Es legte sich Dunkelheit über die Welt
Manche Finsternis kommt vorhergesagt. Manche jeden Tag.

Es ist der Sommer 1999, ich bin 13 Jahre alt. Meine Welt ist in Ordnung. Doch sie wird nahezu durchgehend von Aufregung erfasst. Selbst die Erwachsenen sind ganz aus dem Häuschen. Sogar in der Schule können die Lehrer normalen Unterricht kaum noch durchziehen. Es werden Stunden darauf verwendet, zu erklären, aus welchem Grund sie alle aufgeregt sind.
Die Rede ist von der Sonnenfinsternis am 11. August.1
Überall gab es diese Sonnenfinsternis-Brillen aus Pappe mit silbrigen Folien. An der Kasse beim Supermarkt, in Zeitungen, ja sogar in Fernsehzeitungen, die damals noch mehr Relevanz hatten. Gefühlt gab es diese Brillen überall dazu, als wären die wenigen Minuten, in denen sie getragen werden, die idealen Werbetafeln. Es gab keine Chance, dem Thema Sonnenfinsternis nicht zu begegnen. Aus meiner kindlichen Erinnerung war dieses Vorspiel zur eigentlichen Sonnenfinsternis wochenlang zu beobachten.
Es war ein Jahrhundertereignis, denn eine totale Sonnenfinsternis würde erst wieder in 82 Jahren auf deutschem Boden zu sehen sein. Die letzte etwa 110 Jahre davor. Der Hype war real.
Also stand ich mit meinen Eltern zur genannten Zeit im Garten. Wir drei mit unseren Pappbrillen, mein bester Freund daneben mit der für ihn viel zu großen Schweißermaske seines Vaters. Wir bemerkten, wie die Temperatur um uns herum spürbar abfiel und das Licht langsam in ein Zwielicht wechselte. Wie typisch für Hamburg war der Himmel wolkenverhangen, sodass wir nur immer wieder mal einen Blick auf dieses Ereignis erhaschen konnten.
Mein Freund und ich waren in erster Linie eins: enttäuscht.
Meinem kindlichen Ich war nicht klar, dass die totale Sonnenfinsternis nicht von überall auf der Welt gleich gesehen werden konnte. Süddeutschland lag vorn. Wir in Hamburg mussten mit etwa 90 % Beschattung auskommen, ein paar Prozent mehr als angekündigt.2 Was immer noch ein spektakuläres Ereignis ist, für uns Kinder jedoch enttäuschend.
27 Jahre später tritt das Phänomen der Sonnenfinsternis erneut auf. Heute Abend, an dem Tag, an dem dieser Text erscheint, wird sich die Sonne erneut verdunkeln. Dieses Mal wird nirgendwo in Deutschland eine totale Sonnenfinsternis zu sehen sein. Es gibt keinen Hype. Das Thema findet seine Nische in den Medien, doch das war’s. Bis 90 % Sonnenbedeckung durch den Mond ist nicht mehr genug, um uns aus der Reserve zu locken. Ein astronomisches Schauspiel ist entzaubert.
Trotzdem arbeitet es in mir, seit ich mitbekommen habe, dass diese Sonnenfinsternis ansteht. Im Speziellen die Frage, wie sehr wir die Wahrnehmung der Welt über die Jahrhunderte verändert haben. Die Sonnenfinsternis von 1999, sie war besonders und einzigartig. Für viele Menschen ergreifend. Doch wir wussten Wochen im Voraus, was da passieren würde. Wie muss es in den Jahrhunderten davor gewesen sein?
Thales von Milet soll als griechischer Mathematiker und Philosoph bereits im Jahr 585 vor der Zeitenwende eine Sonnenfinsternis vorhergesagt haben. Angeblich teilte er dieses Wissen mit den Lydiern, die im Krieg mit den Medern waren. Als die Sonne sich verdunkelte, sahen Letztere es als böses Zeichen und gaben auf.3
Sollte Thales von Milet wirklich bereits diese Fähigkeit gehabt haben? Die Menschheit entwickelt das Wissen um die Berechnung der Sonnenfinsternis extrem langsam. Der Grieche Ptolemäus schrieb etwa 150 Jahre nach der Zeitenwende als erster Methoden zur „Finsternisberechnung“ auf. Wir wissen nicht, ob die Geschichte Thales im Nachgang zugeschrieben wurde, doch es ist unwahrscheinlich, dass er diese Fähigkeit hatte. Was diese Zuschreibung jedoch eindrücklich zeigt, ist, dass Informationen und Verständnis von der Welt eine große Macht haben.
Diese Macht war, wie anderes Wissen zu der Zeit, ausschließlich einem kleinen Kreis zugänglich. Es dauerte rund 900 Jahre und einen Umweg über die arabische Welt, bis Mönche seine Methoden in westlichen Klöstern übersetzten.4 Der Kreis der Eingeweihten stieg nur marginal. Wissen war zu dieser Zeit in Westeuropa eng mit der Kirche verbunden, die damit auch die Deutungshoheit über alles Wissen besaß. Aus anderen historischen Geschichten kennen wir, dass die Kirche gerne alle Zeichen in ihrem Sinne genutzt hat. Hatten die Menschen also Angst und deuteten die Finsternis am Tage als schlechtes Zeichen, dann war das Willkommen.
Ihr habt gesündigt, Gott warnt euch!
Erst 300 Jahre nach den Mönchen bricht sich diese Deutungshoheit ein Stück weit. Aus meiner modernen Perspektive wirkt es geradezu unglaublich, dass Menschen vor diesem Schauspiel erzitterten, statt fasziniert in den Himmel zu starren. Besonders, nach Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse und der damit schnelleren Verbreitung von Wissen.
Vermutlich hattest du auch schon mal so einen Jahreskalender in der Hand. Ist dir aufgefallen, dass dort auch die Mondphasen eingedruckt sind?
Das begann bereits 20 Jahre nach der Erfindung des Buchdruckes. Regiomontanus druckte 1474 deutsche und lateinische Kalender, die sogar ein Finsternisverzeichnis enthielten.5 Zugang hatte jedoch nur eine gebildete Ober- bzw. Kaufmannsschicht, da die moderne Technik zwar günstiger war als die handgeschriebenen Kopien, jedoch für den Durchschnittsmenschen immer noch unbezahlbar.
Selbst als 1654 in Jena die Sonnenfinsternis erstmals wissenschaftlich vorherberechnet und in einer Flugschrift verbreitet wird6, ändert das wenig: Prediger deuten die Zeichen am Himmel weiterhin als Strafe Gottes, ein halbes Jahrhundert später sogar als politisches Vorzeichen für den Untergang des Sonnenkönigs Ludwig XIV.7
Die Weltuntergangsangst verschwindet erst 1842, als die Informationen durch die Zeitungen breit und günstig den Bürgerinnen und Bürgern verfügbar werden. 8Erst jetzt ist es möglich, dass wir in die Richtung des Event-Charakters gehen, den wir von 1999 kennen. Die Angst in der breiten Masse ist endgültig abgelegt.
Heute kann ich auf Webseiten exakte Vorherberechnungen für alle Orte sehen. Livestreams machen es mir möglich, das Ereignis nicht nur in Hamburg, sondern auch die Totalität in Spanien zu sehen.
Die Fülle an Informationen, die in unser kollektives Wissen über die Zeit eingesickert sind, hat uns die Angst genommen. Das Schauspiel wurde entmystifiziert, ohne für mich etwas von seiner Magie zu verlieren. Das beruhigt mich. Informationen ermöglichen uns Menschen, jedoch mir im Besonderen, ein Gefühl von Kontrolle zu entwickeln.
Doch hat die Schnelligkeit im heutigen Live-Ticker/Breaking-Journalismus auch ein Risiko. Das habe ich während der Corona-Krise gemerkt. Hier studierte ich jeden Live-Ticker, ständige Inzidenzzahlen. Dabei kann ich auf diese keinen Einfluss nehmen. Es war für mich letztlich auch egal, wie viele Infizierte mein Landkreis hatte. Wichtig war es, die neuen Informationen zu Impfungen oder Empfehlungen zu Schutzmaßnahmen mitzubekommen, doch hätte hier eine normale Nachricht gereicht. Und trotzdem, je länger wir in der Situation steckten, umso stärker legten sich die Live-Ticker-Zahlen wie ein dunkler Schatten über mein Gemüt.
Die akute Phase der Krise ist nun bereits länger vorbei. Das Symptom bleibt. Die mediale Vernetzung, die ein informationeller Segen für die Menschheit sein sollte, wird zum möglichen Fluch. Die Konkurrenz und die notwendige Geschwindigkeit, um möglichst Erster im Überbringen von egal wie banalen Informationen zu sein, zwingen Journalisten zu verkürzten Wegen. Als Folge daraus ergeben sich auch Opfer wie eine gute Recherche. Und auch wenn Kriege und Leid auf der Welt selbstverständlich nicht banal sind, was kann ich an meinem Leben in diesem Moment ändern, wenn mir per Breaking News auf mein Smartphone gepusht wird, dass die Vereinigten Staaten den Iran angreifen?
Diese Pushmeldungen habe ich auf meinem Smartphone bewusst ausgeschaltet. Seit Corona habe ich festgestellt, dass ich das Prinzip der Wochenzeitungen mag, denn sie zeigen nur, was übrig bleibt, nachdem der Filter der Woche auf die Nachrichten gewirkt hat. Leider komme ich trotzdem nicht an den Breaking News vorbei. Smarte Werbedisplays in den Straßen, in den Städten, in Fenstern von Kiosken und im öffentlichen Nahverkehr zeigen mittlerweile auch Nachrichten und spielen mit im Spiel um die neueste Information. Und ich stehe da, mag der Tag noch so gut gewesen sein, und es bewegt sich etwas in mir.
Für wenige Minuten legt sich Dunkelheit über meine Welt.
Damals stupste man die Person neben sich an und zeigte in den Himmel.
Heute reicht ein Klick: Wenn dich dieser Text gepackt hat, restacke ihn.
Der selbe Reflex, nur eine Sonnenfinsternis später.
Wikipedia zur Sonnenfinsternis vom 11. August 1999
Die Seite vom Hamburger Karsten Moos ist seit 1999 unberührt Online, hier gibt es einige Bilder zur Sonnenfinsternis aus Hamburg. Er warnt stellenweise vor den großen Bilddateien um 300 KB pro Stück.
Max-Planck-Gesellschaft: Wenn der Drache die Sonne verschluckt
Claudius Ptolemäus: Almagest, ETH Zürich
Wikipedia zur Sonnenfinsternis 12. Mai 1706
Geschichte der Zeitung auf Journalistikon



Spontan hätte ich gedacht, dass es 2000 war, aber da lag ich offensichtlich falsch. Ich war damals 6 Jahre alt und mit meiner Familie im Sommerurlaub auf Bornholm. Ich erinnere mich noch genau an die aufgeregte Atmosphäre in den Tagen davor und natürlich am Tag selbst. Das war schon sehr besonders. Danke für die Erinnerung daran!
Die verschiedensten Phänomene am Himmel, wie Kometen, Regenbögen, Sonnen- oder Mondfinsternisse, Planetenkonstelationen usw. scheinen eine große Faszination auf uns Menschen auszuüben. Ich glaube, es zeigt uns (meistens nur) für einen Moment, wie klein und unbedeutend wir sind. Das, was da passiert ist soweit weg und so komplett verstehen es viele von uns auch heute nicht.
Dazu kommt, dass die meisten Ereignisse nur ein paar mal pro Generation vorkommen. Oder sogar deutlich seltener.
Und natürlich hast du recht: Der Hype von damals, ist heute gar nicht so. Ich habe mich tatsächlich gewundert, warum darüber so viel berichtet wird. Solange ist die letzte partielle Sonnenfinsternis nicht her. Das muss 2016 gewesen sein. Und so richtig packen tut es mich auch nicht... Auch Vollmonde, Mondfinsternisse oder der gleichen lassen mich eher kalt. Da guck ich mir dann gerne am nächsten Morgen die professionellen Fotos im Internet an.
Danke für diese Zeitreise! Damals habe ich mit einer amerikanischen Freundin ein Event daraus gemacht, wir haben bei mir Käsespätzle gemacht und danach das Schauspiel mit angesehen. Ich war damals 29, und ich erinnere mich noch sehr gut, daß es auch damals jede Menge verschwörungstheoretisch-esoterische Ideen gab, die weit jenseits jeder rationalen wissenschaftlichen Betrachtung lagen 😅 Ebenso wie die Hysterie, daß 2000 die Welt untergeht, die am 21.12.2012 erneut aufkam... Mittlerweile beobachte ich mit einem gewissen Entsetzen, wie stark Menschen wieder anfangen, sich von der Wissenschaft abzuwenden und an esoterischen Unsinn zu glauben. Offenbar liegt es in der menschlichen Natur, lieber etwas Geheimnisvolles, Übernatürliches glauben zu wollen als eine nüchterne Erklärung, die man mathematisch berechnen kann.