Robert Seethaler gehört seit ich Der letzte Satz und Das Café ohne Namen gelesen habe zu meinen Lieblingsautoren. Vor einiger Zeit durfte ich im Thalia Theater in Hamburg Robert Seethaler in voller Größe sehen. Vor allem jedoch seinen Gedanken lauschen und ihm dabei zuhören, wie er Passagen aus Die Straße vorlas. Das hat mir unheimlich Spaß gemacht, nicht nur, weil der Mann mit seiner Stimme etwas in mir anspricht, das dazu führt, dass ich ihm sogar gerne beim Fluchen zuhöre. Zusätzlich tritt der Effekt ein, dass ich jetzt seine Lesestimme anstelle meiner eigenen beim Lesen im Kopf habe. Es wurde also Zeit, das ganze Buch zu lesen, nachdem mich die Ausschnitte bereits vor Ort angesprochen hatten.
Die Straße beschreibt einen Abschnitt von etwa einem Jahr. Die Straße, in der wir uns befinden, ist die Heidestraße, die Planungen für das jährliche Straßenfest stehen an. Es ist eine belebte Straße, mit neuen Leuten, Geschäften, Kneipen, einem Pflegeheim und vielen Anwohnern. Alles, was der Mensch braucht.
In diesem Roman verfolgt Seethaler einen spannenden Ansatz. Wir haben keine handelnde Person, die wir verfolgen, keinen All- oder wenig-wissenden Erzähler. Stattdessen besteht das Buch aus vielen Mosaik-Steinchen, bestehend aus Gedanken, Briefen, Gesprächen, Zeitungsartikeln und allem, in dem ein Mensch „spricht“. Nur selten wird diese Form verlassen, indem eine Handlung beschrieben wird, ohne dass ein Mensch auf der Straße sie beschreibt. Er lässt die Bewohner der Stadt sprechen, immer so, als würden wir zufällig etwas mitbekommen und dann unbemerkt zum Nächsten gehen.
Was im ersten Moment fremd und chaotisch wirkt, fühlt sich schnell durch Seethalers typische Sprache wieder nah und verbunden an. Bereits nach kurzer Zeit ist zu erkennen, dass es in dem Leben der Bewohner einer Straße nicht den einen roten Faden geben kann, sondern viele große und kleine Fädchen. Und so gibt es, zu meiner Überraschung, immer wieder Momente, in denen man Figuren wiedererkennt. Nicht weil sie beschrieben werden, sondern über ihre Geschichten und die Art, wie sie reden. Das ist, aufgrund der Vielzahl der Figuren, die Seethaler in diesem Roman schafft, bemerkenswert, da es so geschieht, dass ich mich als Leser darauf freue, sie wiederzuentdecken, und nicht von ihrer bloßen Anzahl überfordert werde.
Seethalers Bücher stellen für mich eine besondere Form des Eskapismus dar. Sie entführen mich nicht in fremde Realitäten, fernab von der eigenen. Sie befinden sich an einem zeitlich nicht genau zu bestimmenden Ort, der meinem zwar nah, aber doch fern genug ist. Weit genug weg, um neugierig zu sein, nah genug, um mich in etwas wiederzuerkennen.
Wer wäre nicht bereit zu einem Spaziergang durch Die Straße?



