
Vor ein paar Tagen hat mich hier auf Substack jemand angeschrieben. Ich wäre da, wo die Person hin will. Das hat mir sehr geschmeichelt. Der Understatement-Typ in mir hat sich aber auch gefragt, was daran besonders sei, zu sein, wo ich bin.
Aber es ist besonders. Sehr sogar.
Ihr alle, auch du , seid nicht aus dem Nichts einfach aufgetaucht und habt meine Texte gelesen oder euch in meiner Abonnentenliste materialisiert. Niemand hat auf mich gewartet.
Ich schreibe schon sehr viele Jahre. Dafür habe ich, immer wieder, einen Preis gezahlt. Manchmal so teuer, dass ich es erst mal nicht mehr getan habe.
In der Mittelstufe schrieb ich eine Zeit lang Gedichte auf Anfrage in den Pausen. Auch kleine Reden für Paare, die ich dann theatralisch getraut habe. Ja, das war sehr früh in der Mittelstufe und keine dieser Pausen-Ehen hat gehalten. Irgendwann habe ich auch Jungs geholfen mit ihren Liebesbriefen. Schon immer mochte ich erzählen, mal aufgeregt, mal pathetisch. Dabei habe ich mich nie auf großer Bühne gesehen. Schreibende auf Bühnen ist denke ich, auch eher ein neues Phänomen.
Anfang der fünften oder sechsten Klasse begleitete ich einen Freund zu einem Vorlesewettbewerb. Ich hatte nicht genug Selbstvertrauen, selbst vorzulesen. Später war ich für eine ganze Zeit mal Schulsprecher, gemeinsam mit ein paar anderen Schülerinnen und Schülern. Bei uns bewarb man sich als Gruppe auf den Posten. In der Zeit habe ich genau eine Rede gehalten. Die war improvisiert und meiner Erinnerung nach furchtbar.
In der Folge fühlte ich mich mit Worten auf Papier immer wohler als mit der Bühne. Später in der Oberstufe war das nicht anders. Ich wollte unbedingt Deutsch-Leistungskurs belegen. Möglichst bei meinem Klassenlehrer. Als er von diesem Vorhaben erfuhr, zog er die Augenbraue hoch und fragte mich über seine Brille hinweg, ob ich ein falsches Kreuz gesetzt hätte, ob ich mir wirklich sicher sei. Natürlich vor der ganzen Klasse.
Ich war mir sicher. Seine Frage war jedoch nicht unberechtigt. Bis zur Beendigung meiner Schulzeit mit dem Abitur zog er mir in jeder Arbeit die vollen drei Punkte für mangelnde Rechtschreibung ab. Nur weil du dich mit etwas wohlfühlst, heißt das nicht, dass du jeden Aspekt davon beherrschst. Und das hinderte mich nicht daran, Freude in der Analyse von Goethes Texten oder dem Schreiben von Gedichten in bestimmten Reimformen zu finden. Rechtschreibung ist hingegen noch ein heutiges Problem. Selbst mit allen technischen Hilfsmitteln habe ich immer mal wieder Probleme damit, weil ich manchmal die Vorschläge nicht verstehe und Sätze anders baue, als es die deutsche Sprache vorsieht.
Im Berufsleben gab es mal eine Beschwerde über mich. Jemand war mit meiner Entscheidung nicht einverstanden, fand als einzigen Anhaltspunkt meine Rechtschreibung und griff mich darüber an. Wenn dieser Herr Puppa nicht mal die Rechtschreibung beherrscht, dann kann auch der Rest nur Mist sein. Das war verletzend und erhebend zugleich.
Mein Traum war es, lange bevor ich dort ankam, wo ich jetzt immer noch arbeite, Journalist zu werden. Doch eine private Schule konnte ich mir nicht leisten. Der Numerus Clausus in meinem Abschlussjahr war für mich so unerreichbar, dass ich nach Überbrücken der Wartesemester nicht mehr auf mein Gehalt hätte verzichten können.
Vielleicht hätte ich die Chance zum Quereinstieg gehabt. Während des Endes meiner Schulzeit schrieb ich DVD- und später Blu-ray-Kritiken für Digital-Movie.de, ein Onlinemagazin, das es leider schon viel zu lange nicht mehr gibt. Während einige von dort den mutigen Sprung zum Quereinstieg in die schreibende Branche genommen haben oder heute sogar ihren Lebensunterhalt mit Podcast & YouTube bestreiten, habe ich mich nicht getraut. Ich hatte im Ohr, dass man in Deutschland eine Ausbildung benötigt, sonst läuft hier gar nichts. Wie viele Niederlagen kommen auf die paar Erfolgsgeschichten die wir sehen? Ich bekam nur ein wenig Feedback von den Redakteuren im Team, von außen wenig bis gar keines. Es war ein Job, den ich erledigte. War ich also wirklich gut darin?
Während der Ausbildung gab ich das Schreiben der Kritiken auf. Wir veröffentlichten jetzt auch Texte in einem Printmagazin, für das wir tatsächlich bezahlt wurden. Jedoch mussten Texte dafür gekürzt und überarbeitet werden. Zu groß wurde der zeitliche Aufwand neben der Arbeit.
Dafür verlegte ich mich auf eine private Webseite. Freunde konnten dort ihre Bilder von Feiern hochladen. Ich schrieb einmal im Monat eine Kolumne. Ich denke recht nostalgisch an diese Seite. Ein Freund zeichnete für den Header Bleistiftzeichnungen aller meiner Freunde. Schon damals war Grün meine Grundfarbe, zu der Zeit jedoch noch helles Blattgrün. Das Gelb kam erst heute dazu.
Während die Zeit im Betrieb mich forderte, unterforderte mich die Berufsschule. Ich hatte ernsthaft das Fach Rechnen. Ich hatte neben Deutsch noch Mathematik als weiteren Leistungskurs belegt. Mit einfachen Rechenaufgaben, von denen das komplizierteste der Dreisatz war, war ich nach wenigen Minuten fertig. Ich begann, mit der Hand einen Hamburg-Krimi zu schreiben. Die fertigen Seiten reichte ich jeweils einen Platz weiter. Dort nahmen sie ihren Weg, bis sie wieder bei mir waren. Jetzt liegen sie in meinem Archiv.
Mit meinen Texten ging ich in dieser Zeit stolz und unreflektiert um. Das galt auch für das, was ich schrieb. Ich fühlte mich zwar reif und erwachsen, ich war es jedoch nicht in allen Belangen. In meiner monatlichen Kolumne schrieb ich meine Gedanken zu Liebe und Beziehungen, die ich selbst nicht hatte. Auch in Songtexten und Gedichten sah es nicht anders aus. Selbst meine Schwärmerei für eine Ausbilderin habe ich notiert. Irgendwann erfuhr ich von einer anderen Auszubildenden, dass meine Webseite bekannt war. YouTube war gerade ein Jahr alt, Facebook zwei, Instagram sollte erst in vier Jahren an den Markt gehen. Vor dem großen Social-Media-Boom hatte ich mich durch meine Gedanken und Fotografien plötzlich gläsern gemacht. Auch für Menschen, die nicht mit mir darüber sprachen.
Sie lachen über dich.
Dieser Satz von meiner Mitauszubildenden klingelt heute noch in meinem Ohr. Ich spielte cool, trotzdem gab ich die Webseite wenige Zeit später auf. Nie, auch Jahre später nicht, wurde ich auf diese Webseite angesprochen. Weder negativ, noch positiv. Schrödingers Kritiker. Die Scham war trotzdem real.

Immer wieder träumte ich davon, erneut öffentlich zu schreiben. Vielleicht anonym? Doch ich fragte mich, was ich zu sagen hätte, und wer würde einer anonymen Stimme vertrauen?
Immer wieder hatte ich Ideen, die ich nie umsetzte. Einmal wollte ich einen Blog machen und von einer Vision für ein vereinigtes Europa schreiben. Ein philosophisches Projekt sollte Cogito Ergo Opono (etwa: Ich denke, also bin ich dagegen) heißen. Alles habe ich nie umgesetzt. Gelegentlich habe ich auf meiner Festplatte geschrieben, das war’s. Zu sehr steckte mir das Ereignis von vor gut zwanzig Jahren noch in den Knochen.
Das Zeitalter der Influencer kam und ich war spät dran. Ein zaghafter Versuch, mich wieder zu positionieren, erfolgte auf Instagram. Ausgerechnet mit Golf. Vielleicht eineinhalb Jahre fand man mich unter dem Label Golf nichts anders. Doch wirklich schreiben tat ich dabei nicht. Und mit Corona verschluckte mich der Algorithmus und diese Persona verschwand.

Jetzt sind es sechs Jahre nach Corona. Ich habe einige Hundert Abonnenten bei Substack, ich schreibe unter meinem echten Namen. Ich habe sogar auf ein paar Bühnen gelesen. Den Moment für einen Künstlernamen habe ich verpasst.
Mir ging es privat nicht gut. Und da habe ich wieder angefangen zu schreiben. Für mich.
Ich habe es hier glaube ich schon oft erwähnt. Bevor ich zu Substack kam, habe ich über dreißig Essays geschrieben, die haben nur drei Leute in dieser Welt gelesen. Eine Person davon, ist meine Partnerin. Die sind nirgendwo veröffentlicht. Es gibt genau ein gedrucktes Exemplar, welches ich mir als Abschluss für diese Essay-Gedanken-Reise selbst gedruckt habe. Kein Selbstverlag, ein Unikat.
Ich musste so viele Essays über einen langen Zeitraum schreiben, um wieder zu mir zu finden. Um den Mut zu finden, zu meiner eigenen Stimme zu stehen. Zu erkennen, was sich in den vergangenen zwanzig Jahren in mir geändert hat. Was zerbrochen ist, was ich wieder anders zusammensetzen konnte, auch mit der Hilfe meiner Partnerin und anderer Menschen in meinem Leben.
Vor Kurzem habe ich angezeigt bekommen, dass sich jemand auf Substack angemeldet hat, der noch in meinem Telefon gespeichert war. Ich wusste gar nicht, dass ich das synchronisiert hatte. Einige Tage später, hatte ich eine Mail über einen neuen Free-Abonnenten. Eine Person, die vermutlich vor zwanzig Jahren schon meine private Homepage gelesen hatte, hatte mich abonniert. Und selbst vor Schreck nach zwei Minuten wieder gekündigt.
Das hat erst mal einiges in mir ausgelöst. Vor allem hat es Gefühle von damals wieder hochgeholt. Mit einigen Tagen Abstand ist es jetzt amüsanter, dass es der Person scheinbar unangenehmer ist, dass ich weiß, dass sie mich liest, als dass es mir unangenehm ist, dass ich weiß, dass sie mich liest. Zumal ich diese Person über die Jahre sehr zu respektieren gelernt habe und ihr beruflich viel verdanke.
Daraus werden mir zwei Dinge bewusst. Beziehungen ändern sich und jeder von uns zahlt einen Preis für das Schreiben. Wir zahlen ihn nicht immer für das Schreiben selbst, sondern dafür, dass wir uns mit unseren Worten exponieren. Wir zeigen einen Teil von unserer Seele, das ist unabhängig von dem, was wir tatsächlich schreiben, ein intimer Moment. Wir geben uns preis in der Hoffnung, dass uns jemand da draußen versteht und wir vielleicht jemandem zeigen: Da ist noch jemand, so wie du.
Die meisten von uns, die hier auf Substack schreiben, werden einen Preis gezahlt haben. Nicht alle den selben. Doch wir alle tragen Narben davon, die prägen, wie wir heute sind, als Mensch, und wie wir heute schreiben. Das ist genauso gut und wichtig, wie den eigenen Text von vor 20 Jahren heute selbst komisch finden. Damals war er richtig.
Wir leben ein angebrochenes Leben, nicht kaput, nicht fertig, einfach angebrochen.
Das bedeutet aber auch, dass wir noch werden.
Restacks sind Substacks Version von Mundpropaganda.
Wenn du dich wiederfindest oder denkst, jemand anderes sollte ihn lesen:
Gib ihn weiter oder restacke ihn einfach.
Und falls dir dieser Text was gegeben hat, du aber gerade kein Abo willst:
Du kannst mir auch einfach was in die Kaffeekasse werfen.
Freiwillig, einmalig, ohne Verpflichtung.

Falls du Lust hast einen weiteren Text zu dem Thema zu lesen, empfehle ich dir den frisch erschienen von KATastrophe. Unabhängig voneinander haben wir uns beide mit diesem Thema beschäftigt. Sie hat aus meiner Sicht einen schönen und mutigen Text verfasst:



Lieber Kay, ich habe deinen Text in der Tram, auf dem Weg zum Kino (Corpus Delicti), zu lesen angefangen, bin an der vollkommen falschen Stelle ausgestiegen und für diesen Kommentar sitze ich in einem kleinen Park auf einer Bank.
Für mich bist du hier zu einer Art Vorbild geworden. Du hast mir gezeigt, dass es schon darum geht, sich selbst zu zeigen, aber dass das nicht heißt, sich zu verstellen oder die Ellenbogen auszufahren. Zudem struggelst du immer wieder (da haben wir schon ab und zu drüber gesprochen) und machst trotzdem weiter oder scheinst daraus sogar Kraft zu ziehen. Das ist bewundernswert.
Deine Reise zum Hier und Jetzt finde ich nicht nur sehr sensibel und mutig, weil detailliert beschrieben, sondern auch sehr bemerkenswert. Es hätte so viele Momente geben können, in denen du den Stift nicht nur zur Seite hättest legen können, sondern gleich zerbrechen und wegwerfen. Aber du hast immer wieder zurück gefunden und das zeigt mir mehr als alles andere, dass Schreiben eine sehr wichtige Bedeutung für dich hat. Und es ist so schön, dass das, was dir so viel bedeutet, jetzt endlich auch Lob und Anerkennung bringt: Die Möglichkeit der Printausgabe, Applaus auf den Lesebühnen, eine wachsende Schar an DaL-Süchtigen (zu denen ich mich auch schon lange zähle) und wie ich finde, eine Stimme, der ich auch in den Kommentaren gerne zuhöre, was sie zu sagen hat.
Die Reise hat gerade erst angefangen und ich freue mich auf das, was noch kommt. 🫶
Es gehört viel Mut dazu, sein Innerstes für alle sichtbar zu machen,
Genau soviel Mut gehört dazu, immer wieder anzufangen.
Sir Winston Churchill soll gesagt haben : Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.
Du beherrscht diese Kunst, auch wenn es manchmal schwer ist. Du läßt andere daran teilhaben, die dadurch vielleicht sehen, dass es möglich ist. Dafür bewundere ich dich.