Vor einiger Zeit habe ich euch Gilda Giebel in meinem hängengeblieben KulturLetter vorgestellt. Wer noch möchte, kann hier mal reinlesen: Klick mich
Gilda hat freundlicherweise veranlasst, dass mir der Verlag das Buch zusendet. Ich habe es zwar nicht pünktlich zum Erscheinen am 28.09.2026 geschafft, doch jetzt bin ich durch und ganz heiß drauf, euch davon zu erzählen. Ich habe, auch wenn ich das Rezensionsexemplar ohne Kosten erhalten habe, versucht, einen neutralen Blick zu behalten. Mir waren jedoch wenig Dinge aufgefallen, die mich wirklich stören. Mir war jedoch wichtig, dass ihr es einfach wisst.
Gilda Giebel geht in ihrem Sachbuch einem Widerspruch nach: Viele Frauen sehnen sich nach einem liebevollen, respektvollen Partner und fühlen sich trotzdem zu unnahbaren, manchmal sogar gefährlichen Männern hingezogen. Früher arbeitete sie als forensische Psychologin in der Sicherungsverwahrung und erstellte dort Gefährlichkeitsprognosen über Täter. Diese Praxis verbindet sie mit ihrer Forschung zu Partnerpräferenzen und männlicher Dominanz. Zuerst macht sie klar, dass diese gegensätzlichen Impulse weder Schwäche noch Unentschlossenheit sind, sondern aus Biografie und Psyche wachsen. Dann fragt sie, warum sich Gefahr wie Leidenschaft anfühlen kann, wie aus Faszination Abhängigkeit wird und warum es so schwerfällt, einen Menschen zu verlassen, der verletzt. Am Ende zeigt sie, wie aus Sehnsucht echte Gefahr entstehen kann, und greift dafür auf ihr Wissen über Narzissten, Sadisten und Psychopathen zurück.
Als ich mit Gilda ins Gespräch kam, war mir noch nicht klar, was für einen langen Hintergrund Gilda bereits als Expertin in ihrem Gebiet in der Öffentlichkeit hatte. Das merke ich ihr jetzt in ihrem zweiten Buch jedoch sehr stark an. Im positiven Sinne. Immer wieder erzählt sie eher und anhand der Geschichten und verfällt nicht in einen harten Theorie-Ton, der vielleicht in anderen Sachbüchern zu erkennen ist, ohne die Ernsthaftigkeit der Themen in einem Plauderton zu verlieren.
Der Titel Das Böse im Mann polarisiert und überspitzt sicherlich bewusst. Ansatzweise verständlich, auch hier muss der Verlag sehen, dass er verkauft und Aufmerksamkeit für das Thema generiert. Selbstverständlich gibt nicht das eine Böse im Mann, das für alle Männer gilt. Doch gibt es Muster, die sich immer wieder sichtbar in uns oder unserer Gesellschaft wiederholen. Insbesondere diese Dynamiken in Beziehungen, die Femizide und Intimizide. Allein schon der Fakt, dass wir für diese Morde an Frauen spezielle Begriffe haben, die beinhalten, aus welchem Grund sie passierten, zeigt: Hier gibt es ein Thema.
Doch Gilda taucht nicht nur darin ein, sondern beantwortet mir die Frage, warum meine Partnerin so sehr an TrueCrime hängt und aus welchem Grund Dark Romance gefühlt durch jede Decke geht. Und wie eigentlich Filme und Bücher mit ihrem Bild von Romantik in eine gefährliche Falle lenken. Im Fall von TrueCrime ist wider den Erwartungen nicht Sensationslust die Ursache, sondern eher etwas wie Training, um in Situationen reagieren zu können, ohne es tatsächlich bewusst zu trainieren.
Gilda arbeitet hier mit anonymen Geschichten, um an diesen Beispielen diese Fallen, Muster, aber auch Möglichkeiten aufzuzeigen, um sich aus diesen zu befreien. Dabei bewegt sie sich auf der gesamten Bandbreite von Möglichkeiten. Der manipulative Mann, der in der Beziehung als schleichender Unterdrücker auftaucht, ist genauso Teil dieses Buches wie die Fälle von Collien Fernandes, die über Jahre digitale Gewalt unter anderem durch pornografische Deepfakes erleiden musste, und Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem Mann betäubt und von fremden Männern vergewaltigt wurde und den Prozess bewusst öffentlich führte. Letztere sind zwar klare Extrembeispiele, machen mir jedoch noch einmal deutlich: Wo es das Extrem gibt, gibt es auch die Abstufungen, die auch gefährlich sind. Denn klar sollte sein, wir befinden uns immer auf einer Skala. Ein problematisches Verhalten macht noch keinen Psychopathen.
Am wertvollsten war für mich das Kapitel am Ende, das auch Ratschläge zur Selbstbetrachtung oder dem Herauslösen aus toxischen und gefährlichen Beziehungen beinhaltet. Doch es wäre nie so wertvoll, hätte ich nicht den ganzen Weg mit ihr durch das Buch gemacht.
Die Zielgruppe des Buches sind klar Frauen. Doch ich würde hier sehr empfehlen, dass auch wir Männer einen Blick in dieses Buch werfen und es lesen. Zum einen, weil ich es für wichtig erachte, dass wir auch Zeichen bei anderen erkennen und entsprechend handeln können, zum anderen jedoch auch als Teil einer Selbstreflexion.
Gilda hat ein schweres Thema bearbeitet, es gibt viele Gründe, das Buch zu lesen. Neugier, verstehen oder auf das Umfeld einwirken zu können. Wissen gibt Ermächtigung.
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