Es gibt so Samstage, da schlendere ich ziellos durch Hamburg und lande schließlich doch wieder in einer dieser wundervollen, freien Buchhandlungen. Diesmal bin ich über Khiders neuen Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ gestolpert und musste dieses Fenster zu einer für mich anderen Erfahrungswelt unbedingt mitnehmen. Ich räume direkt ein, es ist das erste Buch, das ich von diesem Autor lese, und habe erst nach dem Lesen zu recherchieren begonnen. Umso überraschter war ich, festzustellen, dass Khider direkt in deutscher Sprache schreibt und damit einer der Autoren ist, die nicht in Ihrer Herkunftssprache schreiben.
Der vierzehnjährige Noah wächst in einem nicht näher bezeichneten Land auf, das vielleicht Irak sein könnte, in dem zu Beginn seiner Erzählung von den Mudschahidin das Kalifat ausgerufen wird. Von diesem Punkt aus begleiten wir Noah, der in einem Viertel lebt, in dem es viele Taubenzüchter gibt, zu denen auch er selbst gehört. Sein Onkel ist Leiter eines Taubenzüchtervereins und sein Vater hat einen Laden auf dem Basar. Noahs Welt verändert sich rapide und in seiner Gedankenwelt erleben wir den Wandel von einer offenen Gesellschaft zu einem von einem totalitären Regime geführten Staat. Insofern wundert es nicht, dass Khider hier bewusst eine einfache, jugendlichere Sprache wählt, bei der die Welt noch nicht ganz verstanden wird, das Verlangen nach Verständnis jedoch klar vorhanden ist. Es wirkt fast so wie Erzählungen aus einem Tagebuch, wenn die mal kurzen, mal langen Kapitel das Erleben Noahs schildern.
Abbas Khider ist im Irak aufgewachsen und in den 90er Jahren mehrfach von Saddam Husseins Regime wegen politischer Aktivitäten inhaftiert worden. Im politischen Exil trieb es ihn durch mehrere Länder, bevor er erst im Jahr 2000 in Deutschland Asyl erhielt. Er weiß also, wie es ist, in einem Regime aufzuwachsen, und hat aus der Ferne miterlebt, wie im Irak nach dem Ende des Regimes durch die nächsten Machthaber das Kalifat ausgerufen wurde. Doch öffnet uns dies nicht nur die Perspektive auf einen religiösen Staat, der das Leben mehr als nur durcheinanderbringt, sondern auf das Ankommen eines totalitären Staates per se. Die Religion setzt hier nur den Rahmen für die Regeln, die seine Bürger nun erleben. Leicht lässt sich diese Geschichte auch in den Anfang des Nationalsozialismus in Deutschland verlegen. Wie würde ein 14-Jähriger es hier erleben, wenn die Regeln plötzlich neu sind, ungewollte Bücher öffentlich verbrannt und Menschen auf offener Straße missbraucht werden?
Vermutlich wäre er genauso schockiert und irritiert wie Noah in dieser Geschichte. Genau aus diesem Grund ist dieses Buch eine klare Empfehlung. Denn ein Erlebnis außerhalb unserer Gesellschaft kann auch immer ein Spiegel in die Zukunft der unseren sein. Es wirkt fast notwendig, dass wir mit Noah mitfühlen und die Zeichen eines vielleicht negativen Gesellschaftswandels erkennen und aufhalten können. Wie wunderbar, wenn ein Spaziergang einem so großartig erzählte und unerwartete Perspektiven aufzeigen kann.


