Woran denkst du, wenn ich dich frage, ob wir an diesem Mittwoch etwas Verrücktes machen wollen?
Vielleicht an Nacktbaden am See? Oder an Bungee-Jumping?
Eine gute Stunde später sitzen wir am Wasser. Die Sonne glitzert auf der Oberfläche der Elbe. Wir sind beide bereit für das, was jetzt passieren wird.
Der Wind lässt für einen Moment nach und in deiner Nase kommt der Duft des frischen Cappuccinos an, der dir vor Momenten gebracht wurde. Während du mit der Gabel ein Stück deiner Schokoladentorte abtrennst, ertönt die dänische Nationalhymne. Wenig später dröhnt die Stimme eines älteren Herren mit hanseatischem Akzent über die Terrasse und erklärt dir die Reiseroute des Containerschiffes, das gerade deinen Sichtbereich passiert. Du lehnst dich zurück und lächelst milde, als der Herr während des Erzählens der technischen Fakten des Schiffes ins Stolpern kommt, da derzeit mehr Tiefgang besteht, als im Datenblatt als zulässig angegeben ist.
Du öffnest deine Augen, das Leben fühlt sich gut an, du hast das Gefühl, die Sonne einzuatmen. Als du dich umblickst, siehst du außer dir und deiner Begleitung nur silbrige Haare und fühlst dich einen Moment deplatziert. Doch dieser Moment zieht vorbei, während das Aroma der Torte sich in deinem Mund ausbreitet.
Wenn dies eine virtuelle Welt wäre, würdest du jetzt ein fröhliches “Pling” hören und neben dir taucht deine Rentner-Stempelkarte auf. Denn mit dem Besuch der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft in Wedel hast du dir einen weiteren Stempel verdient. Du hast etwas getan, das sonst fast nur Menschen tun, die in Hamburg Urlaub machen, Schiffsnerd sind oder eben das Berufsleben hinter sich gelassen haben. Da Nummer eins und zwei auf dich nicht zutreffen, gibt es für dich den Stempel.
Und dann kommt in dir diese eine Frage auf. Nicht die, wer eigentlich diesen Stempel vergibt, sondern die, die direkt danach kommt: Darf ich das gut finden? In meinem Alter?
Du nimmst den letzten Schluck von deinem Cappuccino. Niemand hat sich für dich interessiert. Niemand hat dich beobachtet. Niemand hat gesehen, wie entspannt du die letzten zwei Stunden warst. Und trotzdem überlegst du kurz, wie du das heute Abend deinen Freunden erzählst. Oder ob du es überhaupt erzählst.
Das Gefühl, das sich da bei dir meldet, das ist Scham. Nicht die große, schwere, sondern die kleine, etwas lächerliche. Die Art Scham, für die man sich im Nachhinein schämt, dass man sich überhaupt geschämt hat.
Denn diese Scham empfindest du nur, weil etwas immer wieder durch Wiederholung in dein Bewusstsein eingesickert ist: Dein Leben muss in jedem Moment einzigartige Daueraction sein.
So bekommst du es angezeigt, bei deinen Freunden, bei den Prominenten, denen du dich ganz nah fühlst. Vielleicht weißt du, dass das eine Social-Media-Realität ist, eine Parallelwelt zu der wirklichen. Aber ist dir das unterbewusst auch klar, wenn du doch zu dieser Welt dazugehören willst? Wieso fragst du dich sonst, ob du von deinem neuen Stempel erzählen kannst, und tust es nicht einfach?
Scham ist kein Instinkt, den wir mitbekommen haben, es ist kein Ur-Gefühl. Wir erlernen Scham immer wieder neu. Zum Beispiel, wenn wir verinnerlichen, was in unserer Gruppe als normal gilt. Es ist das Gefühl, das sich meldet, wenn wir eine Linie überschreiten, das sagt: Das ist für uns hier nicht normal. Nein, so etwas machen wir nicht.
Das hatte früher mal einen Sinn: Wer in der Frühzeit aus der Gruppe fiel, überlebte alleine oft nicht. Heute fällst du aus der Gruppe, weil du Schiffe guckst, statt in der Rooftopbar über Hamburgs Dächern Cocktails zu schlürfen.
Der moderne Mensch kommt mal wieder seinem eigenen Entwicklungstempo nicht hinterher. Die Frage “Was sollen denn die Leute denken?” ergibt heute in fast allen Kontexten, in denen sie gestellt wird, keinen Sinn mehr. Keine Dorfgemeinschaft wird scheitern, weil Martina aus Sprenge mit vierzehn Jahren ein Piercing trägt, das vielleicht noch nicht einmal echt ist, und lieber Janine statt Jannick küsst.
Bist das wirklich du, wenn du aus Scham etwas tust oder nicht tust, damit du zu einer Gruppe dazugehörst? Ja, Gruppen funktionieren über Zusammengehörigkeit, das kann aber auch mal kurzzeitig ein verbindendes Element sein. Wenn ich im Block im Stadion vom FC St. Pauli stehe, fühlen wir, dass wir alle zusammengehören. Das Einzige, das uns verbindet, ist diese Faszination für das Team. Im speziellen Fall vom FC St. Pauli kommt noch dazu, dass wir grundsätzlich den gleichen Wertekanon teilen. Das beides sind unsere großen Klammern um die Gruppe. Deswegen ist es egal, wen du küsst, welche Farbe deine Haare oder deine Haut hat. Es ist einfach nicht wichtig. Das gibt es in vielen verschiedenen Kontexten. Eine Zeit lang hat es sogar mal gereicht, dass man die gleiche Schule wie andere besucht hat. Und dieses Gefühl von Zugehörigkeit tut uns gut, sonst gäbe es die Scham nicht. Sie ist vielerorts nur nicht mehr angemessen.
Wer also bist du, wenn keiner hinsieht, dich keiner Beobachtet? Wenn du für keine Social-Media-Realität die polierteste Version deines Lebens leben musst?
Einer der kühnsten Prozesse im Altern ist die Abnabelung vom Bedürfnis, darüber zu reflektieren, was wohl die Leute denken. Oft kommt er eben erst in dem Alter, in dem wir den täglichen Druck der Arbeit hinter uns gelassen haben und mehr auf das hören können, dass wirklich unsere Bedürfnisse sind. Wenn wir nicht mehr abgelenkt werden.
Denn es sind oft die Rentner, die nach einer harten Zeit der Anpassung Frieden schließen konnten mit sich. Mit sich, ihren Bedürfnissen, Wünschen und ihrem Aussehen. Wir sehen sie dann mit einer Selbstverständlichkeit ihren runzeligen Körper in der Sauna zur Schau stellen. Du könntest die über 1.000 Falten an meinem Körper zählen? Oder die Brust, die jetzt mehr hängt als mit zwanzig, beurteilen?
Stumm schreien sie dir ein “Ist mir doch Latte” entgegen.
Denn diese Menschen haben das Geheimnis des Lebens erkannt, nach dem wir alle streben sollten. Sie sind den ganzen Weg gegangen und haben mit Glück die eine Erkenntnis für sich gezogen, die uns schon Buddha lehren möchte. Du denkst definitiv länger darüber nach, was Menschen über dich denken, als dass andere Menschen über dich nachdenken.
Mit diesem Gedanken schaue ich verträumt auf die immer noch in der Sonne glitzernde Elbe. Die Rechnung haben wir eben beglichen. Du siehst jetzt aus, als wüsstest du, was du als Nächstes tun wirst. Du gehst die Rentner-Stempelkarte im Kopf durch, lächelst mir entgegen und sagst:
Nächstes Todo: Mittagsschlaf, offiziell
Diesen Essay habe ich erstmalig am 26. Mai 2026 auf der Veranstaltung “4qm. Los geht’s” im KulturWerk Hamburg Rahlstedt gelesen.




Sehr guter Text! 😮💨
Du denkst definitiv länger darüber nach, was Menschen über dich denken, als dass andere Menschen über dich nachdenken." Facts!🫰