Vor nicht allzu langer Zeit waren meine Partnerin und ich im großen Einkaufszentrum im Hamburger Alstertal unterwegs. Wir hatten vor, einige Geschenke zu besorgen, und das macht man am besten nicht mit leerem Magen. Wir aßen in einer ungewöhnlich netten Sitzecke im Innenbereich, nahe der Rolltreppen. Keine Stelle, an der man eine Insel erwarten würde. Doch mit den Regalen, die als Büchertauschregale fungierten, wirkte die Ecke ungewohnt sympathisch, fast wie eine Zuflucht aus dem Einkaufszentrumtrubel.
Wir verweilten also einen Moment und ich ließ meinen Blick über die Bücherregale schweifen, bis ein Geschäft meine Aufmerksamkeit einfing. Es war ein Schokoladenfachgeschäft. Die handgemacht wirkenden Tafeln mit ihren verschiedenen Zutaten wie Nüssen oder Früchten, die in der Auslage gestapelt liegen, rufen in der Ferne wie eine Einladung nach mir. Viele Jahre schon laufe ich an diesem Geschäft vorbei, mein Blick gleitet im Vorbeigehen über das Schaufenster, und nimmt den Schimmer aus Exklusivität und Genuss wahr. 100 Gramm Schokolade haben dort einen kräftigen Preis, doch ich entschloss mich, dass ich nach Jahren des Vorbeigehens heute probieren wollte. Zunächst wollten wir durch das Schaufenster ein Gefühl dafür entwickeln, was wir wollten.
Wir standen keine zwei Minuten vor dem Schaufenster, als eine ältere Dame, vielleicht Anfang siebzig, sich uns näherte. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, wie oder wer das Gespräch begonnen hatte und was genau sie zu Beginn sagte. Es ging auf jeden Fall darum, dass diese Schokoladen zwar kostspielig seien, sie jedoch überzeugt war, dass es sich lohne und sie sich dieses Lohnen unregelmäßig als Belohnung für sich selbst gönnte. Am Ende sprachen wir gut zehn Minuten mit der Frau. Definitiv eine modernere Rentnerin, statt Gehstock mit Nordic-Walking-Stöcken unterwegs, ganz patent.
Wir erfuhren das Rezept für den ihrer Meinung nach besten Butterkuchen und dass sie ihn lieber in Elektroöfen zubereitet als auf dem Gasofen in ihrer letzten Wohnung. Sie erzählte uns auch, dass ihr kürzlich verstorbener Mann aus Belgien stammte, was den Schweizer Schokoladengenuss jedoch keinen Abbruch tut. Seit Kurzem lebt sie bei ihrer Tochter und ihrer Familie. Wir erfuhren in der Zeit schnell viele Dinge von der Frau, nur nicht ihren Namen. Wir hatten ein angenehmes Gespräch, zu dem wir jedoch immer nur kurz etwas beitragen konnten. Der Mitteilungsbedarf der Frau war hoch, jedoch nicht unangenehm oder aufdringlich. Eins dieser zufälligen Gespräche, an die man hinterher vielleicht noch ein paar Mal denkt, weil sie über das Leben lehren und uns Einblicke außerhalb unserer Blase gewähren.
Als sie sich verabschiedete, denn sie müsse jetzt schließlich auch Schokoladen kaufen und nicht nur anschauen, fühlten wir uns gut und waren selbst noch mehr in Auswahllaune. Das Schaufenster betrachteten wir jedoch nicht lange, denn wenige Sekunden, nachdem die Frau in das Geschäft gegangen war, eilte sie wieder zu uns hinaus. Ihr hätte das Gespräch so gute Laune bereitet, sie würde uns jetzt gerne einfach mal auf 100 Gramm zum Probieren einladen. Wir sollten bitte nicht nein sagen. Leiser Protest wurde von der Energie der Frau direkt erstickt. Ich spürte, wie unangenehm meiner Partnerin die Situation war, doch die Frau war sehr überzeugend. Also ließen wir uns von einer fremden Frau in ein edles Schokoladengeschäft führen, suchten uns zwei Sorten aus und die Frau bezahlte für uns. Sie strahlte ununterbrochen, nicht nur mit dem Lächeln auf ihren Lippen, sondern mit allem, was sie hatte.
Beim Verlassen des Geschäftes kam es zu einem weiteren Gespräch. Zum Einstieg sagte sie, ihr wäre eingefallen, dass auch ihr mal jemand Fremdes überraschend eine Kleinigkeit geschenkt hat. Und sie hätte das Gefühl gehabt, dass es jetzt mal wieder an der Zeit gewesen wäre, es weiterzugeben. Dann begann sie uns zu erzählen, wie sie ihren Mann kennengelernt hatte. Wie sie sich mit sechzehn Jahren in den vierzehn Jahre älteren Mann verliebte, als sie sich im Schwimmbad kennenlernten. Wie ihre Eltern dem jüngsten ihrer sieben Kinder den Kontakt zu diesem Mann zunächst verboten, weil sie ihn für zu alt für ihre Tochter befanden. Und dass ihr Mann nach einem Jahr ohne direkten Kontakt immer noch so sehr in sie verliebt war, dass er weiter um sie warb und die Eltern schließlich nachgaben und sie ihn später heiraten konnte.
Sie fragte uns, ob wir verheiratet wären, was wir nicht sind, laut ihr aber noch kommen kann. Doch am Ende sagte sie, es wäre gar nicht so wichtig, verheiratet oder nicht. Es ist wichtig, dass man zueinandersteht, auch wenn es zeitweise schon mal ein großes Tal zu durchschreiten gibt. Prozentual gemessen an ihrer Lebenszeit war sie fast den größten Teil mit ihrem Mann zusammen, lediglich die Jahre ihrer Kindheit und nun die Zeit nach seinem Tod ist sie ohne ihn.
Wie viele Hochs und Tiefs wird es in ihrem Leben gegeben haben? Ich bin mit meiner Partnerin zum Zeitpunkt dieser Begegnung fast vier Jahre zusammen, schätzungsweise nicht einmal ein Zehntel der Zeit, die diese Frau mit ihrem Mann verbracht hat. Dieses Paar, von dessen Leben wir durch Zufall einen kurzen Ausschnitt erhaschen konnten, war gut ein halbes Jahrhundert zusammen. Wie die Frau von den Höhen und Tiefen erzählte und von gegenseitigem Raumgeben, sprach die romantische Ader in mir sehr an, beeindruckte mich jedoch auch in universeller Hinsicht. Sendete das Universum uns gerade ein Zeichen, dass unsere Beziehung in Zukunft geprüft würde, und gab uns gleichzeitig das Rezept in die Hand, diese zu bestehen?
Der Zufall führte uns zusammen und unsere Leben berührten sich kurz. Was wir davon jeweils mitnehmen, liegt in uns selbst, reflektiert jedoch auch auf unsere Außenwelt.
Die Frau entschied sich bereits nach der ersten Hälfte, dem Geschenk unseres offenen Ohres, das wir für sie hatten, mit etwas Schokolade zu begegnen. Und freute sich dabei selbst darüber, denn der Akt des Schenkens selbst löste in ihr weitere gute Gefühle aus. Wir hatten diese Großzügigkeit nicht nötig, wir hätten uns die Schokolade selbst leisten können, und doch haben wir sie erfahren. Weit mehr als der materielle Wert der Schokolade zählt die Geste selbst und die Geschichte, die sie damit teilte. Sie hat uns Freude bereitet; ich habe die Geschichte der Frau bereits einige Male Bekannten erzählt. Und immer wieder hallt diese Geschichte auch jetzt noch in mir nach.
Ich habe mir vorgenommen, dass ich diesen zufälligen Akt der Freundlichkeit bei Gelegenheit anderen fremden Menschen angedeihen lasse. Denn in meiner Position ist es eigentlich so leicht. Und diese Möglichkeit begegnet uns in so vielen Formen. Was kostet es uns zum Beispiel, jemandem, dem 50 Cent an der Kasse fehlen, ebendiese zu geben? 50 Cent könnte man jetzt sagen, aber ist das wirklich ein Preis, den die meisten von uns nicht zu zahlen bereit sind?



