Könnt ihr euch noch an die Episodentitel der Serie Friends erinnern? Vermutlich nur an diese schmucklosen deutschen Titel. Im englischen begannen alle Episoden aller Staffeln mit “The One…” als wenn sich die Freunde Geschichten erzählen würden und einer von Ihnen sagt: “Weißt du noch das eine Mal als…?”. Manchmal fühlt es sich hier auch an, als würden sich Freunde etwas erzählen.
Dieses Mal habe ich leider privat viel um die Ohren, und den Kopf nicht frei für Texte, die über die Länge einer Note hinaus gehen. Ich freue mich daher, dass meine Freundin The Pink Lemon heute diesen Newsletter nutzt, um euch ein paar Dinge zu erzählen, die bei ihr hängengeblieben sind.
The One with The Pink Lemon.
Was würde wohl in einer Friends Episode mit diesem Titel passieren? Lasst es uns in den Kommentaren wissen, gerne auch, wie euch dieser TakeOver gefallen hat.
Ab hier lest Ihr die Worte von The Pink Lemon.
Viel Spaß!
Euer Kay
Zwei Bücher, die ich letztens gelesen habe und die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben:
Verdammt wütend von der norwegischen Schriftstellerin Linn Strømsborg. Darin geht es um die 43-jährigen Britt, die als Ehefrau und Mutter zunehmend an den Erwartungen zerbricht, die andere – und sie selbst – an ihr stellen. Aus einer persönlichen Perspektive untersucht der Roman, wie sich aufgestaute Frustration, gesellschaftlicher Druck und der Wunsch nach Selbstbestimmung ineinander verflechten – mit trockenem Humor und scharfem Blick für alltägliche Machtverhältnisse. Dabei geht es darin weniger um große Handlungen als um den Fokus auf innere Konflikte und die Frage, wie gesellschaftliche Normen unser Denken und Fühlen prägen. Wer psychologische Tiefe und scharfsinnige Alltagsbeobachtungen schätzt, findet hier eine eindringliche Auseinandersetzung mit weiblicher Wut und Selbstbestimmung. Ein erkenntnisreicher Roman, der sich mehr auf die wichtigen Fragen als vorgefertigte Antworten konzentriert.
Das zweite Buch ist Witches, Bitches, It-Girls von Journalistin und Autorin Rebekka Endler. Darin untersucht sie, wie weibliche Rollenbilder über Jahrhunderte entstanden sind und bis heute unser Denken prägen. Mit einem scharfsinnigen Blick für Sprache, Geschichte sowie Popkultur untersucht sie, wie Frauenbilder konstruiert werden und welche Rollen ihnen dabei zugeschrieben werden. Dabei verbindet sie historische Entwicklungen mit aktuellen Debatten und zeigt, wie sich Bilder von Weiblichkeit immer wieder verändern – und dennoch erstaunlich beständig bleiben.
Das Buch verbindet Kulturgeschichte, Popkultur und feministische Analyse zu einem aufschlussreichen Sachbuch, das alltägliche Vorstellungen von Weiblichkeit hinterfragt. Wer pointierte Gesellschaftskritik, fundierte Recherchen und einen zugänglichen, humorvollen Schreibstil schätzt, findet hier eine ebenso unterhaltsame wie erkenntnisreiche Lektüre – gerade, weil Endler vermeintlich vertraute Bilder von Frauen neu betrachtet und ihre gesellschaftlichen Hintergründe sichtbar macht.
Ein Film, der mich zuletzt besonders beschäftigt hat, ist It Was Just an Accident von dem iranischen Regisseur Jafar Panahi. Besonders bemerkenswert ist auch die Geschichte hinter dem Film: Panahi arbeitet seit Jahren unter den Bedingungen staatlicher Repression im Iran. Nachdem er bereits 2010 verhaftet und wegen „Propaganda gegen das System“ verurteilt worden war, wurde er mit einem langjährigen Berufs- und Ausreiseverbot belegt. 2022 wurde er erneut festgenommen und war mehrere Monate im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert. Trotz dieser Einschränkungen und der damit verbundenen Risiken setzt Panahi sein filmisches Schaffen fort – häufig unter schwierigen Bedingungen und mit großer persönlicher Gefahr. Seine Filme sind dadurch nicht nur künstlerische Werke, sondern auch Ausdruck eines beharrlichen Widerstands gegen Zensur, Kontrolle und Terror.
Ausgehend von einem scheinbar zufälligen Ereignis entwickelt It Was Just an Accident eine eindringliche Auseinandersetzung mit Schuld, Erinnerung und der Frage nach Gerechtigkeit. Panahi verbindet gesellschaftliche und politische Themen mit einer sehr menschlichen Perspektive: Er zeigt nicht nur die Folgen von Gewalt und Unterdrückung, sondern auch die moralischen Konflikte, die entstehen, wenn Menschen zwischen Vergeltung, Zweifel und Mitgefühl stehen.
Der Film ist weniger ein klassischer Rachethriller als eine vielschichtige Reflexion über Macht, Verantwortung und den Umgang mit erlebtem Unrecht. Wer gutes Kino schätzt, das keine einfachen Antworten liefert, sondern unbequeme Fragen stellt, findet hier ein eindringliches Werk – und zugleich ein Beispiel dafür, wie Film unter Bedingungen von Zensur zu einer wichtigen Form des Widerstands werden kann.
Ein Song, von dem ich niemals genug bekomme und dessen Titel daher auch umso passender, ist Never Too Much von Luther Vandross. Der Song erschien 1981, war der Titelsong seines gleichnamigen Debütalbums und wurde zu einem seiner größten Erfolge. Er gilt heute als ein Klassiker des 80er-Jahre-Soul und R&B. Besonders prägend war Vandross’ Fähigkeit, traditionelle Soul-Elemente mit einem moderneren Funk zu verbinden – ein Stil, der den Song bis heute zeitlos wirken lässt.
Was Never Too Much so besonders für mich macht, ist die Verschmelzung aus musikalischer Leichtigkeit und emotionaler Tiefe. Vandross singt darin über die überwältigende Kraft der Liebe. Seine Stimme bewegt sich dabei mit einer außergewöhnlichen Mischung aus Sanftheit und Leidenschaft durch den Song, während der soulvolle Rhythmus die unbeschwerte Euphorie des Verliebtseins trägt.
Never Too Much feiert Liebe als etwas Lebensbejahendes und Sinnliches. Es ist ein Song voller Wärme und dieser erfrischenden Leichtigkeit, die perfekt zum Sommer passt.
Ein weiterer Song, der auf ganz andere Weise berührt, ist Messy von der Sängerin Lola Young. Der 2024 erschienene Titel lebt von einer Mischung aus Selbstironie, Verletzlichkeit und ungefilterter Ehrlichkeit. Darin erzählt Young von den Widersprüchen des eigenen Ichs aber auch von den Widersprüchen unserer (Mit-)Menschen, die uns von außen wahrnehmen.
Musikalisch verbindet der Song modernen Soul, Indie-Pop und eine raue, fast intime Erzählweise. Lola Youngs Stimme klingt gleichzeitig kraftvoll und zerbrechlich, als würde sie nicht nur singen, sondern direkt aus einem inneren Konflikt heraus sprechen.
Der Song gibt dem vermeintlichen Chaos, das wir alle nur zu gut kennen, einen Platz und macht aus dem Gefühl des „Zu-viel-Seins“ oder „Nicht-genug-Seins“ etwas Befreiendes. Messy ist ein Song über Selbstakzeptanz – ehrlich, roh und verletzlich.
Das hier ist ein Gastbeitrag für den Substack von Kay Puppa, den ich wärmstens empfehle. In meinem Substack hinterfrage ich gesellschaftliche Narrative an der Schnittstelle von Identität, Patriarchat und Spätkapitalismus. Es ist für mich immer wieder erstaunlich zu sehen, wie stark diese drei gesellschaftlichen Konzepte ineinander verwoben sind und sich gegenseitig füttern.
Ich habe beispielsweise über unsere produzierten Sehnsüchte geschrieben und die Frage, wie Konsum, Kultur und gesellschaftliche Erwartungen unsere Wünsche nicht nur formen, sondern sich als unser eigenes Verlangen tarnen.
In diesem Text geht es um das gesellschaftliche Tabu der bereuenden Mutter. Beides kann gleichzeitig wahr sein, sein eigenes Kind tief und aufrichtig zu lieben und sich in der Rolle der Mutter unwohl zu fühlen und die Mutterschaft zu bereuen.
Kürzlich habe ich außerdem eine Serie zum Thema Warum wir begehren, was wir begehren gestartet, die sich mit den Fragen beschäftigt, wie unser Begehren entsteht und durch welche Bilder, gesellschaftliche Normen, Ideale und Strukturen es geprägt wird und warum vieles, was wir für unsere intimsten und geheimsten Wünsche halten, vielleicht erst durch unsere Umwelt geformt wurde.
Warum erscheinen uns bestimmte Körper, Rollen oder Dynamiken begehrenswert und andere nicht? Wie sehr lernen wir, was wir begehren? Wo endet individueller Geschmack und wo beginnen kulturelle Muster? Welche Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Intimität übernehmen wir, ohne sie jemals bewusst hinterfragt zu haben?
Vielleicht liegt Selbsterkenntnis nicht nur darin, herauszufinden, was wir wollen, sondern auch zu verstehen, warum wir es wollen.
Den Auftakt bot dieser Text, in dem es darum geht wie sich Prägung als Selbstentdeckung tarnt und nächste Woche erscheint der zweite Text der Serie, in dem ich mich einem historischen Phänomen aus dem 17. und 18. Jahrhundert widme: einer sexuellen Faszination, die damals gefeiert wurde und uns heute mit Unbehagen zurücklässt – ein Beispiel dafür, wie wandelbar moralische Grenzen und gesellschaftliche Vorstellungen sein können.
Mein Ziel ist es nicht, einfache Antworten zu liefern, sondern die Fragen freizulegen, die hinter unseren vermeintlichen Gewissheiten liegen.
Letzte Woche war ich beruflich und privat in Wien und habe dort das erfrischende Getränk Himbeersoda für mich (wieder-)entdeckt. Es hat etwas Nostalgisches und ist gerade während dieser Hitzewelle auch sehr passend. Die Kombination aus kühler Erfrischung und einem Energieschub durch den Zucker ist manchmal genau das Richtige, wenn die Temperaturen steigen und der Kreislauf nach einer kleinen Aufmerksamkeit verlangt. Eine kleine kulinarische Erinnerung an Wien – und der Beweis, dass wir auf Reisen nicht immer nur die großen Sehenswürdigkeiten, sondern auch die kleinen Alltagsentdeckungen mit nach Hause nehmen können.
Eine weitere kleine kulinarische Zeitreise ist für mich das Eis Viennetta. Ich bin Ende der 1980er Jahre geboren und verbrachte somit meine Kindheit in den 90ern. Vielleicht erinnern sich die einen oder anderen von euch daran, wie Viennetta damals das „Fancy-Dessert“ der Erwachsenen galt. Es wurde gerne von den Gastgeber:innen nach dem Abendessen den Gästen serviert. Dieses Phänomen scheint auch Städte- und Landesgrenzen zu überschreiten, den wann immer ich mich mit jemandem darüber unterhalte, der um dieselbe Zeit aufwuchs, teilen wir diese kuriose Erinnerung an dieses „fancy Erwachsenendessert“.
Die feinen Schichten aus Eis und knackiger Schokoladenglasur erinnern mich an meine Kindheit und heitere Abende, an denen die Erwachsenen einen schönen ausgelassen Abend hatten und wir uns etwas um unsere Bettgehzeit drücken und auf eigene Abenteuer begehen konnten.
Vielleicht liegt genau darin ihr besonderer Charme: Eine kleine kulinarische Erinnerung an genau diese Abende und dieses Lebensgefühl. Hier bleibt nicht nur der Geschmack im Gedächtnis, sondern vor allem das Gefühl, das wir damit auch in erster Linie verbinden. Schmecken tut es nach wie vor und auch ich habe gerade eine Packung im Tiefkühlfach und fühle mich dadurch wie eine „fancy Erwachsene“ aus den 90ern.
Kommt gut durch die Hitzewelle und gönnt euch vielleicht auch das eine oder andere Himbeersoda und Stück Viennetta Eis.
Bis bald.
The Pink Lemon












Was für ein tolles Format! Messy von Lola höre ich auch so gern. Und den zweiten Song hab ich mir auch direkt abgespeichert. Danke für den schönen Lesestoff am Mittwochmorgen 😍
Also ich finde dieses Format mega Kay, und auch die Idee, hier "thepinklemon" einen Beitrag schreiben zu lassen, finde ich total gut.
Und jetzt zum Inhalt.
Lemon, du schaffst es immer wieder, Kulturgeschichte, Popkultur und große Fragen miteinander zu verbinden. Nach dem Lesen merkt man erstmal, dass man die eigenen „vermeintlichen Gewissheiten" viel öfter hinterfragen sollte.
Das Himbeersoda hat mich zum Lächeln gebracht, und die nächste geht dann wieder auf mich.
Ich glaube, keine noch so kluge Analyse könnte mir erklären, warum ein simples rosa Getränk in der Wiener Hitze plötzlich wie genau das Richtige geschmeckt hat.
Manchmal muss man Sachen eben nicht materialistisch oder dekonstruktivistisch auseinandernehmen, sondern einfach nur genießen.
Danke für die hier genannten Anregungen und den Text.