhaltensweisen übernehmen, die uns Fehler ersparen, etwa wenn wir uns von unseren Eltern abschauen, nach links und rechts zu sehen, bevor wir über die Straße gehen.1
Spiegeln ist ein derart elementares Bild, dass auch eine andere wissenschaftliche Entdeckung in unserem Gehirn danach benannt ist. Unser Puls steigt, sogar bei Situationen, die wir nicht selbst erleben. Dabei ist es unerheblich, ob du einen Horrorfilm siehst und nicht weißt, was die Figur hinter der nächsten Ecke erlebt, oder ob deine Mannschaft einen wichtigen Elfmeter schießen muss, um das Spiel zu gewinnen. Immer wenn wir eine Situation miterleben, arbeiten in unserem Gehirn die sogenannten Spiegelneuronen. Die Wissenschaftlerin Tania Singer hat herausgefunden, dass beim Zusehen, wenn eine geliebte Person Schmerzen empfindet, bei uns die gleichen Hirnareale aktiv werden, als würden wir den Schmerz selbst spüren. Menschen, so empathisch, dass es weh tut.2
Zusehen ist somit nicht nur Lernen, es ist auch Mitfühlen, doch selbst das reicht nicht als Erklärung. Leon Festinger stellte bereits 1954 die Theorie des sozialen Vergleichs auf3. Demnach haben wir Menschen ein Bedürfnis, uns ein realistisches Bild von uns selbst zu machen. Doch dafür gibt es keinen objektiven Maßstab. Wenn du also siehst, dass jemand gerade seine Kleidung ausmistet und damit wieder die Kontrolle über den eigenen Kleiderschrank gewinnt, könnte das in dir auslösen, dass du auch ordentlicher sein willst. Ordentlich zu sein, ist plötzlich dein Maßstab, weil jemand anderes vormacht, was du selbst schon lange wolltest, aber irgendetwas anderes immer wichtiger war. Dein Selbstbild gerät ins Wanken und jetzt willst du das ausgleichen.
Das kann schnell ins Negative kippen. Das deutsche Wort Schadenfreude trifft es so gut, dass es in den Sprachgebrauch von anderen Sprachen wie Englisch und Französisch übergegangen ist. Länder, die sonst eher Worte zu uns exportieren. Die Annahme, dass Schadenfreude etwas Typisch Deutsches ist, ist allerdings falsch. Das Konzept ist für Menschen universell und in vielen anderen Sprachen gibt es eigene Worte dafür. Wir schauen also nicht nur zu, um zu vergleichen, sondern auch, um uns durch das Scheitern anderer besser zu fühlen. Oft wird auch vom Guilty Pleasure gesprochen, etwa wenn du dir TV-Formate ansiehst, die mit ihrem Namen, Reality TV, den Anschein von Authentizität erzeugen und dir dabei das Gefühl vermitteln, selbst so viel besser zu sein. Im Begriff selbst schwingt bereits die Scham mit, das Wissen, dass wir aus Schadenfreude zusehen.
Bin ich, wenn ich morgens im Café sitze, einer, der aus Schadenfreude zusieht? Oder gar ein Gaffer, der die Sensation sucht? Ich behaupte: Nein. Meine Freude am Zusehen kommt ohne Urteil, nur mit Neugierde daher. Ich kenne die Leute nicht. Sie sind mir nicht nah genug, um ihnen empathisch nachzufühlen. Ich erhebe mich nicht über sie. Vielleicht schon in wenigen Stunden hetze ich selbst durch die Gänge aus Menschen, bis dahin werde ich den Mann mit den Tüten bereits vergessen haben.
Ich beobachte, um zu beobachten, nicht aus Sensationslust. Ich bin ein Flaneur. Während ich selbst sehe, bin ich zugleich der Gesehene. Ich bemerke den gesenkten Blick am Nachbartisch, das Smartphone in der Hand, den Daumen im Swipe in Dauerschleife. Kaum ein Video wird lange betrachtet. Wie automatisch greife ich zum eigenen Smartphone. Doch während das Display aufleuchtet, lege ich es auf halber Strecke wieder auf den Tisch, umgedreht. Die Fußgängerzone läuft schließlich weiter, ganz von allein, ich muss nur hinsehen. Und vielleicht hat einer der Passanten den flüchtigen Gedanken, ob das Paar, das gerade die Getränke bekommt, keine Themen mehr hat.
Restacks sind Substacks Version von Mundpropaganda.
Wenn dir das eigene Zusehen dabei zum ersten Mal aufgefallen ist: stups die Person neben dir an, zeig mit dem Finger – oder restacke es einfach.
“Gut abgeschaut ist halb gelernt” von Franziska Badenschier
Quelle: Singer, T. et al. (2004). Empathy for pain involves the affective but not sensory components of pain. Science, 303(5661), S. 1157–1162.
Festinger, L. (1954). A Theory of Social Comparison Processes. Human Relations, 7(2), S. 117–140.







Ich kenne Spiegelneuronen vor allem aus der Spiegeltherapie, die zum Beispiel zum Anregen gelähmter Arme/Hände, seltener Beine/Füße eingesetzt wird. Der nicht betroffene Arm wird bearbeitet und im betroffen Arm wird über einen Spiegel und die Spiegelneuronen eine Reaktion hervorgerufen.
In diesem Kontext ergibt es natürlich auch Sinn und ist eine der Hürden, die Autisten und Autistinnen haben. Ich finde diese Prozesse schon allein aus beruflicher Sicht spannend.
Ich glaube auch, dass Empathie nicht nur mit der Nähe zur anderen Person zu tun hat, sondern auch mit der Schwere des Ereignisses. Hätte sich vor deinen Augen jemand den Knöchel gebrochen, wärst du mutmaßlich doch empathisch geworden.